Fußball

"Unglücklich mit vier Dingern" FC Bayern klettert, Klinsmann hadert

Der FC Bayern lässt in Berlin nichts anbrennen, fährt die ersten drei Punkte des Jahres ein - und hechelt im Titelkampf der Fußball-Bundesliga weiter Leipzig hinterher. Hertha BSC muss seine Visionen zurückstellen und sich an der Realität orientieren. Und die heißt Abstiegskampf.

Sieht so der Beginn einer Aufholjagd aus? Zumindest hat der FC Bayern sein erstes ernsthaftes Fußballspiel in diesem Jahr verdient gewonnen und ist erfolgreich in die Rückrunde der Bundesliga gestartet. Das nie gefährdete 4:0 (0:0) bei einer wackeren, aber letztlich chancenlosen Mannschaft von Hertha BSC vor 74.667 Zuschauern im ausverkauften Berliner Olympiastadion aber war ein Erfolg, der eher unter die Kategorie Arbeitssieg fällt, auch wenn das Ergebnis vielleicht etwas anderes suggeriert. Münchens Trainer Hans-Dieter Flick aber war mit sich und seinem Team zufrieden. Froh sei er über den guten Beginn und darüber, dass das Team sich geduldig seine Chancen erspielt habe. Und so hoch gewinne schließlich nicht jeder in Berlin. "Von daher muss ich meiner Mannschaft ein Kompliment machen." Er wisse aber auch, dass damit noch nichts gewonnen sei. Aber: "Wir nehmen das gerne mit, das gibt auch einen Ticken Selbstvertrauen."

Die gute Nachricht für die Münchner, denen eine starke halbe Stunde reichte, ist ja, dass sie so oder so die drei Punkte bekommen. Und weil die Mönchengladbacher Borussia am Freitag zum Auftakt des 18. Spieltags beim FC Schalke 04 verloren hatte, stehen die Bayern jetzt in der Tabelle auf Platz zwei, allerdings weiter vier Punkte hinter RB Leipzig, das am Samstag gegen den 1. FC Union Berlin gewann. Viel geändert hat sich also im Kampf um die Meisterschaft nicht. Aber noch stehen ja 16 Spiele auf dem Programm. Am kommenden Samstag (ab 18.30 Uhr im Liveticker bei ntv.de) geht es für die Münchner gegen die überraschend starken Schalker, die Woche drauf geht es nach Mainz, ehe am 21. Spieltag die Partie gegen Leipzig ansteht. Erst einmal aber dürfen sie konstatieren, ihre Pflicht erfüllt zu haben. Besonders gefallen hatte Flick, "dass wir schnell kombiniert haben. Vor allem in der zweiten Halbzeit war ich sehr damit zufrieden, dass wir den Gegner haben laufen lassen."

Hertha BSC - FC Bayern 0:4 (0:0)

Berlin: Jarstein - Klünter, Torunarigha, Boyata, Plattenhardt - Ascacibar - Grujic, Darida (68. Wolf) - Lukebakio (82. Köpke), Selke, Dilrosun (82. Mittelstädt). - Trainer: Klinsmann
München: Neuer - Pavard, Jerome Boateng, Alaba, Davies (80. Dajaku) - Thiago, Goretzka - Müller (87. Gnabry), Coutinho (83. Cuisance), Perisic - Lewandowski. - Trainer: Flick
Schiedsrichter: Tobias Stieler
Tore: 0:1 Müller (60.), 0:2 Lewandowski (73., Foulelfmeter), 0:3 Thiago (76.), 0:4 Perisic (84.)
Zuschauer: 74.667 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Darida (4), Jarstein, Boyata (5) - Pavard (3)

Thomas Müller sorgte nach einer Stunde für das erste Tor, ehe Robert Lewandowski in der 73. Minute per Elfmeter das 2:0 erzielte, sein Torkonto doch noch auf 20 aufstockte und mit dem Leipziger Timo Werner gleichzog, der sich mit zwei Treffern gegen Union an die Spitze des Rankings geschossen hatte. Zehn Minuten zuvor war dem Münchner ein Treffer nach Videobeweis aberkannt worden, weil er den Berliner Torhüter Rune Jarstein gefoult hatte. Das spielte am Ende aber insofern keine große Rolle, als dass Thiago mit dem schönsten Tor an diesem ungemütlichen Sonntagnachmittag, einem Schuss aus 14 Metern an die Unterkante der Latte (76.), und Ivan Perisic (84.) das Ergebnis noch in lange ungeahnte Höhen schraubte. Berlins Trainer Jürgen Klinsmann hatte vorher davon gesprochen, sein Team wolle gegen den deutschen Meister ein Ausrufezeichen setzen.

Doch eine wettbewerbsfähige Mannschaft

Hinterher gestand er ein: "Natürlich ist man im Moment frustriert und enttäuscht. Jetzt schaut das ein bisschen unglücklich aus mit den vier Dingern " Nicht zufrieden war er mit Schiedsrichter Tobias Stieler, der eine Viertelstunde vor dem Schlusspfiff den Bayern einen Elfmeter zusprach, weil Lukas Klünter wenig elegant Leon Goretzka am Arm gezogen hatte. Das sei der Knackpunkt gewesen. "Wir haben das etwas anderes gesehen." Und er sei selbstbewusst genug zu sagen, dass ohne dieses 2:0 für sein Team durchaus noch etwas drin gewesen wäre. Eine Einschätzung, die Klinsmann eher exklusiv hatte. Das ändert jedoch nichts daran, dass er weiter als Fußballlehrer in Deutschland arbeiten darf, nachdem es in der vergangenen Woche Wirbel um seine Lizenz gegeben hatte. Der Münchner Torschütze Müller, einer der Besten, kam der Wahrheit schon näher, als er sagte: "Wir haben Hertha ein bisschen müde gespielt, da wurden die Lücken in der zweiten Halbzeit größer, weil wir mehr aufs Tempo gedrückt haben. Als der Knoten offen war, hat sich Hertha nicht mehr gewehrt." Schließlich sei es so: "Am meisten Spaß machen die eigenen Tore. Es war ein sehr schöner Tag für mich und die Mannschaft."

