Fußball

Leise Revolte der Fußball-Welt Das unwürdige Ende der Heldengeschichte

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Messi (links) und Ronaldo dominierten über Jahre die Champions League, damit ist jetzt Schluss.

(Foto: REUTERS)

Einen großen Titel haben Messi und Ronaldo schon länger nicht mehr gewonnen, jetzt scheiden sie ehrlos aus der Champions League aus. Das ewige Duell der Besten der Besten neigt sich allmählich dem Ende zu. Können Haaland und Mbappé das Heldenepos fortschreiben?

Heldengeschichten sollten nicht so enden dürfen. Niemals. Nicht einmal für Menschen, deren Status als Held zwischen Liebe und Hass changiert. Cristiano Ronaldo ist so einer. Er hat dem Fußball unfassbare Momente gegeben. Das Tempo, mit dem er den Ball bewegte, erreichen manche nicht mal mit ihrem Auto. Wie ihm der Ball dabei gehorchte, sensationell.

Er hat der Welt auch ein Tor geschenkt, an das man sich wohl ewig erinnern wird. Den spektakulärsten Fallrückzieher der Geschichte. In 238 Zentimetern Höhe traf er den Ball. Ein Wahnsinn, den die Zuschauer in Turin mit Applaus und Staunen verfolgten. Und das, obwohl Ronaldo damals noch für Real Madrid spielte. Es war eines von 15 Toren in dieser Saison, die der Portugiese und die Königlichen mit dem Triumph in der Champions League krönte (ohne Ronaldo-Tor). Insgesamt hat CR7 unglaubliche 134 Treffer in der Königsklasse erzielt.

Ronaldo hat dermaßen viele großartige fußballerische Geschichten zu erzählen, dass die jüngste einfach nur erniedrigend und unwürdig daherkommt. Weil er sich gegen den FC Porto aus der Freistoßmauer wegdrehte, scheiterte er mit Juventus im Achtelfinale der Königsklasse. Früh, zu früh. Wieder einmal. Ronaldo und die "alte Dame", das ist zumindest international keine Ehe, die glücklich macht.

Messi mit Traumtor

Dieses Glück in der sportlichen Beziehung spürt auch Lionel Messi beim FC Barcelona nicht mehr. Der ewige Duellant des Portugiesen, der immerhin 120 Champions-League-Tore geschossen hat. Im Kampf um die Anerkennung steigerten sich die Beiden zu immer neuen Rekorden und Wow-Momenten. Messi und Ronaldo dribbelten, zauberten, trafen - die Welt staunte.

Und das tat sie auch an diesem Mittwochabend. Denn nachdem sich Ronaldo bereits vorzeitig aus dem renommiertesten Vereinswettbewerb des Weltfußballs zurückgezogen hatte, wurde auch Messi die Berechtigung für die nächste Runde verwehrt. Das Remis im Rückspiel gegen Paris St. Germain reichte nicht, um die Klatsche aus dem ersten Duell (1:4) zu korrigieren. Angesichts folgender Statistik darf man ruhig vom Ende, oder zumindest von der Ruptur einer Ära sprechen: Es ist das erste Mal seit der Saison 2004/05 - damals spielten beide noch nicht die erste Geige in ihren Teams -, dass sowohl der Argentinier als auch der Portugiese nicht im Viertelfinale der Champions League stehen.

Doch während Ronaldo mit Schimpf und Schande in den italienischen Medien bedacht wurde, die "Gazzetta dello Sport" stellte ihn "unter Anklage" und "La Repubblica" sprach von "Versagen", wurde im Umgang mit Messi Milde walten gelassen. Er hatte gekämpft, er hatte natürlich auch mal wieder ein Traumtor erzielt. Aber er hatte auch einen Elfmeter vergeben. Und das ist, was diese Heldengeschichte von Messi und Ronaldo enden lässt: Die Kräfte der Über-Spieler des vergangenen Jahrzehnts lassen nach. Ganz allmählich, wie bei einem Fahrradschlauch, der aufgrund eines winzigen Lochs Tag für Tag ein wenig Luft verliert.

