Fußball

Die Lehren des 13. Spieltags Das Beben der Revier-Klubs

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Huub Stevens' Comeback ging mächtig in die Hose.

(Foto: Revierfoto)

Borussia Dortmund verliert und motzt, Schalke 04 verliert und ist verzweifelt. Die Revierklubs, so unterschiedlich ihre Tabellenregionen auch sind, erleben ein ähnlich bitteres Wochenende: Denn ihre Träume scheinen ausgeträumt. Der FC Bayern schaut derweil Hollywood-Filme.

BVB braucht Haaland statt Stimmung

Es läuft beim BVB. Also stimmungsmäßig. In der Kabine zum Beispiel, wo es zuletzt unter Ex-Trainer Lucien Favre wohl nicht mehr so angenehm zuging. "Die ganze Stimmung ist anders. Es ist enorm viel Stimmung drin, auch in der Kabine, das ist etwas Neues", sagte Torwart Roman Bürki über die neuen Schwarz-Gelben unter Edin Terzić. Sogar auf dem Platz herrsche, laut Mats Hummels und frei nach Andi Möller, vom Feeling her endlich wieder ein gutes Gefühl. "Spirit auf dem Platz", nannte der Abwehrboss das. Das Problem: Stimmung allein erzielt keine Tore und sorgt nicht für Punkte und in diesen Kategorien läuft es derzeit überhaupt nicht mehr beim BVB.

Schon gegen ein arg unkreatives und ungefährliches Werder Bremen gewann Dortmund unter der Woche nur aufgrund eines Elfmeters in der Schlussphase. Davor hatte es die 1:5-Klatsche gegen Stuttgart gesetzt, nun die 1:2-Niederlage bei Union Berlin. "Wenn man erneut ein Spiel über Standards hergibt, hat das auch etwas damit zu tun, wie sehr man unbedingt einen Sieg will", fauchte Hummels nach dem Spiel in Richtung seiner Mitspieler. Das hatte schon wieder etwas von der berüchtigten Mentalitätsdiskussion bei den Schwarz-Gelben - und war auch eine Kritik an den Kollegen, die die Stimmung in der Terzić-Kabine gleich wieder etwas verschlechtern dürfte.

"Das ist eine Katastrophe", machte der Ex-Nationalspieler weiter. "Wir können es dem Gegner nicht so einfach machen." Tatsächlich hatte sich der BVB schon beim 1:2 gegen den FC Köln zwei Ecken-Gegentore wie gegen Union einschenken lassen. Gegen Stuttgart wurde man viel zu leicht ausgekontert. Und so beträgt der Rückstand auf die Bayern bereits nach 13 Spieltagen satte acht Punkte.

"Unprofessionelles Verhalten", kreidete Sportdirektor Michael Zorc seiner Mannschaft deshalb sogar an und schimpfte, sie hätte "durch zwei billige Eckbälle verloren". Überhaupt: "Da fehlt uns die richtige Haltung und Konzentration." Ungewöhnlich harte öffentliche Worte, wieder in Richtung Mentalität: Es rumort so richtig beim BVB, der Favre-Abgang scheint die Wogen kaum geglättet zu haben. Denn die Dortmunder laufen auch diese Saison den Ansprüchen hinterher. Dafür macht Zorc aber auch die Offensive verantwortlich, gegen Bremen war diese kaum auffällig geworden, gegen Union ließ sie beste Chancen liegen.

"Wir brauchen eine persönlich, individuell bessere Leistung unserer Offensivspieler. Sie haben es alle schon deutlich besser gezeigt, jetzt aber schon über einen längeren Zeitraum nicht mehr." Seit einem Monat hat der BVB in der Liga in keinem Spiel mehr als ein Tor erzielt (außer gegen Bremen). Das zeigt auch die Abhängigkeit des derzeit mit einem Muskelfaserriss fehlenden Erling Haalands. Aber auch mit seiner Rückkehr im Januar wird Dortmund in Sachen Meisterschaft wohl kaum noch ein Wörtchen mitsprechen dürfen. Egal, welche Stimmung in der Kabine herrscht.