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Der Spaß war Thomas Müller anzusehen.

(Foto: imago images/photoarena/Eisenhuth)

In der Winterpause hatten Trainer Flick und Sportdirektor Hasan Salihamidzic einen kleinen Dissens in der Frage, ob die Mannschaft angesichts der Verletztenmisere nicht fix noch in diesem Winter mit neuen Spielern verstärkt werden müsse. Flick sagte ja, Salihamidzic antwortete mit einem klaren Nein, später sagte er vielleicht doch, das Ergebnis ist offen. Der Streit jedenfalls ist offiziell beigelegt, Flick sagte vor der Partie zum Thema Zugänge, er habe "das Vertrauen, dass uns Hasan und seine Scouting-Abteilung das ermöglichen. Aber wir werden nichts Unvernünftiges tun. Wichtig ist, dass wir nichts unter Druck machen." Und wenig überraschend hatte es der FC Bayern dann doch geschafft, in Berlin eine wettbewerbsfähige Mannschaft aufzustellen.

So stand Lewandowski nach seiner Leistenoperation in der Startelf, Serge Gnabry saß nach seinen Problemen an der rechten Achillessehne zumindest auf der Bank und blieb dort auch bis zur 87. Minute, neben ihm mit Corentin Tolisso ein Spieler, der ebenfalls einer breiteren Öffentlichkeit bekannt ist. Aber es stimmt schon, in der Breite ist der Kader der Münchner qualitativ nicht überragend. Aber für Gegner aus dem unteren Drittel der Tabelle reicht es dann doch. Zu denen gehört Hertha BSC immer noch, trotz der Millionen des Investors Lars Windhorst und trotz seines Vertrauten Klinsmann auf der Trainerbank. Seit Ende November hat er den Job, seitdem hatten die Berliner acht Punkte aus fünf Spielen geholt, zuletzt viermal hintereinander nicht verloren und dreimal in Folge kein Gegentor kassiert.

Noch kann sich Hertha nicht mit dem FC Bayern messen

Eine Solidität, die lange auch gegen die Bayern hielt. Über die zähe erste Halbzeit hinaus, in der den Bayern die Ideen fehlten, aus ihrer spielerischen Überlegenheit heraus ein Tor zu erzielen - und das mit Thiago, Leon Goretzka und Philippe Coutinho im Mittelfeld hinter dem Angriff mit Müller, Lewandowski und Perisic. Lewandowski vergab nach 25 Minuten die bis dahin größte Chance, als der Ball nur Zentimeter am Tor von Rune Jarstein vorbeikullerte. Der examinierte Supertechniker Coutinho schoss sechs Minuten vor der Pause den ersten Eckball des Spiels hinter das Tor. Die Berliner versuchten es gelegentlich mit Kontern, der Ball landete meist beim eifrigen, aber glücklosen Davie Selke, Herthas einziger Spitze. Vergleich mit dem, was in der zweiten Halbzeit folgte, war das noch richtig gut. Im Fußball gewinnt halt doch gelegentlich die bessere Mannschaft.

Auch über die Hertha gab es in der spielfreien Zeit viel zu berichten. Klinsmann hatte noch einmal seine Vision von einem neureichen Großstadtklub skizziert, der mittelfristig um die Meisterschaft mitspielt. Eine Vision, die ganz im Sinne des Investors ist, der wohl kaum 224 Millionen Euro in einen Klub investiert hätte, der gegen den Abstieg spielen soll. Fast täglich ploppten Namen von Spielern auf, die als Zugänge gehandelt wurden: Julian Draxler, Mario Götze, Granit Xhaka zum Beispiel. Geworden ist es dann Santiago Ascacibar vom Zweitligisten VfB Stuttgart. Der 22 Jahre alte Argentinier stand prompt in der Startelf und machte als Sechser vor der Viererabwehrkette einen guten Eindruck.

Denn bei allen Visionen geht es kurzfristig darum, auch das hat Klinsmann stets betont, mit solider Wertarbeit die Mannschaft zu stabilisieren, Punkt um Punkt zu sammeln und am Ende nicht abzusteigen. Da ist eine Niederlage gegen die Münchner kein Betriebsunfall, noch können die Berliner sich nicht mit ihnen messen. Und der Relegationsplatz 16, auf dem der SV Werder Bremen nach dem Sieg am Samstag in Düsseldorf rangiert, ist nur zwei Punkte entfernt. Die Realität der Herthaner heißt Abstiegskampf, am nächsten Samstag geht es zum VfL Wolfsburg, danach kommt der FC Schalke 04 ins Olympiastadion. Oder wie Klinsmann es sagte: Es gehe nicht darum, "gegen eine Mannschaft zu gewinnen, die um die deutsche Meisterschaft spielt. Unser Bestreben ist es, gegen Mannschaften zu punkten, die mit uns in der unteren Tabellenhälfte sind."

Quelle: ntv.de