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Der Druck wächst, RB überrascht "Den Bayern fehlt die Souveränität"

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Mit einem Sieg gegen RB und drei Punkten Vorsprung geht Bayern München in die Winterpause. Dominanz sieht anders aus.

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Die Bundesliga geht in die Winterpause - und ist dabei spannend wie lange nicht. Welche Rolle spielt dabei RB Leipzig? Was ist mit den Bayern los? Und was mit den deutschen Schiedsrichtern? Bringt Heribert Bruchhagen dem HSV endlich die nötige Ruhe? Wieso kann Eintracht Frankfurt um die Champions-Plätze mitspielen? Wer wird am Ende deutscher Meister? Fußballexperte Uli Stein findet im n-tv.de-Interview klare Worte und Antworten.

n-tv.de: Herr Stein, die Winterpause ist da und die Bundesliga ist so spannend wie schon lang nicht mehr. Woran liegt das?

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Uli Stein ist bekannt für klare Worte.

(Foto: picture alliance / dpa)

Uli Stein: Es gibt zwei Gründe dafür. Zum einen sind die Bayern nicht mehr so dominant wie in den Vorjahren - ihnen fehlt die Souveränität in dieser Saison. Zum anderen haben sie mit Leipzig einen echten, ernst zu nehmenden Konkurrenten bekommen, der wohl der stärkste Aufsteiger seit geraumer Zeit. Leipzig ist zudem auch in der Lage, den Bayern langfristig Paroli bieten zu können. Leipzig hat so viel Qualität in der Mannschaft, die Bundesligasaison weiter spannend zu halten.

RB polarisiert: Retortenklub, keine Tradition, gepampert mit Red-Bull-Millionen heißt es von den Gegnern. Die Befürworter führen den Offensivfußball ins Spiel. Wann wird sich das Thema RB Leipzig normalisieren?

Uli Stein

Uli Stein, 1954 in Hamburg geboren, spielte 512 Mal in der Bundesliga. Neben Arminia Bielefeld (1976-80, 1995-97) und Eintracht Frankfurt (1987-94, Pokalsieger 1988) stand er auch im Tor des Hamburger SV (1980-87, 1994/95). Mit dem HSV gewann er 1983 den Europapokal der Landesmeister, 1987 den DFB-Pokal und wurde zweimal Deutscher Meister (1982, 1983). Sechs Mal stand er im Tor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Bei der WM 1986 in Mexiko bezeichnete er Teamchef Franz Beckenbauer als "Suppenkasper" und flog aus dem Team. Steins Autobiografie "Halbzeit" (1993) war ein Bestseller. Heute ist er unter anderem RTL-Fußballexperte.

In meinen Augen gibt es keinen Grund, irgendetwas Negatives über RB Leipzig zu sagen. Der Klub leistet eine hervorragende Arbeit, das schon seit Jahren und beginnend im Jugendbereich. Das hat System, ist langfristig geplant und aufgebaut. Und jetzt stellt sich auch der Erfolg ein. RB Leipzig ist kein Zufall.

RB ist eine positive Überraschung der Saison. Sie erinnern an Hoffenheim in deren Aufstiegssaison. Da folgte der Einbruch in der Rückrunde. Wird es bei Leipzig anders laufen?

Ja, das glaube ich nicht. Ganz einfach deshalb, weil Leipzig in meinen Augen zum einen solider aufgestellt ist. Zum anderen lässt sich der Klub nicht blenden von dem Erfolg in der Vorrunde. Der Klub wird weiter so konsequent und zielstrebig arbeiten wie bisher. Deshalb glaube ich nicht das Leipzig ein zweiten Hoffenheim von damals werden wird. RB wird sich in der Spitze festsetzen. Da bin ich fest von überzeugt.

Gibt es noch weitere Unterschiede zwischen RB und dem Hoffenheim von damals?

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Ein Grund für Leipzigs Aufschwung: Stürmer Timo Werner trifft und trifft.

