Fußball

Halbfinal-Trauma des FC Bayern Müller wird zum tragischen Helden

Das Halbfinal-Rückspiel zwischen FC Bayern und Atlético Madrid ist ein irres Fußballspiel. Zum traurigen Hauptdarsteller beim dramatischen Münchner Champions-League-K.o. wird Thomas Müller. Ausgerechnet.

Thomas Müller hatte es auf dem Fuß. Jener Thomas Müller, den Bayern-Trainer Josep Guardiola vergangene Woche noch im Hinspiel der Champions League bei Atlético Madrid als durchaus verzichtbar eingestuft hatte. Dessen nicht Startelf-Berücksichtigung im Estadio Vicente Calderon zu einer Angelegenheit nationalen Ausmaßes geworden war. Ausgerechnet, und selten war diese abgedroschene Formulierung angebrachter als in diesem Moment, dieser Spieler schnappte sich in der 34. Minute des Rückspiels zwischen dem FC Bayern und dem Tabellenzweiten der spanischen Primera Division den Ball. Er legte ihn sich auf dem Elfmeterpunkt zurecht, lief an, schoss und riss die Hände zum Kopf - nicht vor Freude, vor Entsetzen. Denn der Ball, der dem Spiel eine ganz andere Richtung hätte geben können, landete nicht im Tor, so wie sich das ganz viele in der mit 70.000 Zuschauern ausverkauften Münchner Arena zuvor ausgemalt hatten.

FC Bayern - Atletico Madrid 2:1 (1:0)

Tore: 1:0 Alonso (31.), 1:1 Griezmann (54.), 2:1 Lewandowski (74.)

Bes. Vork.: Müller verschießt FE (34.) / Torres verschießt FE (84.)

München: Neuer - Lahm, Jerome Boateng, Martinez, Alaba - Alonso - Thomas Müller, Vidal - Costa (73. Coman), Ribery - Lewandowski
Madrid: Oblak - Juanfran, Godin, Gimenez, Filipe Luis - Gabi, Fernandez (46. Carrasco) - Saul, Koke (90.+3 Savic) - Torres, Griezmann (82. Thomas)
Referee: Cakir (Türkei) Zus: 70.000 (av)
Beste Spieler: Lahm, Alonso - Oblak, Gabi Gelbe Karten: Martinez (2) - Gimenez

Schüsse: 34:7 Ecken: 12:2 Ballb: 66:34%

Der Ball landete vor den Fäusten von Madrids-Keeper Jan Oblak und von da aus irgendwo neben dem Kasten. Es wäre das zweite Tor für die Bayern an diesem Abend gewesen, der verdiente Lohn für die Münchner Dominanz. Weil der Konjunktiv im Fußball genauso wenig zu suchen hat, wie ein 60er im Bayern-Block, blieb es beim 1:0. Es war die dramatischste von gleichen mehreren wilden Wendungen in einem irre guten Fußball-Spiel, das die Bayern zwar bestimmten, auch mit 2:1 (1:0) gewannen - das aber trotzdem den dritten Halbfinal-Knockout in Serie nach 2014 und 2015 bedeutete.

"Tut weh"

"Der Fußball ist manchmal extrem gemein. Es war irgendwie nicht genug", bilanzierte Müller den Triple-K.o. im Halbfinale: "Wir haben Madrid 90 Minuten klar beherrscht - dass man da ausscheidet, tut weh. Beim Gegentor haben wir sicherlich ein bisschen mitgeholfen. Der Stachel sitzt schon sehr tief. Natürlich bin ich auch enttäuscht, dass ich den Elfmeter nicht verwandelt habe." Er wusste: Der vergebene Strafstoß war die Szene, die die entscheidende Wende einläutete. Auf ganz, ganz bittere Weise - aus Sicht der Bayern. Denn die bis dato bis zum Maximum aufgedreht spielende Elf von Josep Guardiola verlor nach dem vergebenen Strafstoß zusehends ihre Power - und am Ende auch das 180-minütige Kräftemessen mit ihrem spanischen Kontrahenten.

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Raus mit Applaus. Trösten wird das beim FC Bayern kaum einen.

