Fußball

So läuft der Oranje-Stresstest Löw hilft "Traktor" Kroos - aber wer hilft Süle?

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Entspannt trotz aller Widerstände: Toni Kroos ist womöglich er unerschütterlichste Fußballer der deutschen Nationalmannschaft.

(Foto: imago images / Team 2)

Wie erschütterungssicher ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft? Gegen die Niederlande stellt sich das Umbruchteam in der EM-Qualifikation dem Pflichtspielernst. Während der Bundestrainer vom Weg überzeugt ist, gibt's beim Gegner Knatsch - wegen frivolen "hakballetjes".

Worum geht's?

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist dorthin zurückgekehrt, wo alles endete. Ober wo eben alles begann. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist zurück in Amsterdam - fünf Monate nachdem das Team von Bundestrainer Joachim Löw dort am 13. Oktober sportlich und mental auf einen Tiefstpunkt der 119-jährige Verbandsgeschichte gestürzt worden war. Ausgerechnet die Niederlande, der sonst so gerne spöttisch niedergesungene Rivale, hat den deutschen Fußball zum Ende des Katastrophenjahres 2018 verändert. In Folge des vor allem in den Schlussminuten peinlich vergeigten Nations-League-Duells (0:3) wurde aus dem Placebo-Wandel der DFB-Elf ein echter Umbruch. Eine "neue Zeitrechnung", wie Löw sie ausgerufen hat. Mit einer fast komplett entkernten 2014er-Weltmeister-Mannschaft, mit viel Risiko, mit noch mehr Potenzial. Nach dem zunächst zähen, dann aber sehr zügigen Testspiel gegen Serbien (1:1) stellt sich die "neue Zeitrechnung" nun dem Pflichtspielernst - für Deutschland startet die Qualifkation für die Europameisterschaft 2020 (ab 20.45 Uhr bei RTL und im Liveticker bei ntv.de).

Wie ist die Ausgangslage?

Niederlande - Deutschland, 20.45 Uhr

Niederlande: Cillessen -  Dumfries (Hateboer), de Ligt, van Dijk, Blind - de Roon, de Jong, Wijnaldum - Promes, Depay, Babel; Trainer: Koeman.
Deutschland: Neuer - Ginter, Süle, Rüdiger - Kehrer, Kimmich, Kroos, Schulz - Sané, Gnabry, Reus; Trainer: Löw.
Stadion: Johan-Cruyff-Arena (Amsterdam)
Schiedsrichter: Manzano (Spanien)

Die Niederländer haben bereits vorgelegt. Am Donnerstagabend, am ersten Spieltag, gab's im Rotterdamer "De Kuip" ein vom Ergebnis her souveränes 4:0 (2:0) gegen Weißrussland - mit einem wütenden Nachbeben des Trainers (siehe unten). Der klare Sieg bedeutet trotz allem natürlich vorerst die Tabellenführung in der Quali-Gruppe C - vor Nordirland, das Estland mit 2:0 besiegte.

Wie ist die deutsche Mannschaft drauf?

Der Umbruch, er kann gelingen. Das hat die zweite Halbzeit gegen Serbien gezeigt. Die Dynamik und die Zielstrebigkeit (bei aller Nachlässigkeit im Abschluss) von Marco Reus und Leroy Sané ist bemerkenswert. So auch die Präsenz von Joshua Kimmich als Anführer. Und wie Ilkay Gündogan die erniedrigende Häme vieler Fans nach dem Erdogan-Foto aus dem vergangenen Jahr verarbeitet hat, wie er das Spiel der Mannschaft als Überraschungskapitän nun an sich riss, wie er dem Spiel Breite und Tiefe gab, das war beeindruckend. Deutschland, so erkannte Toni Kroos dann auch, "habe nach wie vor eine gute Mannschaft". Und er, der Toni Kroos, der hatte ja gar nicht mitgespielt. Er war geschont worden. Der Spielmacher von Real Madrid ist gemeinsam mit Manuel Neuer, Null-Minuten-Weltmeister Matthias Ginter und dem verletzten Julian Draxler das derzeit letzte Titelträger-Relikt der Rio-Helden. Er ist 29, er spielt keine besonders gute Saison und ist trotzdem unverzichtbar beim DFB-Umbruch. So jedenfalls sieht es Löw, der dieses Qualitätsurteil über keinen anderen Spieler so klar ausspricht. Zitat: "Toni ist für eine Mannschaft ein unheimlicher Gewinn, mit seiner Ballkontrolle, seiner Fähigkeit, ein Spiel zu lenken, seiner Übersicht, das ist einmalig. Daher ist er für uns unverzichtbar."

Auch wegen seines Glaubens an die eigene Stärke, der trotz zuletzt aufkommender "Dieseltraktor-Kritik" unerschütterlich ist: "Es wird keiner mehr in meinem Fußball-Leben hinbekommen, dass ich Selbstzweifel bekomme." Als Überheblichkeit sollte man ihm dieses Urvertrauen nicht auslegen. "Ich bin der letzte, der mit Kritik ein Problem hat, ich habe nichts gegen konstruktive Kritik. Aber gerade diese Kritik hatte keinen Inhalt. Meine Spielart war immer die gleiche. Ich war nie der, der 90 Minuten über den Platz gesprintet ist oder 28 Grätschen gemacht hat. Das ist auch heute nicht so." Und das wird sich auch nicht ändern, selbst wenn sich das Spiel der deutschen Mannschaft ändert. Wenn der träge bisweilen arrogante Ballbesitzfußball zu einem Ballbesitzfußball mit mehr Dynamik und Schnelligkeit modifiziert wird.

Also alles bestens?

