Fußball

Die Lehren des neunten Spieltags Der FC Bayern kaisert wieder - im Blaumann

cb6f7199c936cf594ab6842154a0ee6f.jpg

Neue Frisur? Nein, nein hinter Bayerns Matchwinner Thiago steht Renato Sanches. Beide Spieler waren maßgeblich am Arbeitssieg in Mainz beteiligt.

(Foto: imago/Thomas Frey)

Der FC Bayern greift am neunten Spieltag der Fußball-Bundesliga auf ein lange vermisstes Stilmittel zurück. Tabellenführerin Borussia Dortmund wird wieder "irdisch" und die Liga widerlegt BVB-Boss Hans-Joachim Watzke.

1. Der FC Bayern malocht sich durch die Bundesliga

Faktisch betrachtet ist die Überschrift falsch. Der FC Bayern kaisert (siehe unten) nicht im Blaumann, sondern im "Mintmann". Weil es das Wort aber nicht gibt und es auch niemand verstehen würde, haben wir uns für diesen alternativen Fakt entschieden. Grundsätzlich ist das egal - außer den Fans, die den "Mintmann" als falsches "Leiberl" verteufeln und die Würde der Vereinsfarben als unantastbar verteidigen. Wäre dies das einzige Problem, mit dem sich der FC Bayern befassen müsste, würde es prächtig um den Tabellenzweiten der Fußball-Bundesliga stehen. Aber auch nach dem 2:1 beim 1. FSV Mainz 05 an diesem neunten Spieltag, dem dritten Erfolg hintereinander, hadern kritische Medien und Experten weiter mit dem biederen Spiel der Münchner. Da fehlen Glanz, Dominanz und Spektakel - auf eine Malochertruppe wird die Millionentruppe da reduziert. Faktisch wird das sogar aus München bestätigt.

*Datenschutz

Einen "Arbeitssieg" sah Trainer Niko Kovac. Joshua Kimmich toppte das noch: "Es war ganz klar ein Arbeitssieg". Nun, verwerflich ist daran ja nichts, andere Vereine wie der FC Schalke 04, Borussia Dortmund, der VfL Bochum oder Erzgebirge Aue verkaufen die Maloche leidenschaftlich als Klub-Merkmal - und gewinnen damit Sympathien. Warum also nicht der FC Bayern? Nun, weil die Maloche nicht Teil der Vereins-DNA ist. Für zärtliche Ballberührungen gibt's mehr Applaus als für weniger zärtliche Blutgrätschen, der Tunnel steht Anhang und Spielern näher als das Tackling. Aber: In Mainz war nicht nur "Tag der Arbeit". Die Bayern zeigten tatsächlich wieder Bruchstücke des überzeugten "Mia-san-mia"-Fußballs.

Auch wenn den von Jérôme Boateng ins Münchener Spiel wieder eingeführten Diagonalbällen die einst kaiserliche Präzision fehlte, so setzte das Stilmittel auch Thomas Müller mehrfach gut in Szene - der ja für den Fortbestand seiner Stammspieler-Karriere durchaus gute Szenen braucht. Dass aber weder Boateng noch Müller am spektakulären Kaiser-Moment in der 39. Minute beteiligt waren, ist vermutlich eher interne Notiz als neues Pulverfass-Thema. David Alaba kaiserte den Ball einmal quer über die Mainzer Hälfte auf Kimmich, der leitete auf Goretzka weiter und der wiederum hämmerte den Ball per eingedrehtem Volley ins Tor. Dass die Bayern da erst 1:0 führten, lag unter anderem daran, dass Kimmich zuvor einen technisch anspruchsvollen Schuss an die Unterlatte genagelt (27.) und der Video-Assistent ein Thiago-Tor nach einem Robert-Lewandowski-Foul (die Einschätzung von Collinas Erben finden Sie hier), aberkannt hatte. Der Treffer zum Sieg (62.) war dann eine Kombination aus Wille und Wow-Effekt: Renato Sanches erarbeitete sich den Ball, dann spielten Lewandowski und Thiago das in höchstem Tempo fein zu Ende. Ende der Krise? Nun es ist vermutlich so, wie Müller sagte: "Für uns geht es darum, die Spiele zu gewinnen. Da haben wir aktuell genug mit zu tun." Zum Beispiel am Dienstag, im Pokal in Osnabrück gegen - Obacht - den Regionalligisten SV Rödinghausen.

2. Der BVB wird ein bisschen "irdischer"

Als Dietmar Hamann im Fußball-Talk "Sky 90" sagte, dass Borussia Dortmund in diesem Jahr nicht die Champions League gewinnen werde, da guckte Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung des BVB, doch deutlich reduziert. Als Hamann dann aber erklärte, dass das Halbfinale doch wohl drin sei und die Schwarzgelben auch um die Meisterschaft in der Bundesliga mitspielen könnten, da entspannten sich die Kehl'schen Züge wieder. Dass der Experte am Sonntagabend von seiner totalen Kolumneneuphorie am Freitag ("Ich sehe beim BVB kein Limit") ein wenig abrückte, hatte mit dem 2:2 gegen die Hertha zu tun.

ee191d632d599d7d4db2c91137256560.jpg

Für mehr Cleverness: Marco Reus.

