Fußball

Super-Wow-Fußball bei Atlético? FC Bayerns Guardiola pokert mit Boateng

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Gut gelaunt beim Abschlusstraining in Madrid: Jérôme Boateng.

(Foto: dpa)

Der Trainer ein Fiesling, das Team eine Bande Malocher: Atlético fordert den FC Bayern im Halbfinale der Champions-League. Für Josep Guardiola wird ausgerechnet Spanisch notenentscheidend für sein Abschlusszeugnis.

Worum geht’s?

Um nicht weniger als um die Kunstfrage eines erfolgreichen Fußballspiels. Im legendären Estadio Vicente Calderón in Madrid, der vielleicht stimmungsvollsten Bruchbude der europäischen Kicker-Beletage, prallen heute (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) im Halbfinalhinspiel der Champions-League zwei Trainer-Philosophien aufeinander, die gegensätzlicher nicht sein können.  Atlético Madrid pflegt eine kratzbürstig-kompromisslose Verteidigungsarbeit, am Ende der Nahrungskette veredelt durch die offensive Individualkunst eines Antoine Griezmann, eines Fernando Torres und des in nahzu guardiolascher Manier auftretenden Passspielfanatikers Koke. Beim FC Bayern hingegen, geprägt vom Tiki-Taka-Fanatismus ihres Trainer Josep Guardiola, legen sich die Ballvirtuosen ihren Gegner zurecht. Sie passen ihn solange müde, bis sich entscheidende Lücken auftun, die wahlweise Robert Lewandowski oder Thomas Müller gewinnbringend nutzen.

Wie stehen die Vorzeichen?

Atlético - FC Bayern, 20.45 Uhr

Atlético Madrid: Oblak - Juanfran, Gimenez, Lucas, Filipe Luis - Koke, Gabi, Augusto, Saul Niguez - Griezmann, Fernando Torres. - Trainer: Simeone
FC Bayern München: Neuer - Lahm, Boateng (Kimmich), Martínez, Alaba - Alonso - Costa, Müller, Vidal, Ribéry - Lewandowski. Trainer: Guardiola
Stadion: Vicente Calderon, Madrid
Schiedsrichter: Mark Clattenburg (England)

Erst Real, dann Barça, jetzt Atlético - die Großen Drei des spanischen Vereinsfußballs bestimmen das Abschlusszeugnis Guardiolas beim FC Bayern. Im dritten Münchner Jahr möchte der 45-Jährige in der Champions League nicht noch einmal im Halbfinale gegen eine Mannschaft aus seiner Heimat scheitern. In seinen ersten Anläufen ging das Projekt Königsklassetriumph jeweils auf der vorletzten Etappe in die Binsen: 2014 krachend gegen Real Madrid mit 0:1 und 0:4, im vergangenen Jahr traurig gegen seine große Liebe, den FC Barcelona mit 0:3 und 3:2. Gegen Atléticos Kämpferbande mit ihrem extrem emotionalen Trainer Diego Simeone soll Guardiolas Dreijahresplan doch noch aufgehen. "Im Halbfinale der Champions League ist kein Gegner einfach zu spielen. Wir haben großen Respekt vor Atlético. Die Leute sehen sie auf einem Niveau mit Barça und Real, das war früher nicht so. Es wird ein großes, großes Duell", prophezeit der Katalane, der die aufgeheizte Atmosphäre im Vicente Calderón bestens kennt. "Dort herrscht die beste Stimmung in Europa." Es ist übrigens das erste Wiedersehen beider Mannschaften seit dem 17. Mai 1974, seit dem Finale um den Europapokal der Landesmeister. Damals siegten die Bayern im Wiederholungsspiel - jaja, so etwas gab's damals statt Elfmeterschießen - mit 4:0.

Wie sind die Bayern so drauf?

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Bloß nicht schon wieder gegen eine spanische Mannschaft scheitern: Für Josep Guardiola geht's in der Champions League auch um seine Bilanz beim FC Bayern.

(Foto: dpa)