(Foto: AP)

Bei Hoffenheim hat man damals versucht, den Erfolg kurzfristig zusammenzukaufen. Man hat viel Geld in die Hand genommen, Topspieler gekauft. Kurzfristig hatte man damit Erfolg. In Leipzig baut man bereits seit Jahren an dieser jungen Mannschaft, investiert gezielt in junge, hungrige, erfolgsgeile Spieler. Riesenfußballer, gekauft für die Zukunft. Das ist der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Klubs - Leipzig und Hoffenheim damals.  

Aber auch Hoffenheim ist eine positive Überraschung. Noch ungeschlagen. Wie konnte sich aus dem Abstiegskandidaten der Vorsaisons ein solches Spitzenteam entwickeln?

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TSG-Trainer Julian Nagelsmann ist der jüngste Coach der Bundesliga.

(Foto: imago/ActionPictures)

Hoffenheim hat ganz klar die Zeichen der Zeit erkannt. Man hat sich davon verabschiedet, teure oder überteuerte Spieler zu kaufen. Stattdessen schaut man auch in Hoffenheim wieder verstärkt nach jungen Spielern. Arbeitet finanziell solide. Hoffenheim versucht, systematisch wieder etwas aufzubauen. Der Erfolg im bisherigen Saisonverlauf gibt der Vereinsspitze dabei recht.

Auf die Jugend setzen, das gab es ja schon einmal in Hoffenheim. Bleibt der Verein diesmal auch langfristig dran? 

Ich glaube, im Gegensatz zu Leipzig, hält das Hoffenheim langfristig nicht so konsequent durch. Ich denke, der Verein wird sich oben, unter den ersten zehn behaupten. Aber für die absolute Spitze reicht es noch nicht.

Ein Spitzenverein, zumindest tabellarisch, ist der Abstiegskandidat der Vorsaison, Eintracht Frankfurt. Aus der Relegation direkt in die Champions League scheint das Motto zu sein. Ist das möglich, dürfen die Eintracht-Fans träumen?

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Feiernde Frankfurter: Ein häufiges Bild in der bisherigen Hinrunde.

(Foto: picture alliance / Arne Dedert/d)

(Lacht) Träumen ist immer erlaubt. Aber ich glaube auch, dass es möglich ist! Allein schon deshalb, weil von Platz drei bis Platz 18 jeder jeden schlagen kann. Die Liga ist so eng wie schon lange nicht mehr. Wenn man da einmal eine Serie startet, wie zwischenzeitlich Schalke ader auch jetzt Wolfsburg, geht es ganz schnell von unten nach oben. Aber eben auch umgekehrt, siehe Leverkusen oder Mönchengladbach. Und Frankfurt hat bewiesen, dass sie hinten gut stehen. Dass sie auch enge Spiele gewinnen und Partien drehen können.

Welchen Anteil trägt das Trainerteam um die Kovac-Brüder dabei?

Mann des Erfolgs

Mit Niko Kovac kam der Erfolg zurück nach Frankfurt.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Niko Kovac hat etwas bei der Eintracht geschafft, das man lange, lange Jahre bei Frankfurt vermisst hat: Die Mannschaft ist topfit, zeigt 100-prozentigen Einsatz und ist in der Lage über 90, 95, 100 Minuten Vollgas zu geben. Das Ergebnis: viele spät für die SGE entschiedene Spiele. Das wiederum gibt einer Mannschaft auch das nötige Selbstvertrauen. Das alles hat sich zum Ende der Vorsaison bereits angedeutet. Kovac kam zur rechten Zeit zur Eintracht. Ohne ihn wären sie damals abgestiegen, nun spielen sie um das internationale Geschäft.

Zu Saisonbeginn gab es noch zahlreiche Kritiker, die die Mannschaftszusammenstellung kritisiert haben. Spieler aus 15 Nationen standen zeitweise im Kader. Oft standen mit Bastian Oczipka und Alex Meier nur zwei Deutsche im Eintracht-Trikot auf dem Platz ...