(Foto: imago/Kirchner-Media)

Denn ein paar von den "überirdischen" Schwarzgelben wurden plötzlich irdisch. Der auch diesmal wieder so zweikampf- und passstarke Feldmarschall Axel Witsel beispielsweise ermöglichte das 1:1, weil er ein bisschen zu spät nach hinten sprintete. Mahmoud Dahoud spielte in wilder Abwechselung famose und fatale Pässe (zum Beispiel vor dem 1:1). Jacob Bruun Larsen (86.) verzog die Entscheidung zum 3:1 freistehend (allerdings aus vollem Lauf) und fahrlässig neben das Tor. Das neben dem Doppeltorschützen Jadon Sancho eigentlich überragende Abwehrtalent Dan-Axel Zagadou patzte in der 90. Minute im Strafraum gegen Davie Selke und verursachte den Elfmeter zum 2:2. Und was bedeutet das nun? "Wir haben am Ende etwas naiv gespielt“, monierte Kapitän Marco Reus und forderte: "Wir müssen einfach cleverer sein und sagen: Ein 2:1 ist auch in Ordnung, dafür gibt es auch drei Punkte. Wir müssen nicht immer vier oder fünf Tore schießen." Genauso. Und nicht mehr.

3. Schalke kultiviert "grauenhaften" Torlos-Kick

Es ist nicht alles schlecht, denn: Alexander Nübel hielt nach dem Spiel bei Galatasaray Istanbul nun auch gegen RB Leipzig den Schalker Kasten sauber. Diese kleine Erfolgsgeschichte des erst 22 Jahre alten Ersatztorhüters ist aber fast die einzige positive Nachricht, die es nach dem 0:0 aus Schalker Sicht gibt. Denn: Das königsblaue Dilemma dieser Saison setzt sich mit der dürftigen Fußballkost in Leipzig beharrlich fort. Oder um es erneut mit Dietmar Hamann (siehe oben) zu sagen: "Es war ein grauenhafter Kick, Fußball zum Abgewöhnen."

*Datenschutz

So lautete das unbarmherzige Fazit des Sky-Experten. In seiner weiteren Analyse der Gelsenkirchener Performance verwendete Hamann neben "grauenhaft" noch weiteres Vokabular, das in der vergangenen Saison fast exklusiv dem HSV zugeschrieben worden war. "Wenn du jeden zweiten Ball zum Gegner spielst, hat das mit Bundesliga nichts zu tun", bewertete er die Passquote von 56 Prozent. Das sei "unterirdisch". Bei Schalke hingegen herrscht eine ganz eigene Art von Selbstkritik. "Wir haben eine Null-Gegentore-Mentalität entwickelt, nur nach vorne passiert noch zu wenig", sagte Abwehrspieler Benjamin Stambouli.

Sein Trainer Domenico Tedesco sieht auch eher wenig Grund zur Hysterie. "Wenn wir uns keine Chancen erarbeiten würden, müsste ich mir Sorgen machen." Die Schalker Fans dürften an diesem Punkt bereits angelangt sein. Nur fünf Mal konnten sie in dieser Saison einen Treffer bejubeln - nur Mainz ist genauso flattrig vor dem Tor. Mehr noch: Das ist die schlechteste Ausbeute seit 51 Jahren. Tedesco hingegen betonte nach dem Punktgewinn: "Wir sind zufrieden." Der Tabellenzweite der vergangenen Saison kultiviert die Harmlosigkeit. "Wenn das der Anspruch sein soll, können wir den Laden zusperren", kritisierte Hamann: "Irgendwann musst du liefern. Es wird Zeit, dass Schalke anfängt Fußball zu spielen." Am Mittwoch im Pokalspiel gegen den strauchelnden Zweitligisten 1. FC Köln gibt's eine passende Gelegenheit - auch, um die eigene Tor-Phobie zu bewältigen.

4. Bayer 04 Leverkusen bleibt ein Rätsel

Eigentlich ist die Sache mit den Leverkusenern ganz einfach: Die Mannschaft von Heiko Herrlich hat mit Borussia Dortmund den wohl talentiersten Kader der Bundesliga. Das Potenzial, das Julian Brandt, Kai Havertz, Leon Bailey, Karim Bellarabi, Kevin Volland und Paulinho in sich tragen, reicht normalerweise lässig aus, um jeden Gegner in der Bundesliga zu zerlegen (jaja, auch die Bayern und auch den BVB). Deswegen ist es eigentlich auch gar nicht überraschend, dass Herrlichs Mannschaft den SV Werder in Bremen mit 6:2 überrennt. Weil "eigentlich" aber eine Einschränkung bedeutet, ist das 6:2 eben doch eine der größeren Überraschungen dieser Spielzeit.

d25145e41403402cd5ff9c490fd67014.jpg

Warum auf einmal so gut? Heiko Herrlich und seine Leverkusener bleiben ein Rätsel.

