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Bundesliga-Check: Dortmund Endlich wieder BVB-like

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Mit Favre geht der BVB die Konterrevolution an.

(Foto: dpa)

Unruhige Zeiten liegen hinter Borussia Dortmund. Der Trainer - ein Durchlaufposten. Dazu die Streikpossen vom Vorjahr, der BVB war zuletzt mehr FC Hollywood als fußballerischer Heimatverein. Das soll sich unter Lucien Favre ändern.

Rückblick Juni 2017: Borussia Dortmund verordnet sich die Erneuerung. Für den erfolgreichen, aber konfliktbehafteten Thomas Tuchel präsentiert der Bundesligist den Niederländer Peter Bosz als Übungsleiter. Nur, dass in der Beziehung wenig zusammenpasste. Ersatz-Peter Stöger führt den BVB zum Minimalziel Champions League, muss aber dem Willen zur Veränderung weichen. Auch, weil sich der Dortmunder Fußball im Schnelldurchlauf zum Ausverkaufsprodukt entwickelt. Nun der nächste Neustart: Mit Lucien Favre wird höchste Kompetenz ans Trainingsgelände in Brackel gelotst. Der knappe 2:1-Sieg gegen die SpVgg Greuther Fürth in der ersten Runde des DFB-Pokals macht deutlich, wieviel Arbeit der Trainer vor sich hat.

Was gibt's Neues?

Zu- und Abgänge beim BVB

Zugänge: Jacob Bruun Larsen, Dzenis Burnic (beide VfB Stuttgart, waren ausgeliehen), Thomas Delaney (Werder Bremen, 20 Millionen Euro), Abdou Diallo (FSV Mainz 05, 28 Millionen Euro), Achraf Hakimi (Real Madrid, ausgeliehen), Marwin Hitz (FC Augsburg, ablösefrei), Eric Oelschlägel (Werder Bremen II, ablösefrei), Marius Wolf (Eintracht Frankfurt, 6,5 Millionen Euro), Axel Witsel (Tianjin Quanjian FC, 20 Millionen Euro)

Abgänge: Michy Batshuayi (FC Chelsea, war ausgeliehen), Gonzalo Castro (VfB Stuttgart, 6,5 Millionen Euro), Erik Durm (Huddersfield Town, ablösefrei), Felix Passlack (Norwich City, ausgeliehen, 500.000 Euro Leihgebür), Dominik Reimann (Holstein Kiel, ablösefrei), André Schürrle (FC Fulham, ausgeliehen, 400.000 Euro Leihgebühr), Sokratis (FC Arsenal, 16 Millionen Euro), Roman Weidenfeller (Karriereende), Andrey Yarmolenko (West Ham United, 20 Millionen Euro)

Was ist überhaupt noch so, wie es vor zwölf Monaten war? Die hausgemachten Nebenkriegsschauplätze sollen in die schwarzgelbe Vergangenheit überführt werden, das oberste Gebot lautet: Ruhe. Wir könnten jetzt was von Streikpossen und erzwungenen Transfers erzählen, konzentrieren uns aber auf die entpeterisierte Trainerbank, wo der abwehrkonzeptlose Frontalangriff-Voetbal (Bosz) und der fade Stögerfußball einem langfristigen Plan weichen. Mit Favre hat sich der BVB eine ordentliche Portion Realismus verordnet, eine Art Schweizer Entwicklungshilfe. Der Plan des akribischen Übungsleiters sieht vor, die Balance zwischen Offensive und Defensive wiederherzustellen.

Im Fokus stehen: Struktur, Spielaufbau, Spielphilosophie. Oder wie Manager Michael Zorc es formuliert: "Wir möchten anderen Fußball sehen, wir möchten eine klare Handschrift, aber auch mehr Mentalität und Disziplin sehen." Fast noch spannender als die Trainerpersonalie ist die strukturelle Neuausrichtung. Mit Matthias Sammer (externer Berater) und Sebastian Kehl (Leiter der Lizenzspielerabteilung) hat der BVB zwei Führungskräfte akquiriert, die schonungslos analysieren, woran es fehlt. Dass Uli Hoeneß jüngst witzelte, die Dortmunder bräuchten einen Gelenkbus, um all ihre Berater zu transportieren, dürfte man gelassen sehen. Kuschelig wird's im BVB-Bus eh: Neun Abgängen stehen ebenso viele Zugänge gegenüber. Der angestrebte Personalabbau bleibt ein Zukunftsprojekt.

Auf wen kommt es an?

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Witsel kommt fürs Mittelfeld, um dort den Spielaufbau zu gestalten.

(Foto: imago/Thomas Bielefeld)

Hinten, vorne und in der Mitte gilt: Die Baustellen schließen sich nicht von selbst. Deswegen hat der BVB nachgerüstet und den "Kinderriegel" in der Abwehr belebt. Das Ex-Mainzer Abwehrass Abdou Diallo und der im Januar verpflichtete Manuel Akanji sollen die unlängst vermisst gemeldete Stabilität organisieren, im Tor machen der Ex-Agusburger Marwin Hitz und Roman Bürki den Stammplatz zum Schweizer Wettrennen. Herzstück ist Marco Reus, den Favre aus Mönchengladbacher Zeiten kennt. Der Kapitän ist nicht nur Identifikationsfigur, sondern nachweislich der Spieler, der "den Unterschied macht." Und zwar am liebsten auf dem linken Flügel, wie er dem "Kicker" sagte. Dass das möglichweise nicht klappt, hat weniger damit zu tun, dass Reus "öfter verletzt war als die Gefühle von Pietro Lombardi". Sondern damit, dass der 29-Jährige womöglich ins Sturmzentrum rücken muss - mehr dazu im nächsten Punkt.

