Fußball

FC Bayern droht Triple-Knockout Guardiola setzt auf seine letzte Kugel

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"Wir haben gelernt und werden uns nicht reinreden lassen": Josep Guardiola.

(Foto: REUTERS)

Josep Guardiola kann sich winden, wie er will: Gegen Atlético entscheidet sich, welchen Platz er in der Trainer-Galerie des FC Bayern einnimmt. Der Katalane ist vorm Halbfinale angespannt und bekommt Druck von Franck Ribéry.

Worum geht's?

Je nach Lesart entweder um den Ruf Josep Guardiolas, um sein Leben, oder, ganz banal, um den Einzug in das Finale der Champions League. Während letzterer sich mit dem heute (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) stattfindende Halbfinal-Rückspiel gegen Atlético Madrid selbst erklärt, bedürfen die anderen beiden Lesarten ein wenig mehr Erklärung. Also, wir erinnern uns kurz: Im Hinspiel setzte der Trainer des FC Bayern den Unantastbaren Thomas Müller 70 Minuten lang auf die Bank zu setzen. Eine Entscheidung, die zur nationalen Angelegenheit wurde. Sie wurde dazu, weil die Bayern in der legendären Bruchbude Estadio Vicente Calderón mit 0:1 verloren. Während Guardiola seine Entscheidung mit einer erdachten Überzahl im Mittelfeld durch Müller-Ersatz Thigao zu rechtfertigen versuchte, urteilte die deutsche Öffentlichkeit in Einklang mit n-tv.de: klassischer Fall von vercoacht! Und das vom weltbesten Trainer, pah! Und vor allem schon wieder, wie 2014 gegen Madrid, wie 2015 gegen Barcelona. Was für eine Geschichte.

Doch der Trainer wehrte sich: "Ich bin noch nicht tot, my friends", raunzte der 45-Jährige demjenigen zu, der ihn auch knapp 40 Stunden nach dem Spiel in Spanien, in der Vorbereitung auf die Bundesligapartie gegen Mönchengladbach am Samstag (1:1), noch einmal mit der Alético-Aufstellung konfrontierte. "Nach diesem Spiel - everybody killed me. Aber ich bin noch nicht tot. Nachher, okay, dann you can kill me. Aber ich habe noch ein Bullet."

Wie ist die Ausgangslage?

München - Madrid, 20.45 Uhr

FC Bayern: Neuer - Lahm, Boateng, Martínez, Alaba - Alonso - Costa, Vidal, Müller, Ribéry - Lewandowski
Atlético Madrid: Oblak - Juanfran, Giménez, Godin, Filipe Luis - Koke, Gabi, Augusto Fernandez, Saúl Niguez - Torres, Griezmann
Schiedsrichter: Cüneyt Cakir (Türkei)

Hinspiel: 0:1 (Tor: Niguez, 17. Minute)

Nun, sicher nicht hoffnungslos, aber zumindest so angespannt, dass Guardiola sein angekündigtes "Bullet", seine letzte Kugel, auf jeden Fall zielsicher einsetzen muss. Die Bayern müssen die Niederlage aus dem Hinspiel wettmachen. Das ist allerdings deutlich kniffliger, als es sich liest. Denn, so einfach ist die Fußball-Arithmetik, um eine Niederlage wettzumachen, braucht es Tore. Mindestens eins zur Verlängerung und mindestens noch eins zum direkten Weiterkommen. Vorausgesetzt natürlich, die Gäste treffen nicht. Nun, ist es aber so: Mit Atlético wird am Abend die wahrscheinlich weltbeste, nachgewiesenermaßen aber europaweit stärkste Defensive in der Allianz-Arena vorstellig. In 36 Ligaspielen haben die Rojiblancos nur 16 Gegentreffer kassiert. Für Torwart Jan Oblak bedeutet das eine Quote von 0,44 Gegentoren pro Partie. Das ist der beste Wert, den je ein Keeper in der 1929 gegründeten spanischen Elite-Liga erreicht hat. In 23 Primera-Division-Partien hat Madrid zu Null gespielt, wettbewerbsübergreifend sogar in 34 von 53 Spielen. Und aktuell hat es seit 602 Minuten nicht mehr hinter Oblak eingeschlagen.

Wie sind die Bayern so drauf?

Über welche Bayern reden wir? Die, die am Wochenende die vorzeitige Meisterfeier gegen Mönchengladbach vergeigten? Oder die, die das Königsklassen-Hinspiel verpatzten? Nun, die Liga-Elf können wir vernachlässigen. Mit einer kleinen Ausnahme: In der von Reservisten dominierten Startelf gegen Gladbach gab Jérôme Boateng sein sehnsüchtig erwartetes Comeback. Er spielte 68 Minuten und das solide. Was das für die Champions League bedeutet? Wer Guardiola ein bisschen kennt, der weiß: Nichts! Aufschlussreicher war da am Montagabend die letzte Vorspiel-Champions-League-Pressekonferenz mit Guardiola als Bayern-Trainer in der Münchner Arena. Zwar sagte der Katalane eine ganze Menge allseits bekannte Allgemeinplätze von der Aussagekraft eines "Wir brauchen zunächst eine gute Verteidigung!", eines "Wir müssen jeden Moment hellwach sein!", oder eines "Tore schießen ist dann die letzte Konsequenz."