(Foto: imago/DeFodi)

Zwar blieben die Gastgeber durch die Tore von Xabi Alonso (31.) und Robert Lewandowski (74.) sowie Antoine Griezmann (53.) auch im zwölften Königsklassen-Heimspiel in Serie unbesiegt. Aber der zwölfte Sieg reichte eben nicht zum Weiterkommen, weil das Hinspiel vergangene Woche nach einer mauen Bayern-Leistung eben 1:0 für die anderen, für die "Rojiblancos" geendet hatte. Und entsprechend der Europapokal-Arithmetik erreicht beim einem Remis in der Gesamtrechnung aus beiden Spielen eben die Mannschaft die nächste Runde, die auswärts mehr Tore erzielt hat - also die Spanier.

Attacke mit der ganzen Mannschaft

Die maue Leistung aus Madrid unbedingt vergessen machen, das war die Münchner Maßgabe für das Rückspiel gewesen. "Wir werden sie mit der ganzen Mannschaft attackieren", hatte Guardiola versprochen. Und bei diesem Vorhaben wollte er sich offenbar ganz auf die Wettkampfhärte seiner Routiniers verlassen. Auf den Aufstellungs-Shitstorm nach Madrid hatte der Katalane ganz devot reagiert und die noch vor einer Woche auf die Bank verbannten Thomas Müller und Franck Ribéry zurück in die Startformation rotiert. Da stand auch Jerome Boateng, nach gerade einmal 68 Comeback-Minuten am vergangenen Samstag gegen Borussia Mönchengladbach. Alle drei Personalentscheidungen bescherten dem FC Bayern ein dringend notwendiges Maß an Stabilität, Leidenschaft und lange vermisster Leichtfüßigkeit.

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Nicht nur Müller - auch Fernando Torres scheiterte vom Punkt.

(Foto: AP)

Und es knallte direkt richtig in der Münchner Arena. Atléticos Angreifer Fernando Torres bekam die Schlacht, die er den Bayern versprochen hatte. Die Münchner spielten so brillant und stark auf wie 2016 nur gegen Juventus Turin. Das Spiel kannte nur einen Rhythmus, der ging so: Ballbesitz Madrid, Ballverlust Madrid, Torchance Bayern. Doch die kaum mitzuzählende Anzahl an Chancen wurde wahlweise verstolpert, rechtzeitig abgegrätscht, einfach vergeben oder von Keeper Oblak entschärft. Um nur die Allerbesten aufzuzählen: Lewandowski (14.) daneben, Vidal (15.) drüber und pariert (17.).

Die hochverdiente Belohnung für das exzellente Offensivspektakel gab es schließlich in der 31. Minute, als Xabi Alonso einen abgefälschten Freistoß im Tor unterbrachte. Er tunnelte Atléticos Gimenez, von dessen Knie wurde der Ball unhaltbar abgelenkt. Die Bayern, sie überrannten die total überfordert wirkenden Gäste wie einst Asterix und Obelix die Römer - und brauchten trotzdem Glück, um zu treffen. Und hätte Thomas Müller nur drei Minuten später das 2:0 nachgelegt - das Ding hier wäre durchgewesen, ohne Zweifel.

Mucksmäuschenstill

Dann aber kam die zweite Halbzeit - und mit ihr eine Mannschaft aus Madrid, die fest gewillt war, den vergebenen Strafstoß als Momentum für sich zu nutzen. Das gelang schnell. Acht Minuten waren gespielt, als Abwehrchef Diego Godin einen langen Ball von Jerome Boateng abfing, Torres ihn aufnahm und brillant getimt auf Griezmann weiterspielte - 1:1. Die Arena still. Mucksmäuschenstill. Der Glaube ans Finale, auf den Tribünen, auf dem Rasen, er war verpufft.

Bis die nächste dieser irren Wendungen kam und Lewandowski die nach dem Ausgleich schockstarren Bayern wieder völlig überraschend in Führung brachte. 2:1, Glaube, Hoffnung, Wille, alles wieder da. Die Schlussphase, ein Showdown, eine Nervenschlacht, auch für den ansonsten guten Schiedsrichter Cüneyt Cakir: Elfmeter für Madrid - unberechtigt, weil das Foul außerhalb des Strafraums geschah, was Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge gar von "Betrug" motzen ließ. Elfmeterfehlschuss vom gefoulten Torres, der Müller kopierte. Anrennen der Bayern, die wollten und kämpften, angetrieben von der plötzlich wieder bebenden Arena. Halbchancen, Hoffen, Bangen, und nach fünf Minuten Nachspielzeit der Schlusspfiff, der trotz einer großen Bayern-Leistung alle Titelträume platzen ließ. Dramatischer kann ein Halbfinal-Knockout nicht sein - für den Klub und den Spieler Thomas Müller.

Quelle: ntv.de