Fußball

Gewinner & Verlierer im DFB-Team Löw verspielt seinen Ruf, ein Trio punktet

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Im DFB-Team um Trainer Löw gab es einige Gewinner und Verlierer.

(Foto: imago images/Team 2)

Die Blamage gegen Nordmazedonien überschattet die Lichtblicke der jüngsten Länderspiele. Nicht nur ein Weltmeister-Trio kann auftrumpfen. Mit Joachim Löw, Timo Werner und dem gar nicht anwesenden Toni Kroos gibt es aber auch klare Verlierer.

Die Verlierer

Joachim Löw

"Heute sind wir absolut zurückgeworfen worden. Wir müssen die richtigen Schlüsse ziehen“, sagte Joachim Löw nach der 0:6-Klatsche im November gegen Spanien. Die Worte des Bundestrainers bewirkten wenig bis nichts. Die Hebel klemmen noch immer. Und die schmerzliche Niederlage gegen Nordmazedonien zeigte schonungslos, dass Löw versagt hat: Die richtigen Schlüsse hat er nicht ziehen können. Wenn selbst der 65. der Welt eine Nummer zu groß ist - wenn die hochgelobte DFB-Offensive gegen die Defensive der Mazedonier so gar kein Mittel findet und die Abwehr bei Kontern wieder wackelt wie im Vorjahr –, dann scheint die Aufarbeitung in den vergangenen gut vier Monaten gründlich schiefgelaufen zu sein. Und in dieser Form würde schon die EM-Vorrunde gegen Frankreich und Portugal in einem Desaster enden.

Der Bundestrainer hat selbst erkannt, dass er nicht mehr der Richtige ist für diese junge Nationalmannschaft. Dass er sie nicht mehr mitreißen kann, sie nicht mehr wirklich erreicht. Deshalb macht er Platz für einen Neuen, der wieder frische Ideen ins Team bringen soll für die EM 2024 im eigenen Land. Aber sein halbgarer Rücktritt nach der Europameisterschaft in diesem Sommer kommt zu spät. Denn als er nach dem Spanien-Debakel "alles hinterfragen" wollte, hätte er etwas ehrlicher zu sich selbst und bezüglich seiner Fähigkeit, die Mannschaft noch zu erreichen, sein sollen.

Hätte Löw sein Amt zu einer Zeit geräumt, als noch mehr als ein halbes Jahr Vorbereitungszeit für die EM im Juni bereitstand, die talentierte Generation um Gündoğan, Goretzka, Kimmich und Co. hätte ein ernsthafter Titelkandidat werden können. Jetzt, da nur ein Trainingslager kurz vor dem Turnier bleibt, ergibt ein Rücktritt wohl noch weniger Sinn als ein Löw-Verbleib. Ex-Bundesligatrainer Felix Magath ist da allerdings anderer Meinung und plädierte für Löws "kurzfristigen" Abgang, also jetzt sofort. Wie dem auch sei, der Bundestrainer wird von nun an immer an dieser Blamage gemessen. Zieht er nicht mindestens ins EM-Halbfinale ein, bleibt sein Ruf beschädigt.

Timo Werner

Er wusste es selbst. Er wusste in dem Momant des Verstolperns, dass nun die Kritik von allen Seiten wieder auf ihn einprasseln würde. Timo Werner hat wegen fehlender Treffer kein leichtes Jahr beim FC Chelsea. Die Nationalmannschaft war da eigentlich so etwas wie eine Wohlfühl-Oase, in der er als ein Fixpunkt in der schnellen Angriffsreihe mit Leroy Sané und Serge Gnabry gesetzt war, sich wohlfühlte und regelmäßig ins Tor traf. Aber auf einmal verbannte Löw ihn auf die Bank - und schließlich vergab er gegen Nordmazedonien die "Jahrtausendchance" kurz vor Schluss. Und als wäre der Torjäger nicht schon gestraft genug, ernannte das Land in Südosteuropa ihn auch noch zum Ehrenbürger. Das Selbstvertrauen Werners, das mit am wichtigsten für Stürmer ist, ist dahin. Über die Monate des Formtiefs wurde es immer kleiner und dieser Fehlschuss gab ihm dem Rest. Ob sein Klubtrainer Thomas Tuchel oder Jogi Löw ihn bis zur EM wieder aufbauen können?