Die Münchner gewinnen, ohne zu glänzen. Sie erledigen ihre Aufgaben in der Bundesliga souverän (am Wochenende beim 2:0-Erfolg in Berlin), haben im Pokal keine Probleme (vergangene Woche beim 2:0 gegen Bremen) und lavieren sich irgendwie erfolgreich durch die Königsklasse - sowohl gegen Juventus Turin im Achtelfinale, als auch gegen Benfica Lissabon eine Runde später. Vom Super-Wow-Fußball der Hinrunde ist die Elf des Rekordmeisters weit entfernt. Ergebnis statt Spektakel lautet das Motto. Das bietet Raum zur Spekulation: Wollen die Bayern nicht mehr schön spielen - oder können sie nicht mehr? Hat das Bundesland Bayern nach Problem-Bär Bruno jetzt die Problem-Gang Guardiola? Mitnichten, sagt Thomas Müller. Er sagt es und es klingt richtig genervt: "Ich habe das Gefühl, wir müssen uns ständig rechtfertigen, obwohl wir seit Wochen alle unsere Ziele erreichen. Ein Fußballspiel ist kein Wunschkonzert." Gewünscht haben sich die Bayern in den vergangenen Wochen aber trotzdem etwas, nämlich die Rückkehr von Abwehrgigant Jérôme Boateng. Und die steht nun nach dreimonatiger Verletzungspause völlig überraschend bevor. Der 27-Jährige gehört in Madrid erstmals wieder zum Kader, ein Einsatz scheint nicht ausgeschlossen. "Ich bin bereit, ich bin da, um der Mannschaft zu helfen. Ich bin auf einem guten Weg", versicherte der Weltmeister noch am Dienstag. Ob er tatsächlich spiele, entscheide aber "selbstverständlich" der Trainer. Der ist ja immer für Überraschungen gut, pokert und sagt unverbindlich wie eh und je: "Wir sind zufrieden, dass er mit uns hier ist. Er hat große Erfahrung und Persönlichkeit und wenn er fit ist, ist er einer der besten Verteidiger der Welt."

Wie läuft's bei Atlético?

Fragen Sie mal, gut, dass es jetzt vermutlich schwierig, die Spieler des FC Málaga. Die haben am Wochenende mit 0:1 im Vicente Calderón verloren. Das an sich ist nicht so wild, schließlich ist Atlético Tabellenzweiter der Primera Division und Málaga Zehnter. Aber da war diese eine Szene kurz vor der Pause. Málaga kontert, es steht noch 0:0. Plötzlich fliegt ein zweiter Ball ins Spiel. Die Málagueños sind für einen Moment irritiert, der Konter verpufft. Was war passiert ? Simeone, optisch eher Mafia-Boss denn Fußballtrainer, soll einen Balljungen animiert haben, den Ball auf den Rasen zu werfen, um den Angriff der Gäste zu unterbinden. Dass er dafür vom Schiedsrichter auf die Tribüne verbannt wurde - geschenkt.

Simeone steht wie kein anderer für das Schmuddelkind-Image der Rojiblancos. "Wenn ich Schlamm sehe, werfe ich mich hinein. Arbeit ist alles", lautet das Lebensmotto des Argentiniers. Der 45-Jährige wandelt stets auf einem schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Heißblütigkeit, aber mit genau dieser Mischung aus Maloche und Leidenschaft ist Simeone unglaublich erfolgreich. Nicht von ungefähr gelten die Madrilenen als undankbarster Gegner Europas. Und diesen Ruf hat sich Atlético hart erkämpft, ermauert und ergrätscht. "Wir sind einfach eine Gruppe ehrlicher Arbeiter, da gibt es schlechtere Werte in der heutigen Gesellschaft", sagt Simeone. Der Trainer lässt einen kompromisslosen Defensivfußball spielen, bringt seine Männer immer voll auf Linie, jeder zerreißt sich für jeden. 16 Gegentore in 35 Ligaspielen und fünf in der Königsklasse sprechen eine deutliche Sprache. Das gilt auch, trotz des wohl sicheren Ausfalls von Abwehrchef Diego Godin. Den Uruguayer plagen Oberschenkelprobleme.

War sonst noch was?

Bei Atlético erinnern sie sich nicht gerne an Hans-Georg Schwarzenbeck. Der Abwehrspieler des FC Bayern war der Mann, der für Franz Beckenbauer, den Kaiser, die Drecksarbeit erledigte. Katsche Schwarzenbeck war ein Mann, dem das gegnerische Tor so fremd war wie dem bayrischen Trinkfreund das Kölsch. Doch am 15. Mai 1974 war es Schwarzenbeck, der mit einem Tor Geschichte schrieb und Atlético eine der bittersten Niederlagen der Klubgeschichte beibrachte. Es lief die letzte Spielminute der Verlängerung im Finale um den Europapokal der Landesmeister. Mit 0:1 lagen die Münchner im Brüsseler Heysel-Stadion nach einem Treffer von Luis Aragonés (114.) zurück. Und dann kam Katsche. Verzweifelt eilte der Abwehrmann aus der eigenen Hälfte nach vorne und hielt aus 30 Metern einfach drauf. Miguel Reina im Atlético-Tor hatte das Nachsehen - Schlusspfiff, 1:1, Wiederholungsspiel zwei Tage später. "Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass das einer der verfluchtesten und unglücklichsten Momente war, die wir in der Geschichte von Atlètico gehabt haben", sagte Reina jetzt der Münchener "tz". Das Wiederholungsspiel war für die Bayern kein Problem, sie siegten mit 4:0. Dem Welt- und Europameister Schwarzenbeck nahmen dabei wieder die Experten das Toreschießen ab: Uli Hoeneß (28. und 83.) sowie Gerd Müller (57. und 70.) sicherten den Münchnern den ersten Europapokal der Landesmeister der Vereinsgeschichte - Schwarzenbeck sei Dank.

Quelle: ntv.de