Fußball

Spieler von Fans "verarscht" Hertha BSC vergiftet sich selbst

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Jürgen Klinsmann hatte Alexander Nouri zu seinem Co-Trainer gemacht. Als dessen Chef-Nachfolger steht er aber bereits nach zwei Spielen gewaltig unter Druck.

(Foto: imago images/Kolvenbach)

Schlechter als Hertha BSC bei der denkwürdigen 0:5-Demütigung gegen den 1. FC Köln spielte, geht es eigentlich nicht mehr. Der Trainer kann sich das Debakel nicht erklären. Die Spieler sind völlig orientierungslos. Die Fans wütend. Und Jürgen Klinsmann? Der hat sich geirrt.

Eines war Jürgen Klinsmann bei seinem Rechtfertigungsmonolog vor knapp zwei Wochen ganz wichtig. Ins Chaos habe er Hertha BSC mit seinem skurrilen Abgang nicht gestürzt. Da hätten viele Medien dann doch übertrieben. Es war ein Satz, vermutlich der letzte, dem die hart verprellten Chefs des Fußball-Bundesligisten öffentlich zustimmten. Es war ein wackeliger Zuspruch, der nun, spätestens nach der 0:5-Blamage gegen den 1. FC Köln nicht mehr zu halten ist. Zu schlecht war das Spiel der Berliner, zu ratlos der Trainer, zu wütend die Fans, als das noch von geordneten Vorgängen gesprochen werden kann. Denn mehr Krise als nach diesem 23. Spieltag war in dieser äußerst unruhigen Saison in der Hauptstadt noch nicht.

Denn das, was die Fußballer da am Samstagnachmittag über 90 Minuten angeboten hatten, das war eine Demütigung des eigenen Stolz'. Es war ein Systemversagen auf allen Ebenen. Der Torwart - kein stabiler Rückhalt mehr. Die Abwehr - luftig bis peinlich. Das Mittelfeld - ähmm ..., und der Sturm? Puh. Nun wäre so ein Spiel für alle Involvierten besser zu verkraften und zu verzeihen, wenn die Tendenz grundsätzlich stimmen würde. Wenn sich die Hertha in dieser Saison, die eine - ziemlich zähe - Blaupause auf dem Weg in die internationale Spitze sein soll, irgendwie stabilisieren würde. Doch die Euphorie, ausgelöst durch Klinsmann und seinen grenzenlosen Dauer-Optimismus, als Stützhilfe wirkte nur kurzfristig, sie war nicht mehr als Pfusch am Bau.

Die Statik des Kaders hat der schwäbische Projektleiter radikal verändert, manche behaupten sogar, er hat sie gänzlich ruiniert. Etablierte Spieler wurden weggeschickt, degradiert oder in die zweite Reihe sortiert. Dieses wenig erbauliche Erbe muss nun ausgerechnet jener Trainer annehmen, der unter Klinsmann bereits operativ verantwortlich war: Alexander Nouri. Und der steht nach seinem zweiten Spiel als Chef schon so unter Feuer, dass die "Bild"-Zeitung am kommenden Freitag von einem Job-Endspiel für den 40-Jährigen ausgeht - im Abstiegskampfduell bei Fortuna Düsseldorf (20.30 Uhr im Liveticker bei ntv.de). Solche Szenarien interessieren Nouri nicht. Er mache sich darüber "überhaupt keine Gedanken." Das darf man dem Trainer getrost glauben, denn alle seine synaptischen Einsatzkräfte beschäftigen sich ja eh damit, wie die Peinlichkeit gegen Köln zu erklären ist.

Nouri steht heftig in der Kritik

Und sie verzweifeln daran. "Dafür die richtige Erklärung zu finden, ist schwer", sagt Nouri. "Wir haben alle Tugenden vermissen lassen." Es habe dafür keine Anzeichen gegeben. Denn die Trainingswoche zuvor sei doch gut und die Fußballer entsprechend vorbereitet gewesen. Nun sehen fast alle Hauptstadtmedien einen gewichtigen Teil der Schuld beim Trainer. Dessen taktische Idee - wobei manche sogar nicht mal eine Idee gesehen haben wollen - habe versagt. Tatsächlich war das 3-5-2-System brutal konteranfällig. Korrektur? Nein. Auch personelle Entscheidungen werden vehement in Frage gestellt. Warum spielten die formschwachen Marko Grujic, Arne Maier und Niklas Stark? Warum saßen die zuletzt guten Per Skjelbred und Jordan Torunarigha sowie der wiederentdeckte Peter Pekarik nur auf der Bank? Und wo ist eigentlich der talentierte Javairô Dilrosun?

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In der Winterpause hatte der Klub die - tatsächlich - weltweit wuchtigste Transferinvestition getätigt. Knapp 80 Millionen Euro waren für Krzysztof Piatek, Matheus Cunha, Santiago Ascacibar und Lucas Tousart (er blieb aber vorerst bei seinem Klub Olympique Lyon) ausgegeben worden - der bislang spärliche Liga-Ertrag: eine Vorlage von Ascacibar und ein Hackentor von Cunha zum wackeligen Sieg beim SC Paderborn (2:1) am vorvergangenen Spieltag. Nun ist die Krise nicht an den Neuzugängen festzumachen. Wohl aber passt die Auswahl der Neuen zur nur sehr schwer zu identifizierenden Idee der Hertha und ihres megagroß denkenden Investors Lars Windhorst auf dem Weg zum "Big City Club".

Die Idee, 224 Millionen Euro (und eventuell künftig noch ein wenig mehr) in den Verein zu pumpen und sich damit in Warp-Geschwindigkeit in den internationalen Fußball-Orbit zu schießen, ist ein wenig klein angesetzt. Wo ist das große, das gesamte Konzept? Für Jugend, für Identität, für Transfers und fürs Scouting? Zumal 224 Millionen Euro in den Runden, in denen Windhorst mit Hertha eher kurz- als mittelfristig mitspielen möchte, auch eher kleckerlich denn kolossal wirken. Und innerhalb des Vereins wirken sie wie Gift. Auf den Tribünen, so heißt es in mehreren Fan-Foren, soll es am Samstag auch Prügeleien zwischen Fans gegeben haben, die die Mannschaft unterstützen wollten und jenen, die dem Team den Zuspruch entziehen wollten.

Gewonnen haben am Ende die Zyniker. "Oh wie ist das schön" sangen sie. Die Spieler reagierten verärgert, verweigerten den ritualisierten Gang in die Kurve. "Wenn man teilweise verarscht wird, hat man nicht besonders Bock, da reinzugehen", sagte Kapitän Stark. Chaos? Chaos.

Quelle: ntv.de