Aber Guardiola sagte dann plötzlich auch etwas ziemlich Bemerkenswertes. Nämlich genau dann, als gefragt wurde, ob er aus dem Real-Desaster vor zwei Jahren etwas gelernt habe: "Wir haben nun eine ganz klare Philosophie, wir haben gelernt und werden uns nicht reinreden lassen. Gegen Real Madrid war es damals mein Fehler, auf andere gehört zu haben." Zur Erinnerung: Damals hatte der Trainer sich von seiner Mannschaft überzeugen lassen, von der üblichen Taktik abzuweichen und in einer ungewohnten 4-2-4-Formation aufzulaufen. Das Ergebnis? Eine 0:4-Klatsche, die Hölle dahoam. Nun wirft der bemerkenswerte Satz von Guardiola für heute Abend interessante Fragen auf. Fragen zum Beispiel nach Müller, den der Katalane aus Überzeugung im Hinspiel nicht von Beginn an aufstellte, den die Öffentlichkeit nun aber heute wegen der lange Zeit uninspirierten Vorstellung in Madrid in die Startelf der Münchener zurückzwingen will. Und dann ist da auch noch Franck Ribéry. Der war von seinem Bankplatz im Vicente Calderón ebenso überrascht wie Müller. Und um einer erneuten Enttäuschung vorzubeugen, erklärte der zuletzt leicht angeschlagene Franzose dem "Kicker" ganz freimütig: "Ich bin bereit für das Spiel. Ich habe große Lust zu spielen und ich muss auch spielen." Nun, wir sind gespannt, wie Guardiola reagiert.

Wie macht Atlético so?

Sportlich können wir es kurz machen: Läuft weiter gut. Gegen den Stadtrivalen Rayo Vallecano gab es am 36. Spieltag ein 1:0. Und ähnlich wie sein Pendant auf der Bayern-Bank gönnte Simeone seinen Leistungsträgern den Luxus einer Auszeit. Wobei wir beim Wort Bank einhaken müssen. Da darf der Argentinier in Ligaspielen ja nicht sitzen, weil ihn der Verband für die Ballwurf-Eskapade gegen Malaga mit einer Sperre belegt hat. Doch vom Schummeln hält das den Cheftrainer offenbar nicht ab. TV-Bilder zeigten Simeone auf der Tribüne neben Pablo Vercellone sitzend. Der Torwart-Trainer ist mit einem Headset ausgestattet. Auf der Spielerbank sitzt Kapitän Gabi - ebenfalls mit Headset. Sollte dieser erneute Schummel-Vorwurf zutreffen, droht dem Atlético-Coach eine Strafe von bis zu 20 (!) Spielen. Das alles interessiert den 46-Jährigen im vom Madrid so fernen München nicht. Hier ist der Fokus aufs Weiterkommen gerichtet. Und dabei nehmen sich die Rojiblancos eine Aberglauben-Anleihe beim so ungebliebten Rivalen Real. Wie einst die Königlichen bei ihrem 4:0-Triumph vor zwei Jahren stieg der Atlético-Tross im Hilton-Park-Hotel ab. Einen ähnlichen Spaziergang durch die Allianz-Arena wie damals erwarten die Gäste für sich indes nicht. So kündigt Stürmer Fernando Torres martialisch an: "Das wird eine Schlacht! Wir werden füreinander sterben."

Was gibt es noch?

Diesen Mats Hummels. Kommt er nun nach München oder muss er doch in Dortmund bleiben? Nun, dass wissen wir auch nicht. Aber wir wissen, dass uns dieses Thema noch ein wenig beschäftigen wird. So wie auch die Bayern. Denn kaum ist der Hoeneß-Humbug überwunden, macht sich der nächste Angestellte des deutschen Rekordmeisters Gedanken um den potenziellen Innenverteidiger-Zugang: "Die Bayern beschäftigen sich mit Hummels. Ich habe keine Probleme, den Verein zu verlassen", sagte Mehdi Benatia unmittelbar vor dem Halbfinale gegenüber Fox Sports. Dabei hatte Torhüter Manuel Neuer doch gerade noch mit Blick auf das Transfer-Hickhack versichert: "Wir fokussieren uns nur auf morgen. Keiner von uns beschäftigt sich mit anderen Dingen." Aha, soso.

Quelle: n-tv.de

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