Schalke sollte schleunigst für die 2. Liga planen

Wer ein Wunder erwartet hatte, der hat diese Saison definitiv zu selten Spiele des FC Schalke 04 geschaut: Auch Jahrhunderttrainer, in diesem Fall der aus dem Ruhestand geholte Huub Stevens, können nicht in Lichtgeschwindigkeit eine kaputte Mannschaft (wenn man sie noch so bezeichnen darf) reparieren. Besonders in der Defensive wackelte S04 wieder gewaltig. Und das gegen Arminia Bielefeld. Die Ostwestfalen hatten seit dem zweiten Spieltag einzig die Partie gegen Mainz 05 gewonnen und waren vor der Partie mit lediglich acht Treffern genauso ungefährlich wie die Schalker selbst. Trotzdem brachten sie die Königsblauen, bei denen unter Stevens also schon im ersten Spiel die oft gerühmte null eben nicht stand, immer wieder in Bedrängnis und schossen sogar noch ein Tor, das wegen Abseits aberkannt wurde. Einmal rettete zudem der Pfosten für Schalke.

Tasmania Berlin zittert bereits, noch zwei Spiele (gegen Hertha und Hoffenheim) und der Negativ-Rekord in der Bundesliga gehört Schalke 04. "Wir können nicht aufgeben. Man muss immer weiterkämpfen", sagte Stevens nach der Niederlage und versuchte es mit vorsichtigem Optimismus. "Es kommt wieder der Tag, an dem wir gewinnen. Glaubt mir." Recht hat er wohl mit seiner nicht allzu gewagten These, nur wann kommt er, der Erfolg? Im Jahr 2020 definitiv nicht mehr. Und so hatte Sportvorstand Jochen Schneider schon vor der Partie resümiert: "Es ist ein katastrophales Jahr. Es ist unglaublich bitter, was passiert ist. Die Erfolgslosigkeit schleppen wir alle mit uns rum."

Ob sich Schalke 04 über die Feiertage einmal schütteln kann und unbefleckt ins Jahr 2021 starten kann? Unwahrscheinlich, wenn selbst Jahrhunderttrainer nicht mehr helfen. Wichtiger könnte für manche Fans sein, dass jetzt nicht wieder mit großem Hickhack ein teurer Trainer geholt wird (wer auch immer nach Stevens' geplanten zwei Spielen übernimmt), sondern, dass der Gang in die 2. Liga geplant wird und Mannschaft und Verein darauf ausgerichtet werden.

Top-Klubs geht die Puste aus

Dortmund? Verloren. Leipzig? Unentschieden. Die Bayern? Nach dem 1:1 bei Union Berlin und dem knappen Sieg über Wolfsburg gewinnen die Münchner in allerletzter Sekunde und durchaus schmeichelhaft bei Bayer Leverkusen. Den Top-Klubs geht die Puste aus auf der langen Zielgeraden im Dezember aufgrund des eng getakteten Spielplans. "Es ist ein knallhartes Programm, für mich das absolut anstrengendste, was ich in meiner Karriere bisher erlebt habe", hatte BVB-Verteidiger Hummels bereits unter der Woche gesagt. "Sich alle drei Tage körperlich zu verausgaben, geht bei mir voll an die Substanz."

Das Problem: Hinter dem Ziel wartet keine Wohlfühloase, die ersten Monate im neuen Jahr dürften ähnlich anstrengend werden. Am 2. Januar geht der Spielbetrieb bereits weiter, damit die Spielzeit bis zum Juni beendet werden kann. Patzer, Ermüdung und Verletzungen werden wohl auch in der zweiten Hälfte der Saison eine große Rolle spielen. Und bei der darauffolgenden Europameisterschaft.

Einen Patzer der gröberen Art leistete sich Jonathan Tah in der sprichwörtlich allerletzten Sekunde, der den Bayern den Weihnachtsmeister-Titel bescherte. Vielleicht war der Schnitzer auch eine Folge der Überbelastung, denn auch Leverkusen spielt europäisch. Weltfußballer Robert Lewandowski drückte es etwas pragmatischer aus: "Wenn die Müdigkeit kommt, musst du deine Qualität zeigen." Weil der Pole, der schon wieder zwei Tore erzielte, imstande ist, diese überaus komplizierte Gleichung stets einfach erscheinen zu lassen, ist er wohl der Beste der Welt zurzeit. Oder es liegt an seinem Nebenjob. Denn Lewandowski schreibt jetzt Drehbücher. Wie sonst ist es zu erklären, dass er stets zum Hauptdarsteller wird in Bayerns, von Thomas Müller so getauftem "Hollywood-Film von 2020"?

