Fußball

Beinahe-Abbruch in Jena Fans kritisieren Hopp und DFB erneut scharf

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(Foto: imago images/Revierfoto)

Die Fan-Proteste in den deutschen Fußball-Stadien gehen weiter. Die Wut richtet sich gegen den DFB, auch Hoffenheim-Mäzen Hopp wird erneut verbal angegriffen. Auf Schalke bekommen Clemens Tönnies und die Vereinsführung Kritik ab. Die meisten Schiedsrichter reagieren diesmal aber gelassener.

Mit Schmäh-Plakaten und verbalen Attacken haben viele Fans in der Bundesliga ihre Proteste gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) fortgesetzt. Im Spiel des FC Schalke 04 gegen 1899 Hoffenheim nahmen die Anhänger der Königsblauen am Samstag erneut auch den TSG-Mäzen Dietmar Hopp mit Bannern ins Visier. "Wir entschuldigen uns bei allen Huren, sie mit Herrn Hopp in Verbindung gebracht zu haben", hieß es auf Spruchbändern der Schalker Fans.

Sie griffen mit Plakaten auch ihren Boss Clemens Tönnies an, der sich im vergangenen Jahr mit rassistischen Kommentar ins Abseits befördert hatte aber trotzdem im Amt blieg. Auf einem Banner wurde Tönnies' rassistische Aussage von damals zitiert: "Dann wurden die Afrikaner aufhören Bäume zu fällen und sie hören auf, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren." Dahinter stand geschrieben: "S04: "Wir akzeptieren [...] keinerlei Bagatellisierung." Damit kritisierten die Fans auch den Vorstand um Jochen Schneider, Alexander Jobst und Peter Peters, der Tönnies einfach weitermachen ließ, aber nach nach den Hopp-Protesten vom vergangenen Wochenende klargestellt hatten, dass jegliche Form von Bagatellisierung und Diskriminierung harte Konsequenzen hätte. "Ob Tönnies oder Hopp, Milliardäre sind keine schutzbedürftige Minderheit", stand auf einem anderen S04-Plakat.

"Eure Dialoge mehr Schein als Sein"

Auch in den anderen Stadien gab es Aktionen auf den Rängen, die sich vor allem gegen Kollektivstrafen bei Fan-Vergehen richteten. DFB-Präsident Fritz Keller musste als Zuschauer bei der Partie des SC Freiburg gegen Union Berlin ein gegen den Verband gerichtetes Banner mit dem Wortlaut "Eure Dialoge mehr Schein als Sein" lesen. Zudem hieß es auf einem Plakat in Anspielung auf die heftigen Reaktionen auf die Attacken gegen Hopp "DFB Dietmars Fußball-Bund". Auch die beleidigenden Rufe aus beiden Fanlagern gegen den DFB dürften Keller kaum entgangen sein.

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In Freiburg protestierten die Fans gegen DFB-Präsident Fritz Keller.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Der Konflikt mit den Fans war bereits am vergangenen Spieltag eskaliert. So kam es bei der Partie in Sinsheim fast zum Abbruch, als Fans des FC Bayern Hopp mit Schmähplakaten angriffen. Die DFB-Spitze und viele Klub-Funktionäre hatten das Verhalten der Anhänger scharf verurteilt. Auch eine Sondersitzung der AG Fankulturen mit Vertretern von DFB und Deutscher Fußball Liga (DFL) am Donnerstag brachte kaum Beruhigung.

Der Zusammenschluss "Fanszenen in Deutschland" hatte weitere Proteste angekündigte, im schlimmsten Fall sogar Provokationen bis hin zum ersten Spielabbruch. Auslöser der Eskalation war eine Entscheidung des DFB-Sportgerichts. Dieses hatte eine Bewährung für Fans von Borussia Dortmund wegen fortgesetzter Hassplakate gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp unlängst aufgehoben und alle BVB-Anhänger für die nächsten zwei Jahre von Pflichtspielen ihres Klubs in Sinsheim ausgeschlossen. Solche Kollektivstrafen, die vom DFB und dem damaligen Präsident Reinhard Grindel 2017 eigentlich als abgeschafft galten, stoßen in der Fanszene auf heftige Ablehnung.

"Rassismus im Stadion? Nie gehört!"

Entsprechend deftig war auch am Samstag die Wortwahl auf den Plakaten. "Schmiergelder, Kollektivstrafen, Tote in Katar - Wer die hässliche Fratze im Fußball ist, ist klar", hieß es zum Beispiel auf einem Banner der Ultras von Hertha BSC in Berlin. Im Block von Bayer Leverkusen war das Spruchband "Spieltagszerstückelung, Kollektivstrafen, Lügen - Ihr seid die Feinde des Fußballs" zu lesen. Auch bei den Spielen der 2. und 3. Liga machten die Fans ihrem Unmut Luft. Die Partie zwischen Carl Zeiss Jena und 1860 München stand sogar kurz vor dem Abbruch. Schiedsrichter Florian Exner unterbrach das Spiel zweimal, weil im Block der Heimfans kurz nach dem Anpfiff Schmähplakate gegen den DFB und Hopp gezeigt wurden. Nachdem er beide Teams kurzzeitig in die Kabinen beordert hatte und die Banner schließlich eingerollt wurden, setzte der Referee aus Bielefeld die Begegnung nach knapp 15 Minuten Unterbrechung fort. Offen blieb, ob die Unterbrechung der Partie in Jena zwingend notwendig war, nachdem der DFB am Freitag erklärt hatte, dass auch beleidigende und grob unsportliche Kritik im Fanblock durchaus möglich sei, ohne dass die Referees einschreiten müssten.

Beim Drittliga-Spiel Kaiserslautern gegen Meppen entrollten FCK-Fans Banner mit der Aufschrift: "Rassismus im Stadion? Nie gehört! Korruption in den eigenen Reihen? Nie passiert! Beleidigung eines Premiumpartners? Zuschauerausschluss, Spielabbruch, Sippenhaft". In Hamburg schrieben HSV-Fans unter anderem "Das Wort des Verbands ist nichts mehr wert, wenn der Premiumsponsor sich beschwert". Zu sehen waren in den Arenen auch eher gewitzte Plakate wie "Max Mustermann Du Hurensohn" oder "Sieg oder Hopp-Plakat". Die zuvor befürchteten Spielabbrüche aber blieben am Samstag aus. Fanprojekt-Koordinator Volker Goll hatte bereits vor der überharten Anwendung des Drei-Stufen-Plans gewarnt. "Wenn man künftig in völliger Überreaktion das Feld verlässt, gibt man ein Druckinstrumentarium in die falschen Hände. Dann findet bald kein Fußball mehr statt. So können wir das nicht machen. Ich bin sehr sicher, dass nachreguliert wird", sagte der 58-Jährige dem "Main-Echo".

Beim Drei-Stufen-Plan des Weltverbandes Fifa ginge es "um internationale Spiele in Osteuropa, Russland, Serbien und anderswo, wo Leute die Fußballbühne zu rassistischen, diskriminierenden und neonazistischen Exzessen missbraucht haben", sagte Goll und ergänzte: "Für mich wurde das jetzt überhastet aus der Schublade geholt."

Quelle: ntv.de, dbe/dpa