Nunja, fast. Der rasante und unverhandelbare Ballbesitzfußball neuerer Löw'scher Prägung löst zwei drängende Probleme des deutschen Spiels nicht: die seit 2018 akute Abschlussschwäche und das doch eher mangelhafte Umschaltverhalten bei Ballverlusten. Als Lösung für einen höheren Ertrag vor dem gegnerischen Tor soll das dynamischere Spiel in die Tiefe herhalten. Mit Spielern wie Reus, wie Sané, wie dem zuletzt formschwachen Timo Werner und auch wie Serge Gnabry. Bei der defensiven Absicherung ist ebenfalls Kreativität gefragt, und zwar taktische. Dreierkette? Viererkette? Beides denkbar, sagt Löw. Aber mit wem? Niklas Süle ist gesetzt, als neuer Abwehrchef. Da hat sich der Bundestrainer festgelegt. Sein Experiment mit Jonathan Tah als Nebenmann in der Viererkette funktionierte gegen Serbien eher nicht. Auch Marcel Halstenberg auf links hatte eher mehr als weniger Probleme. Lediglich Debütant Lukas Klostermann bot sich als zuverlässige Alternative an, ist nun aber verletzt. Gegen die Niederlande deutet auch deshalb viel auf eine Dreierkette hin: mit Süle, mit dem in der DFB-Elf in seiner Karriere nur teilweise souveränen Antonio Rüdiger und mit Ginter, dem der Bundestrainer bei großen Turnieren bislang nicht vertraute. Bei den Weltmeisterschaften 2014 und 2018 blieb er jeweils ohne Einsatz, für die EM 2016 war er nicht nominiert. Bei allen Turnieren spielten Mats Hummels und Jérôme Boateng, meistens als gesetztes Duo. Aber: Diese Ära ist vorbei. Punkt.

Und wie läuft's bei den Niederländern?

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Bitte keine "hakballetjes" mehr - Roland Koeman war zuletzt von der aufreizenden Spielweise seiner Mannschaft genervt.

(Foto: imago/Laci Perenyi)

Der niederländische Fußball ist wieder attraktiv und erfolgreich. Die nationale Liga schmiedet wieder Top-Talente. Und dennoch ist die Stimmung gerade ein bisschen gereizt. Das liegt an den viel zu vielen "hakballetjes". Die nerven Bondscoach Roland Koeman nämlich gewaltig. "So viel Hackenspielerei habe ich bei einer niederländischen Nationalelf noch nie gesehen", klagte er nach der zwar ergebnissouveränen, aber eben auch leichtsinnigen bis überheblichen Leistung gegen Weißrussland. Der "Telegraaf" verurteilte die Nachlässigkeiten und Pirouetten der Oranje-Stars genervt als "Frivolitäten". Grundsätzlich aber ist es im Nachbarland so: Die "Elftal" spielt nach den verpassten Großturnieren 2016 und 2018 wieder richtig guten Fußball. Sie hat mit dem Liverpooler Virgil van Dijk den aktuell wohl besten Innenverteidiger, mit Matthijs de Ligt eines der größten Abwehrtalente, mit Frenkie de Jong einen der international talentiersten Mittelfeldspieler und Memphis Depay hat sich nach seiner Karriere-Delle bei Manchester United in Lyon zurück zu einem sehr wertvollen Stürmer entwickelt.

Seit 2012 sind die Niederlande gegen die DFB-Elf nun schon ungeschlagen. Im letzten Duell holte sich die Elftal in der Nations League mit zwei späten Treffern noch ein 2:2. "Das Spiel nun wird anders sein als in Gelsenkirchen", versicherte Koeman. "Wir wissen, wie schwierig es ist, Deutschland zu schlagen. Aber wir sind auf alles vorbereitet." Auch dank ihm, dank Koeman. Er hat eine Mannschaft zusammengestellt, die eine Mannschaft ist und anders als in den vergangenen Jahren keinen übermäßigen Egoismus duldet. Eine Mannschaft, die als Mannschaft spielt und deshalb die gute Balance zwischen Angriff und Verteidigung schon gefunden hat, die das DFB-Team noch sucht. Und die sich trotzdem an sich selbst berauschen kann - manchmal ein bisschen zu sehr. Aber dafür gibt's ja Koeman.

War sonst noch was?

Die ARD hat eine Umfrage in Auftrag gegeben. Es ging um die Zukunft der Nationlmannschaft. Bei der von infratest dimap durchgeführten Befragung in der deutschen Gesamtbevölkerung erklärten 53 Prozent, sie seien zuversichtlich, dass die DFB-Elf bei der EM 2020 um den Titel mitspiele. 32 Prozent stimmten der Aussage nicht zu. Allerdings nur rund ein Viertel der Befragten gab an, sich "stark" für Fußball zu interessieren. Die Antworten der übrigen Befragten gingen dennoch in die Umfrage ein. Mit der Arbeit des Bundestrainers sind nur 32 Prozent zufrieden. 33 Prozent gaben an, unzufrieden zu sein. Der Rest gab kein Urteil ab. 43 Prozent der Befragten sprachen sich indes dafür aus, dass Löw Coach bleiben solle, 26 Prozent dagegen. Der personelle Neuanfang zur EM-Qualifikation findet dagegen große Unterstützung. 88 Prozent finden es richtig, jüngere Spieler in die Verantwortung zu nehmen. Gleichzeitig sprachen sich aber auch 79 Prozent dafür aus, dass Löw Spielern wie den Zwangsruheständlern Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller die Möglichkeit geben sollte, bei guten Leistungen in die Nationalmannschaft zurückzukehren. Das sind viele Zahlen. Machen Sie was draus!

Quelle: n-tv.de

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