(Foto: imago/ULMER Pressebildagentur)

Denn Bayer ist in dieser Saison so schludrig mit seinem Talent umgegangen, dass der Trainer heftig angeschossen wirkte - und wohl auch war. Selbst wenn es offiziell kein Ultimatum für Herrlich gab, so wäre wohl niemand überrascht gewesen, wenn er bei einer Niederlage bei den wohl besten Bremern seit neun Jahren geflogen wäre. Stattdessen gab's das: Vollgas, Leidenschaft, Tore, viele Tore - und es hätten tatsächlich noch so viel mehr werden können. Der Trainer, aus der Schusslinie. Das ist so, auch wenn manche das in den Augen von Rudi Völler nicht begreifen wollen: "Bei allem Respekt, dass man kritische Frage stellen muss. Aber ich finde es unsäglich, wie ein Mann, der gerade 6:2 gewonnen hat, mit einer überragenden taktischen Leistung und mit tollem Fußball, in der Sendung (Anmerk. d. Red.: gemeint war der Fußball-Talk Sky 90) so vorgeführt wird. Das ist unglaublich für mich." Herrlich bleibt Trainer, aber er wird dringend ein Rätsel lösen müssen: Warum spielt Bayer nicht immer (oder zumindest sehr häufig) so.

5. Ein fataler Tag für die Ultras

*Datenschutz

Ultras - ein hochsensibles Thema. Sind sie Bewahrer der Fußball-Tradition und Kultur oder gefährliche Provokateure? Wer die erschreckenden Bilder aus dem Hertha-Fanblock bei Borussia Dortmund sieht, dem fällt es vermutlich sehr schwer, an Menschen mit Kulturinteresse zu denken. Nach ihrer Pyroshow und einem Eingreifen der Polizei kam es zwischen einem Teil des Berliner Anhangs und den Einsatzkräften zu heftigen Auseinandersetzungen. Die Bilanz der Dortmunder Polizei lautet: 45 Verletzte, "35 mussten nach Pfeffersprayeinsatz behandelt werden, 10 aufgrund von Gewaltanwendung". Für die Ultra-Gruppen in Deutschland war der Samstag ein fataler Tag. Wieder einmal werden sie durch die Wut und den Hass einer kleiner Gruppe in Kollektivhaft für Eskalationen im Stadion genommen.

Wieder einmal wird weniger darüber gesprochen, dass sie nahezu spieltäglich einen wichtigen Beitrag für Kultur und Stimmung im deutschen Fußball tun. Dass für die meisten Ultras Pyrotechnik dazugehört, lässt die Situation regelmäßig eskalieren. Denn der Einsatz im Stadion ist verboten. Aber - und hier ist das Problem - der Einsatz ist generell eine Ordnungswidrigkeit, keine Straftat. Für die Durchsetzung ist die Polizei eigentlich nicht verantwortlich. Was aber, wenn Menschen verletzt werden? Stadionbesucher sollen über Atemwegsprobleme geklagt haben. Muss dann nicht die Polizei eingreifen, weil sich die Lage ändert? Wie muss sie eingreifen? Was ist verhältnismäßig - und was nicht? Muss sie nicht zwingend deeskalieren? Hat sie es versucht? Kann sie in so einer Lage überhaupt noch deeskalieren? Wenn ja, wie? Und überhaupt: Gelten im Stadion und für manche Ultras andere Regeln als außerhalb der Tribünen? Und wenn ja, wie ist das begründet?

6. Die Liga spielt wieder für die Bayern

Jochen Breyer wollte unbedingt hören, das Borussia Dortmund in dieser Saison ganz offiziell den FC Bayern herausfordert. Zweimal fragte der Sportstudio-Moderator bei BVB-Boss Hans-Joachim Watzke nach, doch der parierte höflich und nichtssagend: "Wenn die Bayern eine Top-Saison spielen, hast du keine Chance, weil sie einfach eine großartige Mannschaft haben." Aber immerhin gestand Watzke dann doch ein: "Ich glaube, dass in der Bundesliga eine ganze Reihe von Mannschaften besser ist, als letzte Saison." Natürlich auch der BVB. Hertha sei so ein Klub. Und natürlich auch Werder Bremen. So weit, so richtig, wäre nicht dieser neunte Spieltag gewesen: der BVB wurde trotz Chancenwucher ein wenig "irdischer", die Bremer kassierten ein fürchterliches 2:6, Bayern-Dominator Borussia Mönchengladbach fing sich eine Backvesper beim SC Freiburg (1:3), RB Leipzig verzweifelte an der Schalker Grausamkeit (0:0) und die Eintracht aus Frankfurt mühte sich in letzter Minute zum Punkt beim 1:1 in Nürnberg. Und nun? Werden die Arbeits-Bayern doch wieder Meister? Wer weiß? Aber ein Spieltag für die Münchener war's.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema