Fußball

Zwischen Genie und Wahnsinn Ein Neymar, der sie alle reizt

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Neymar hadert.

(Foto: imago images/Revierfoto)

Neymar ist die Reizfigur des Fußballs. Zu Gast bei RB Leipzig bringt er wieder einmal Gegner, Fans, Mitspieler und den Schiedsrichter auf die Palme. Nur ganz selten blitzt sein Genie auf, worunter sein Team leidet. 90 Minuten mit dem PSG-Star.

In Paris funkelt derzeit nur der Eiffelturm am Abend, vielleicht noch der angestrahlte Louvre. Die Auftritte der besten Pariser Fußballmannschaft begeistern aber niemanden. Wo die Ergebnisse stimmen, fehlt es Paris Saint-Germain komplett an der Magie, auf die alle sehnlichst gewartet haben. Wie ging die Welt auf die Knie, wie explodierten die sozialen Netzwerke, als sich im Sommer abzeichnete, dass Lionel Messi mit Neymar und Kylian Mbappé ein magisches Superteam bilden würden. MNM- der Teufelsdreier-Sturm würde die Welt erobern, da waren sich viele sicher.

Wo ist er hin, der Zauber? Zwar führt PSG die Ligue 1 an und liegt auch in Gruppe A der Champions League klar auf Achtelfinalkurs, aber den großen Mannschaften in Europa jagen sie mit ihrer Spielweise keine Angst ein. Glanz, Galaktisches oder Göttliches blitzt nur äußerst selten auf. Sinnbildlich dafür steht in dieser Saison der brasilianische Superstar Neymar. So auch beim Champions-League-Spiel seiner Pariser in Leipzig. Dem 29-Jährigen gelangen bisher erst ein Tor und drei Assists in zehn Pflichtspielen - und auch beim 2:2 gegen die Sachsen kommt sein Genie nur äußerst selten zum Vorschein. Dafür reizt er, lamentiert, oder trottet über den Platz. Manchmal steht er auch einfach nur still.

Vorweg: Auch Superstar Messi versprüht bis auf wenige Ausnahmen in dieser Spielzeit ebenfalls keinen Glanz. Der 34-Jährige kann ein Spiel nicht mehr alleine dominieren wie in seinen besten Jahren bei Barcelona. Aber dass er so matt über den Rasen schleicht, hatten sie in Paris nicht erwartet. Messi sei "ein Schatten des Genies, das er ist", schrieb das französische Sportmagazin "L'Équipe" sogar. Doch Messi ist in Leipzig nun mal gar nicht dabei, sondern sitzt zu Hause verletzt vor dem Fernseher. Deshalb richten sich alle Augen auf die beiden teuersten Kicker der Erde: Weltmeister Mbappé, der aber in diesem Jahr als einziger der großen Drei beständig trifft, und eben Neymar.

Neymar spielt ein eigenes Spiel

Der Brasilianer, der nun für Puma statt Nike werben wird und mit einem Vertrag über elf Jahre 100 Millionen Euro kassieren soll, trickst gekonnt beim Aufwärmen. Um seine Technik beneiden ihn nicht nur zuschauende Fußball-Amateure, sondern sicherlich auch einige Profis. Um seine Einstellung wohl eher nicht. Beim Einschießen bolzt er viel zu lässig die meisten seiner Bälle über das Tor.

Dann beginnen die Neymar-Spiele. Gleich zu Beginn setzt es zwei Fouls am Zehner von PSG (bei dem zweiten ist es mehr ein zarter Zupfer als ein wirklich Vergehen). Neymar fällt und rollt. Die Fans pfeifen und buhen. Eine Standardabfolge in Spielen mit dem Brasilianer mittlerweile. Kaum einer wird vom gegnerischen Publikum so leicht zur Hassfigur erklärt. Kaum einer reizt Fans und Gegenspieler so sehr wie er.

Fünfte Minute, Neymar wird zum dritten Mal gelegt. Wieder gibt es Freistoß, wieder folgt von den Rängen, was folgen muss. Das wiederholt sich noch ein paar Mal, die Fans haben sich schnell auf Betriebstemperatur gegen den Brasilianer aufgebracht. Er selbst holt sich die Bälle im Mittelfeld, wird von Leipzig direkt gedoppelt und nach hinten gedrängt. Zur Entfaltung kommt der Künstler - wie seine gesamte Mannschaft - in dieser Spielphase überhaupt nicht.