Die deutsche Defensive

Endlich hatte man mal wieder zweimal in Folge zu null gespielt (im ganzen Länderspieljahr gab es nur ein einziges Spiel ohne Gegentreffer), dann kamen diese spiel- und kampfstarken Nordmazedonier. Gegen Island und Rumänien kaum gefordert, wackelte die Defensive nun wieder, als wäre noch 2020: Bei beiden Gegentoren gegen Nordmazedonien gab es klare Abstimmungs- und Zuordnungsschwierigkeiten, Löws Umstellung auf die Dreierkette glückte nicht. Ähnlich wie im Vorjahr, als die Nationalelf etwa gegen Spanien von schnellen Gegenstößen überrannt wurde, lief die Mannschaft wieder in einige Konter und schaffte es im Sechszehnmeterraum nicht, eng am Gegner zu stehen. Am meisten überzeugte noch Antonio Rüdiger (vor allem mit traumhaften Diagonalbällen), allerdings scheint er mit der Rolle des Haupt-Chefs in der Abwehr (noch) zu überfordert. Ein lautstarker Kollege à la Mats Hummels an der Seite scheint notwendig.

Toni Kroos

Das Debakel gegen Nordmazedonien, bei dem kein DFB-Akteur überzeugte, mal hinten angestellt: Joshua Kimmich und İlkay Gündoğan, das sind die Passmaschinen im Spiel der Nationalmannschaft. Der eine lauter (Kimmich), der eine leiser (Gündoğan) dirigieren sie den Spielaufbau, bilden die Schaltzentrale. Das Herzstück der Elf, so könnte man die beiden ohne viele Widerworte nennen. Der eine etwas weiter hinten (Kimmich), der andere ein wenig offensiver (Gündoğan), verbinden sie die defensiven und offensiven Mannschaftsteile mit Ruhe, Weltklasse-Technik und ungeheurer Spielintelligenz.

Neben dem Doppel-Relais pflügt Leon Goretzka über den Platz. Als Aggressiv-Posten, der die körperliche Komponente ins Spiel bringt, mit der sowohl Kimmich als auch Gündoğan aufgrund ihrer Statur nur bedingt glänzen können. Während die drei Kicker in der WM-Quali wenigstens in zwei Spielen überzeugten, konnte Toni Kroos keine Argumente liefern. Er fehlte verletzt. Und für jeden Beobachter ist nicht erst seit der blamablen WM 2018 sichtbar geworden, dass der Mann von Real Madrid die Agilität und die Intensität von Gündoğan, Goretzka und Kimmich trotz seiner Ballsicherheit nicht mehr auf den Platz bringt. Kimmich ist ohnehin nicht wegzudenken, Chefchen Gündoğan wird immer mehr zum Chef und durfte die Nationalmannschaft gegen Nordmazedonien sogar als Kapitän aufs Feld führen. Was vor der WM 2018 nur wenige gedacht oder gar gesagt hätten, wird immer mehr Realität: Wenn die anderen Mittelfeld-Künstler fit sind, ist Toni Kroos verzichtbar. Das Spiel gegen Nordmazedonien herumgerissen hätte der eher ruhige Kroos wohl auch eher nicht.