Ja, das stimmt. Ich gehörte auch zu den Skeptikern. Es wurden Witze darüber gemacht, welche Sprache eigentlich in der Kabine gesprochen wird. Aber Niko Kovac hat es geschafft, aus all diesen verschiedenen Spielern eine Mannschaft zu formen. Kovac wusste genau, welche Spieler er für welche Position haben will. Da spielt die Nationalität erst einmal keine Rolle. Und der Erfolg gibt ihm erneut recht. Ein Rädchen greift ins andere. Da kann man vor ihm nur den Hut ziehen. Mein Kompliment!

Reicht es denn für die Champions-League-Qualifikation?

Frankfurt wird auf jeden Fall bis zum Schluss da oben mitmischen. Spielstark war die Eintracht ja schon immer. Jetzt hat das Team dank Kovac auch kämpferisch und konditionell zugelegt. Wenn sie auch 2017 so konsequent weiterarbeiten, wird es auf alle Fälle für einen internationalen Platz reichen. Ob am Ende die Champions League herausspringt, muss man dann sehen.  

Mit Hertha BSC haben viele Experten ebenso nicht unbedingt auf den internationalen Plätzen gerechnet. Mal zusammengefasst: Wer hat Sie am meisten überrascht bisher?

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Ralf Rangnick ist einer der Väter des Erfolgs von RB Leipzig.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die größte Überraschung ist Leipzig, weil das absolut so nicht zu erwarten war. Wie souverän diese Mannschaft als Aufsteiger auftritt, nötigt Respekt ab. Das Ergebnis im Spiel gegen die Bayern war nicht entscheidend, entscheidend war, dass sie spielerisch mithalten. Dass Leipzig jetzt da oben in der Tabelle steht, ist kein Zufall und hat auch nichts mit Glück zu tun. Sie haben sich da oben hin gespielt.

Jetzt mal zu den "Absteigern". Wer ist denn in Ihren Augen die größte Enttäuschung?

Borussia Mönchengladbach und der VfL Wolfsburg sind für mich bisher die beiden größten Enttäuschungen. Wobei Wolfsburg derzeit - zumindest kurzfristig - die Kurve zu kriegen scheint. Bei Gladbach ist nun der Trainer weg, da muss man schauen, was da über die Winterpause passiert. Aber bisher sind diese beiden Klubs die negativen Überraschungen der Spielzeit.

Gehört Borussia Dortmund zu den Enttäuschungen der bisherigen Saison?

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Thomas Tuchels Team ließ bisher zu viele Punkte liegen.

(Foto: dpa)

Nein, auf keinen Fall. Die Mannschaft befindet sich derzeit in einem rigorosen Umbruch. Der BVB hat derzeit eine U23-Weltauswahl. Da müssen Fehler erlaubt sein. Und Fehler kosten Punkte. Das sieht man an der Tabelle derzeit. Um oben richtig anzugreifen, kommt diese Saison noch zu früh. Aber wenn sich das Team gefunden hat und sich die Spieler wie gedacht weiterentwickelt haben, wird Dortmund in der kommenden Saison wieder für Furore sorgen. Da bin ich mir sicher!

Für Furore im negativen Sinn sorgte immer wieder der HSV. Auch diese Saison gab es wieder einen Trainerwechsel, dazu noch einen neuen Vorstandschef: Heribert Bruchhagen. Schafft der Klub mit ihm die Wende zum Positiven?

Welche Rolle spielt der Trainer Markus Gisdol?

Da kann man sich noch kein abschließendes Urteil erlauben. Er ist noch nicht lange im Amt, konnte noch nicht viel Einfluss auf eine Mannschaft nehmen, die er zudem nicht so zusammengestellt hat. Das, was das Team aber bisher zeigt, spricht für Gisdol. In der Winterpause kann er die Mannschaft nun so formen und einstellen, wie er sie gerne hätte - den ein oder anderen Neuzugang inklusive. Am Ende der Saison lässt sich über Gisdol dann sicher mehr sagen.

Also keine Relegation am Ende der Saison für den HSV?

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Der HSV überwintert mit Markus Gisdol auf dem Relegationsplatz.