Ein guter Messi, ein guter Ronaldo reichen nicht mehr

Natürlich bedeutet das langsame Nachlassen der Kräfte nicht, dass die beiden Ausnahmekönner definitiv keine großen Titel mehr gewinnen werden. Dafür sind sie immer noch zu gut. Ronaldo hat in dieser Spielzeit in 22 Ligaspielen 20 Tore geschossen und immerhin viermal in der Champions League geknipst. Messi traf in der Primera División 19 Mal (acht Vorlagen) und fünfmal in der Königsklasse. Aber: Ein guter Messi, ein guter Ronaldo allein reichen eben nicht mehr für die großen Siege. Vor einigen Jahren genügte manchmal ein Sahnetag einer der beiden, und für den Gegner war bereits alles verloren. Davon sind die (ehemaligen) Dominatoren nun schon ein gutes Stück entfernt, ein Spiel im Alleingang beherrschen geht dieser Tage einfach nicht mehr.

Früher war in großen Spielen stets eine extra Leistungsexplosion zu erwarten, Ronaldo traf als einziger Spieler weltweit in drei Champions-League-Finals. Nun zeigen die Formkurven wohl weiter nach unten in den wichtigen Partien. Das zeigt schon Messis Leistung beim 2:8-Debakel gegen Bayern München in der vergangenen Saison. Tatsächlich war der Triumph Ronaldos 2018 in der Champions League der letzte große auf internationaler Ebene. Messi, der auch wegen seiner wilden Querelen mit dem Klub mit einem Wechsel im Sommer liebäugelt, könnte mit einem neuen Verein wieder angreifen. Bei Paris Saint-Germain könnte es funktionieren, weil er sich die Aufgaben Kreativität, Spielgestaltung und Tore schießen mit Neymar und Kylian Mbappé aufteilen würde.

Ohne die Konzentration der gesamten Last auf den eigenen Schultern wäre sowohl für den Portugiesen als auch für den Argentinier noch einmal ein internationaler Titel drin. Als einer von mehreren Superstars und nicht als DER Held. Der Franzose Mbappé von PSG, mit seinen gerade einmal 22 Jahren schon Weltmeister, ist einer, der bereit scheint, die Heldenhistorie von Messi und Ronaldo zu übernehmen. Mit seinen Dribblings und seiner Wendigkeit erinnert er ein wenig an den Barça-Zehner, auch wenn er sicherlich schneller, dafür aber (noch) nicht so genial agiert.

Übergabe des Helden-Staffelstabs

Einer, bei dem wegen seiner Kraft und Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor auch immer etwas CR7 mitschwingt, ist Borussia Dortmunds Erling Haaland. Im Zeitraum von nur einem Jahr hat der Norweger schon kräftig am eigenen Heldenstatus gearbeitet: In seinen ersten 14 Champions-League-Spielen erzielte der erst 20-Jährige 20 Tore. Die Fußball-Welt reibt sich ungläubig die Augen. Messi und Ronaldo sind bei dieser Statistik übrigens nicht mal in den Top fünf, sondern Harry Kane (24 Spiele), Alessandro del Piero (26), Ruud van Nistelrooy (27) und Filippo Inzaghi (28). CR7 brauchte sogar 30 Partien für seinen allerersten Treffer. Haaland schaffte auch bereits etwas anderes, das Messi und Ronaldo gar noch nie hinbekamen: Er wurde am Dienstag gegen Sevilla auch der erste Spieler der Königsklassen-Historie, der in vier aufeinanderfolgenden Spielen jeweils mindestens doppelt traf.

Mbappé und Haaland scheinen geschaffen für Größeres, sie könnten die neuen Superstar-Rivalen werden. Neue Rekorde, immer neue Wow-Momente: Die derzeitigen Torquoten der Stürmer von BVB und PSG konnten Ronaldo und Messi am Beginn ihrer Karrieren nicht vorweisen. Allerdings müssen sie noch über einen längeren Zeitraum und in den ganz großen Spielen ihre Ausnahmequalitäten beweisen, um wirklich in den Messi-Ronaldo-Olymp aufzusteigen. Das schaffte bislang nicht einmal Robert Lewandowski, trotz seiner unglaublichen Torquoten in den vergangenen anderthalb Jahren; der 32-jährige Pole ist für eine neue Ära außerdem schlichtweg zu alt.

Dennoch hat die Übergabe des Helden-Staffelstabs begonnen. Keiner zerrt so heftig daran, wie Haaland und Mbappé. Die Welt staunt wieder, sieht wie zwei Spieler sich zu immer neuen Höchstleistungen hochschaukeln: Gemeinsam haben sie seit Beginn der Saison 2019/20 in der Champions League 31 Tore geschossen, Messi und Ronaldo kamen auf im selben Zeitraum 16 Treffer. Die neuen Heldengeschichten, sie sind nicht mehr auf Spanisch und Portugiesisch erhältlich. Sie werden auf Norwegisch und Französisch geschrieben.

Quelle: ntv.de

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