Die Gewinner

Kai Havertz

Werners Degradierung hat auch mit dem Aufwind seines Teamkollegen zu tun: Kai Havertz spielte sich zuletzt wieder beim FC Chelsea mit guten Leistungen fest und nun auch im DFB-Team. Für die Offensive ist er mit seinen Qualitäten der Spielgestaltung, -lenkung und -intelligenz einfach wichtiger als jemand, der nur für das Toreschießen verantwortlich ist. Corona-Erkrankung, Verletzung, Formschwäche: Das erste Jahr bei den Blues lief für Havertz bisher mehr als daneben. Dann kam Thomas Tuchel. Der neue Trainer der Londoner gewährte dem 21-Jährigen seine von ihm geliebten Freiheiten und der Youngster blühte im Klub und in der Nationalelf wieder auf, anfangs zeigte er auch gegen Nordmazedonien gute Ansätze. An einem torgefährlichen Wunderkind mitsamt seiner Flexibilität und hochwertigen Technik dürfte Löw bei der EM nur schwer vorbeikommen. Havertz könnte bei dem Turnier im Sommer schon eine tragende Rolle spielen in der Nationalelf, wenn er seine Form halten und ausbauen kann.

Antonio Rüdiger

Auch bei den Gewinnern muss Abwehrkante Antonio Rüdiger erwähnt werden, der ebenfalls bei Chelsea spielt. Schon mehrmals in der Saison wollte und sollte der Nationalspieler London verlassen. Dann kam Tuchel. Rüdiger wurde bei den Blues ein Fixpunkt in einer extrem sicheren Defensive, seitdem verloren sie kein einziges Spiel. Sein Selbstbewusstsein und Können brachte der Abwehrspieler endlich auch mal (halbwegs) konstant für die DFB-Elf auf den Platz. Klug verlagerte er oft das Spiel, das 1:0 gegen Rumänien fiel nur wegen seines wunderschönen langen Balls auf Teamkollege Havertz. Und dass er äußerst kompromisslos in Zweikämpfe geht, wissen die Verteidiger Islands, Rumäniens und Nordmazedoniens nun allesamt. Ein Ticket für die EM hat er sich mit den Länderspielen erarbeitet. Erlaubt er sich keine Schwächephase, dürfte er auch einen Platz in der EM-Abwehr sicher haben.

Emre Can

Seine Vielseitigkeit ist Fluch und Segen: Einerseits wird Emre Can oft im DFB-Team hin- und hergeschoben und kommt selten bis nie auf seinen angestammten Positionen im defensiven Mittelfeld oder in der Innenverteidigung zum Einsatz; andererseits weiß Jogi Löw, dass er den Dortmunder fast überall bringen kann und Leistung, Kampfgeist, lautstarke Kommunikation (fehlt in der DFB-Elf oft genug) geliefert bekommt. So spielte Can nun den linken Verteidiger, selbst als Robin Gosens wieder fit war. Und dies zumindest gegen Island und Rumänien so überzeugend und auch nach vorne stark, dass der Bundestrainer ihn wohl ohne Zweifel mit zur EM nehmen wird und möglicherweise mit einem Stammplatz belohnt.

Boateng, Hummels, Müller

Löw sollte so langsam gemerkt haben, dass seiner Mannschaft irgendetwas fehlt. Nennen wir es: lautstarkes Vorangehen in Krisenzeiten. Ein kantiger Anführer (neben dem eher schmächtigen Joshua Kimmich) mit Erfahrung. Nun ist Thomas Müller nicht gerade ein Körper-Koloss, aber der Bayer ist mit seinen unüberhörbaren Befehlen auf dem Platz genau die Art von Kantigkeit, die die DFB-Elf braucht. Hinzu kommen natürlich seine riesigen offensiven Qualitäten. Eine Abwehr mit Jérôme Boateng und Mats Hummels ist zwar nicht mehr die schnellste, aber mit ihrer Erfahrung, ihrem Stellungsspiel und ihren Befehlen können die Rio-Weltmeister vieles wettmachen. So auseinanderfallen wie beim 0:6 gegen Spanien würde diese Abwehrreihe definitiv nicht. Und so dürfen nach der Mazedonien-Blamage die drei aussortierten Weltmeister getrost wieder an eine EM-Teilnahme glauben.

Quelle: ntv.de

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