Leverkusen kann wirklich Meister werden

Die formstärkste Mannschaft in Deutschland ist derzeit aber Bayer Leverkusen. Gegen Bayern München dominierte die Werkself die erste Halbzeit, gewann fast 60 Prozent der Zweikämpfe, hatte mehr Ballbesitz und erzielte mit dem Schick-Hammer ein wunderschönes Tor. Ein erstes Geschenk der Verteidigung sorgte für Lewandowskis Ausgleichstreffer, ein zweites für das 1:2 (s. oben). Trotz des Verlusts der Tabellenspitze freute sich Trainer Peter Bosz auf Weihnachten, denn das größte Geschenk macht ihm dieses Jahr der Spielstil seiner Mannschaft.

Bosz' offensives, schnelles und pressingbetontes System sorgte im Jahr 2020 bei fast allen Gegner für große Probleme, Leverkusen liegt in der inoffiziellen Jahrestabelle von Januar bis heute auf Platz zwei hinter Bayern München. Nur vier der 29 Ligapartien verlor die Werkself, zwei davon gegen den Rekordmeister.

Und entsprechend selbstbewusst posaunte Leverkusens Spielleiter nach der 1:2-Niederlage gegen die Bayern seine Antwort auf die Frage heraus, wer im Frühsommer die Meisterschale in den Himmel recken werde: "Bayer Leverkusen!" Warum auch nicht? Bayer Leverkusen und nicht der BVB ist (mit RB Leipzig) der erste Kandidat, der den Bayern den Titel streitig machen könnte. Die Pleite am Samstagabend war gar die erste überhaupt in dieser Bundesliga-Saison. "Das Ergebnis ist unverdient und enttäuschend", resümierte Bosz. Seine tonangebende Mannschaft hat nun als Bayern-Verfolger aber noch genügend Zeit, um auch 2021 zu ihrem Jahr zu machen und das Endergebnis zu den eigenen Gunsten zu bestimmen.

Werder-Wunder gibt es doch noch

An der Weser gibt es dieser Tage ja selten etwas zu feiern. Doch nun dieses Teenie-Wunder. Ein kleines Weihnachtswunder fast schon, das Werder Bremen in der 90. Minute den so wichtigen Auswärtssieg bei Mainz 05 bescherte. Der 19-jährige Eren Dinkci kam, sah (bzw. köpfte) und siegte - sprichwörtlich. Zum ersten Mal stand der U23-Kicker überhaupt im Kader der Profimannschaft, wurde dann sogar eingewechselt und vollendete mit seiner allerersten Ballberührung eine Tahith-Chong-Flanke platziert ins rechte Eck. "Drei Punkteee!!!", schrieb er im Anschluss auf Instagram. "Seitdem ich denken kann, habe ich von meinem ersten Bundesligaspiel geträumt - und was heute passiert ist, kann ich kaum in Worte fassen."

Für den ganzen Verein war dieses Werder-Wunder ein Hoffnungsschimmer nach einem miserablen Jahr. Wieder einmal agierte Bremen im letzten Drittel viel zu ungefährlich, Mainz und Werder unterboten sich in Sachen mangelnde Kreativität. Das Jahr 2021 dürfte für beide sehr schwer werden. Doch dank des Dinkci-Wunders haben die Hanseaten jetzt vier Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz und acht Punkte auf die direkten Abstiegsränge.

Wenn Füllkrug, Selke, Bitttencourt und Co. wieder zurück sind, wird der 19-Jährige zwar kaum noch mal für Bremen spielen dürfen, doch sein Tor im Sechs-Punkte-Spiel könnte richtungsweisend gewesen sein. Bedanken kann sich Dinkci bei Werders Co-Trainer Tim Borowski, der so ein ganz besonderes Bauchgefühl hatte und Cheftrainer Florian Kohfeldt überredete, den Youngster einzuwechseln.

Quelle: ntv.de

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