(Foto: dpa)

Im Moment sieht es so aus, dass sie es schaffen könnten, da unten wegzukommen. Aber so oder so bleibt es ein schwieriges Unterfangen, denn unten in der Tabelle ist alles eng zusammen. Mehrere Teams haben angefangen zu punkten. Es gelingt so nicht, mal ein Polster auf die Abstiegsplatze aufzubauen, sich abzusetzen von den restlichen Teams. Es wird ein ganz, ganz harter Weg für den HSV, wieder einmal.

Wen wird es diesmal denn treffen?

Darmstadt 98 sehe ich derzeit als Absteiger Nummer eins. Danach kommt Ingolstadt. Das sind für mich die beiden Top-Abstiegskandidaten. Dahinter wird es wie gesagt eng: Gladbach, Wolfsburg, HSV, Bremen, Augsburg - die mischen da sicher mit. Und haben alle schon den Trainer gewechselt ...

Apropos Trainer: Nicht nur sie wurden zu den Sündenböcken für miese Tabellenplätze erklärt, auch einige Sportchefs mussten ihre Posten räumen. Ist das ein neues Phänomen?

Klaus Allofs

Klaus Allofs Wolfsburger Zeit ist abgelaufen.

(Foto: Peter Steffen/dpa)

Ja, irgendwie schon. In der Bundesliga geht es um immer mehr Geld. Der Druck auf die Verantwortlichen nimmt von Saison zu Saison zu. Keiner will absteigen, da der Unterschied bei den Fernsehgeldern zwischen der 1. Fußball-Bundesliga und der 2. Liga schon allein enorm ist. Dazu kommt, dass in vielen wichtigen Vereinsgremien Menschen sitzen, die vom Fußballgeschäft wenig Ahnung haben. Die sind dem Druck dann nicht gewachsen, verlieren schneller die Nerven und das Resultat haben wir in der Hinrunde gesehen. Ganz extrem.

Extrem war auch so manche Schiedsrichterentscheidung. Zumindest diskussionswürdig. Was sagen Sie zu den Schiedsrichterleistungen bisher in dieser Saison?

Wir haben in Deutschland wirklich einmal die besten Schiedsrichter der Welt gehabt. Doch von diesem außergewöhnlichen Niveau sind wir derzeit weit entfernt. Die Schiedsrichterleistungen lassen sehr zu wünschen übrig und sind eigentlich nicht mehr auf internationalem Niveau. Es sind sehr fragwürdige Entscheidungen getroffen worden.

Klingt nach einer Forderung der Einführung des Videobeweises ...

Absolut! Es wird höchste Zeit, dass der Videobeweis kommt. Es kann nicht sein, dass so krasse Fehlentscheidungen wie wir sie im bisherigen Saisonverlauf gesehen haben, darüber entscheiden, wer absteigt oder Meister wird! Die technische Entwicklung gibt den Videobeweis her, die Bundesliga muss da einfach mit der Zeit gehen. Das ist dringend notwendig!

Wenn Sie ein Zwischenfazit ziehen zum bisherigen Saisonverlauf - wie würde es ausfallen?

(Lacht) Es ist schön, dass wir nicht wieder so eine eintönige Saison wie in den Vorjahren haben. Diese Saison wird auf alle Fälle spannend. Von Platz drei bis Rang 18 ist alles möglich, jeder kann jeden schlagen. Ich sehe aber keinen, der Bayern und Leipzig an der Bundesligaspitze noch gefährden könnte. Der Rest kämpft um die internationalen Plätze - und gegen den Abstieg.

Und wer wird am Ende Meister?

Die Bayern. Im letzten Bundesligaspiel in diesem Jahr haben sie ihre Dominanz doch noch gezeigt. Gegen Leipzig war ein Klassenunterschied feststellbar. In dieser Saison kann RB den Rekordmeister noch nicht ärgern - was man von einem Aufsteiger aber auch nicht erwarten kann. Vielleicht in der nächsten Spielzeit.

Mit Uli Stein sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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