Vorerst wollen wir allerdings kurz auf den Königstransfer verweisen: Den Belgier Axel Witsel, der das Führungsvakuum im Dortmunder Mittelfeld beheben soll. Witsel, der Stratege und absolute "Wunschspieler" Favres, machte in seinem ersten Pflichtspiel deutlich, wie wichtig er für die Mannschaft ist. Weil er den Klub mit seinem Last-Minute-Tor in die Verlängerung schoss. Aber auch, weil er im Spielaufbau vom ersten Moment an für Ordnung sorgte. Wie schon im Pokal dürften zudem Thomas Delaney und Mario Götze neben Witsel die Top-Kandidaten für die Startelf sein. Hinzu kommen Julian Weigl, Nuri Sahin, Shinji Kagawa, Mahmoud Dahoud, Sergio Gómez und Sebastian Rode. Der Konkurrenzkampf ist enorm. Ein Problem? Nein, meint Witsel: "Wir haben viele Mittelfeldspieler, aber das bringt dich auch zu deinem persönlich höchsten Level." Nominell ist die Schaltzentralle so gut besetzt wie nie - die verschiedenen Spielertypen bestmöglich miteinander in Einklang zu bringen, wird ein entscheidender Faktor für den Erfolg sein.

Was fehlt?

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Reus soll im Sturm als falsche Neun aushelfen.

(Foto: imago/Eibner)

Ein Mittelstürmer. Abgesehen vom aufstrebenden, aber unerfahrenen Youngster Alexander Isak sucht man den im Kader der Dortmunder vergeblich. Seit dem lautstarken Abgang von Pierre-Emerick Aubameyang und dem Abschied des ebenso kurzfristig wie temporär ausgeliehenen Michy Batshuayi ist das Toreschießen ausgelagert. Reus oder Maximilian Philipp sind für die Rolle als falsche Neun vorgesehen. Das ist riskant, auch wenn Favre nach dem Pokalspiel betonte: "Wir haben Torchancen kreiert, das ist das Wichtigste." In der vorsichtigsten Version der Analyse ist klar, dass ein Mittelstürmer dem Spiel nicht schaden würde. Zumal Reus, wenn vorne eingesetzt, auf dem Flügel fehlt. Handlungsbedarf sieht der BVB nach eigenen Angaben nicht, will nur bei einer Ideallösung aktiv werden. Auch in der Geschäftsstelle wissen sie, dass ein Stürmer kaum unter 100 Millionen Euro zu haben wäre. Und Favre? Der reagierte auf die Frage gestern mit einem entspannten Lächeln.

Wie lautet das Saisonziel?

Die Fehler nicht zu wiederholen. Das gilt für die Zielausgabe ebenso wie für den Leitfaden, nach dem der BVB die eigene Erwartungshaltung konkretisiert. Statt also (weil erfahrungsgemäß eher utopisch) zur Jagd auf die Meister-Bayern zu blasen, wünscht sich Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke die Qualifikation für die Champions League: "Favre soll nicht mit einer unrealistischen Erwartungshaltung überfrachtet werden." Ohnehin schießen sie sich in Dortmund auf die weicheren Ziele ein: Endlich wieder BVB-like, wünscht sich der Geschäftsführer. Fürs Profil bedeutet das: bodenständiger, leidenschaftlicher, weniger Aktiengesellschaft und mehr Heimatverein. Eine Art "Konterrevolution", sagte Watzke dem "Kicker". "Wir wollen eigentlich nur dahin, wo wir die ganze Zeit schon waren." Davor, damit meint Watzke auch die Zeit vor dem Attentat. Dessen Folgen hallten in der abgelaufenen Spielzeit noch nach, freilich vollkommen unverschuldet. Eher selbstverschuldet waren dagegen die vier Trainerwechsel in 15 Monaten, dazu die Daily Soap mit Tuchel. Den Rang als FC Hollywood hat der Ballspielverein Borussia 09 den Kollegen aus München zuletzt streitig gemacht. Soll jetzt aber alles vorbei sein, verspricht Watzke.

Die Prognose von n-tv.de

Der BVB befindet sich im Wandel, das ist erstmal gut. Und dürfte auch von der eigenen Anhängerschaft wohlwollend zur Kenntnis genommen werden. Gut ist auch, dass Watzke und Zorc glaubhaft vermitteln, die Probleme erkannt zu haben und die richtigen Maximen ableiten. Das war nicht immer der Fall. Anstatt sich zu fragen, was dem Spiel eigentlich fehlt, hatte es vormals eher kurzfristige Lösungsansätze gegeben. Deswegen kann der selbstverordnete Realismus nur erfolgreicher, weil ehrlicher werden. Mit Favre und der neuen Führungsmannschaft hat der BVB einen Grundstein gelegt, die Aufbauarbeit sollte bei normalem Saisonverlauf erfolgreich verlaufen. Sie wird aber nicht von heute auf morgen vonstattengehen, das hat das Pokalspiel deutlich gemacht. Ganz nüchtern betrachtet bedeutet das wohl alles ab Platz zwei.

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Quelle: n-tv.de

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