Fußball

Der Coup des BVB mit Sancho Eine überraschende Watschn für Uli Hoeneß

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Grüße aus Dortmund!

(Foto: imago images/BBL-Foto)

Bei Borussia Dortmund haben sie überraschend Großes verkündet: Jadon Sancho, der wohl talentierteste Fußballer im Kader des Bundesligisten, bleibt. Ganz heimlich hat der BVB den Vertrag des 20-Jährigen verlängert - ein Statement. Und ein Gruß an den Tegernsee.

Hasan Salihamidzic hatte sich geirrt. Seine "Carte blanche" für den Meinungsabsolutismus von Uli Hoeneß wird überraschend zerrissen. Aus Dortmund. Von der Borussia. Die hatte der Patron des FC Bayern zuletzt hart dafür angegangen, dass sie junge Fußballer eher weniger zum Aufbau einer Mannschaft verpflichten, sondern sie stets zu einem Verkaufsobjekt erklären. Es war eine urplötzliche Attacke, mit der so niemand gerechnet hatte. Nicht im Ruhrgebiet. Auch nicht in München. Es war eine Attacke, die eine sehr intensive Diskussion ausgelöst und emotionale Reaktionen hervorgerufen hatte. Es war eine Attacke, der nun ein äußerst bemerkenswerter Konter gefolgt ist. Der BVB hat Jadon Sancho, seinen spektakulärsten Spieler, längst an den Klub gebunden. Mit mehr Gehalt, mit einem längeren Vertrag. Verkaufsobjekt? Ach, komm.

Der wuchtige Konter abseits des Platzes, im traumhaften Idyll der Schweizer Berge, er wurde so abgeklärt und sachlich vorgetragen wie einst eine Balleroberung des legendären Júlio César. Mit dem Maximum an Beiläufigkeit erklärte Michael Zorc im Trainingslager in Bad Ragaz die erstaunlichen Neuigkeiten im Fall Sancho. Sollte der Sportdirektor in diesem Moment auch nur einen Gedanken daran verwendet haben, wie diese Nachricht im deutschen Fußball - und in deren Epizentrum am Tegernsee (da wohnt Hoeneß) - einschlagen würde, er konnte es erstaunlich gut verbergen. Lediglich eine winzige Kunstpause vor der verkündeten Verlängerung gab einen Hinweis darauf, dass er ganz schön stolz ist, Jadon Sancho an den Klub gebunden zu haben. Und das gilt übrigens unumstößlich. Der Engländer wechselt nicht mehr.

Keine neue Streik-Posse

Und es droht auch kein Ungemach, wie etwa bei Pierre-Emerick Aubameyang oder Ousmane Dembélé, die den BVB einst so sehr reizten, dass sie verkauft wurden. Für gutes Geld, aber gegen die Identität. Also eben das, was Hoeneß so vehement kritisiert hatte. Bei Sancho, der in der Vergangenheit ja auch nicht immer der Pflegeleichteste war, soll nun alles anders werden. "Ich erwarte keine Schwierigkeiten. Jadon hat das akzeptiert, er ist ein sehr angenehmer, fairer Typ", hatte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke zuletzt erklärt. Und er soll nun am besten das fortsetzen, was er vor knapp drei Jahren bei der Borussia angefangen hatte: spektakuläre Dribblings, Vorlagen und Tore. In seinen 99 Pflichtspielen für den BVB hat er sich eine äußerst bemerkenswerte Bilanz erarbeitet: 34 Treffer, 43 zielführende Zuspiele.

Für die Ambitionen des Klubs, die von der Führung nur noch intern formuliert werden, ist Sancho ein wichtiger Anker. Bis auf Linksverteidiger Achraf Hakimi - ersetzt durch den belgischen Nationalspieler Thomas Meunier von Paris St. Germain - haben die Borussen in diesem Sommer keinen Leistungsträger verloren. Eine ungewohnt niedrige Fluktuation. Wie der "Kicker" gerade erst ausgerechnet hatte, wickelte Sportdirektor Zorc seit 2015 bereits 129 Wechsel (!) ab, im Schnitt knapp 26 pro Saison - ein Wahnsinn. Der Klub, ein Karriere-Trampolin. Mehr Transfer-Maschine als Titelsammler.

Der Druck auf Coach Favre steigt

Die durchaus komfortable Lage, die sich die Dortmunder dadurch erwirtschaftet haben, könnte nun das Fundament sein, um tatsächlich eine Mannschaft aufzubauen, die den FC Bayern ernsthaft herausfordert, die auch in der Königsklasse voll angreift. Es ist, Stand jetzt, ein Kader ohne Ausreden. Top in der Qualität und bemerkenswert gut aufgestellt auch in der Breite. Auch durch die Verpflichtung von Jude Bellingham, dem nächsten gelobten Supertalent aus England. Lediglich ein zweiter Stürmer hinter Tor-Phänomen Erling Haaland fehlt. Das Warten auf Supertalent Youssoufa Moukoko - es ist ein Warten mit Wagnis.

Es ist ein Kader, der all das verhindern könnte, was in der vergangenen Saison schiefgelaufen ist. Es ist ein Kader mit Mentalitätsmonstern (gegen Mentalitätskrisen) und Monsterfußballern (für Zauberfußball). Es ist ein Kader, der dem oft zaudernden Trainer Lucien Favre eigentlich keine Alibis mehr bietet. Jenem Mann, dessen Karriere von bislang nicht zu beseitigenden Titelreife-Zweifeln und Fremdeln gegenüber klaren Meisteransagen begleitet wird. Diese gibt es nun zwar nicht mehr. Aber die Zusammenstellung der Mannschaft und der Verbleib von Jadon Sancho sind absolut unmissverständliche Indizen dafür, was die Dortmunder erreichen wollen. Und sie sind ein Liebesgruß an den Tegernsee.

Quelle: ntv.de