Dann aber lässt RB dem 29-Jährigen einmal zu viel Platz und sein fußballerisches Genie blitzt sofort auf. Über den Brasilianer beginnt eine wunderschöne und zielstrebige Kombination, als er an der Strafraumkante geistesgegenwärtig und zum perfekten Zeitpunkt zu Mbappé hinauspasst und dieser direkt in die Mitte spielt, wo Gini Wijnaldum zum 1:1 vollendet. Immerhin: ein Hockey-Assist, der nicht in der Statistik auftauchen wird.

Das Leipziger Publikum hasst ihn

27. Minute: Neymar stellt sich bei einem RB-Freistoß aus dem Halbfeld vor den Ball und fordert - ohne Erfolg -, dass dieser ein paar Meter weiter hinten ausgeführt wird. Das nächste Pfeifkonzert ist die Folge. Dann wird zweimal gejubelt. Zunächst darf der Zehner ran nach Wijnaldums zweitem Tor. Dann das Leipziger Publikum, nachdem ein auf ungewöhnliche Art und Weise heranpreschender Neymar von der RB-Abwehr ausgespielt wird.

Kurz vor der Halbzeit steht der Offensivkünstler mit breit ausgebreiteten Beinen Nähe Mittelkreis, während RB sich nach vorne kombiniert, und verharrt fast eine halbe Minute völlig regungslos. Einen Konter über Mbappé läuft er aber wieder mit und hilft dem Franzosen nach dessen verpasster Chance auf die Beine. Mit der letzten Aktion der ersten Hälfte schlägt Neymar einen Eckball (gellendes Pfeifkonzert vor der Ausführung) direkt auf Torhüter Péter Gulásci. Tosender Applaus brandet auf in der Arena.

Nach der Pause schleicht Neymar - natürlich, muss hier fast geschrieben werden - lässig als allerletzter auf den Platz, die Leipziger Profis warten dort schon über eine Minute. In der 48. Minute folgt vom eben noch müde wirkenden Angreifer ein fulminanter Geniestreich-Pass auf den durchstartenden Ángel Di María, der die komplette RB-Abwehr durchtrennt. Ein Raunen geht durchs Rund. Aber Abseits.

Kurz darauf liegt Nordi Mukiele am Boden und muss behandelt werden. Neymar ist als einer der ersten beim Leipziger, obwohl er nichts mit der Situation zu tun hat und tätschelt dem Youngster den Kopf. Auch das ist Neymar, ein Sportsmann. Einer, der weiß, wie sich Fouls anfühlen. 54. Minute: Ballverlust Neymar, Leipzig kontert - doch der Brasilianer bleibt einfach stehen und dürfte damit seine Mitspieler ähnlich gereizt haben wie zuvor die Fans. In aussichtsreicher Postion bekommt der Brasilianer wenig später den Ball, tänzelt ein wenig am Fünfmeterraum und verliert das Spielgerät dann viel zu lässig.

Zurück zum Eifelturm

Nun trickst Neymar wieder, tunnelt seinen Gegenspieler so, dass Fußballherzen höher schlagen. Anschließend will er ein Foul haben, doch Schiedsrichter Andreas Ekberg greift nicht zur Pfeife. Gefrustet holzt Neymar zurück - diesmal ertönt der Pfiff - und hebt entschuldigend die Arme. Das Publikum wütet. Der Referee zeigt Neymar Gelb, Jubel brandet durch das Stadion. Neymar lacht und klatscht dem Unparteiischen hämischen Applaus. Wenig später schießt der Brasilianer einen Ball weg, das Stadion fordert Gelb-Rot.

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80. Minute: Hoppla, auf einmal ist Neymar am eigenen Sechszehner zu finden. Über den halben Platz läuft er, fast bis zur Grundlinie. Aber keine Angst, Verteidigung über das ganze Fußballfeld oder auch nur aggressives Anlaufen bei Ballbesitz Leipzig findet im Hause Neymar weiterhin nicht statt. Der Zehner möchte nur ein ernstes Wort mit Dani Olmo nach einem vorangegangenen Foul sprechen. Dann schließt er eine Kontersituation über Mbappé äußerst schludrig ab und fällt dabei hin. Frustriert schlägt Neymar auf den Rasen, sinnbildlich für seine derzeitige Lage bei PSG.

Es gibt Elfmeter für Leipzig in der Nachspielzeit, die komplette PSG-Mannschaft beschwert sich wütend, nur Neymar trottet in der Mitte des Spielfeldes alleine herum. 2:2. Abpfiff. Ende der Neymar-Spiele. Der Superstar klatscht kurz bei den beiden Gegenspielern in seinem Umkreis ab und verlässt direkt und innerhalb von Sekunden - als allererster sogar - den Platz, den er vor 45 Minuten als letzter betreten hat. Völlig glanzlos. Zurück zum funkelnden Eiffelturm.

Quelle: ntv.de

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