Fußball

Wer mitfährt zur WM Neuer als Boss, Gündoğan von der Rolle

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Frustration nach dem Gegentor bei Özil, Petersen, Gündogan und Sané.

(Foto: imago/MIS)

Aufgedrängt hat sich keiner, so lautet das vernichtende Urteil von Joachim Löw über die Pleite gegen Österreich. Immerhin zeichnet sich ab, wer in den Sommerurlaub fahren muss. Die DFB-Kicker in der Einzelkritik.

Es war nicht alles schlecht bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei dieser 1:2 (0:1)-Niederlage gegen Österreich in Klagenfurt - aber fast alles. Natürlich kann man im schmucken Wörthersee-Stadion verlieren, auch als amtierender Weltmeister. Aber so? Ohne Esprit, ohne Ordnung, ohne Chancen? Dabei sind es nur noch 11 Tage, bis am 14. Juni die Weltmeisterschaft in Russland beginnt. Und bis Montag, Punkt 12 Uhr, muss Bundestrainer Joachim Löw dem Weltverband Fifa melden, welche drei Torhüter und 20 Feldspieler er mitnimmt. Oder andersherum: welche vier Akteure zu Hause bleiben müssen. Aufgedrängt hat sich keiner, urteilte Löw maliziös in der Pressekonferenz. Dann wollen wir mal schauen - die DFB-Elf in der Einzelkritik:

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Neuer tat, was er tun musste - und noch etwas mehr.

(Foto: imago/ActionPictures)

Manuel Neuer: Bei seinem Comeback war der 32 Jahre Torhüter des FC Bayern sofort wieder ein Boss am Wörthersee. Erst bot er titanenhaft dem Hagel die Stirn, dann zeigte er zwei Glanzparaden und chippte nebenbei ganz lässig Pässe über 20 Meter in die Füße der Kollegen. Waren ja auch nur 259 Tage Pause seit dem letzten Pflichtspiel, was soll schon sein? Allerdings ließ sich auch der Kapitän in seinem 75. Länderspiel von der allgemeinen Schludrigkeit in der Defensive anstecken und fabrizierte in Minute 14 einen gefährlichen Fehlpass. Bei den Gegentoren traf ihn keine Mitschuld, selbst wenn man sich wundert, warum er nicht eine völlig wahnsinnige Parade ausgepackt hat. Kann ja noch kommen. Bleiben noch zwei Fragen: Gibt es einen guten Grund, warum alle Beteiligten zu seiner WM-Nominierung schweigen? Und warum um alles in der Welt heilt ein Mittelfußbruch bei Neuer so langsam wie bei einem Normalsterblichen, und nicht so schnell wie bei einem Terminator 1000? WM-Chance? Begeben wir uns in die Feinheiten der Aussagenlogik. "Manuel sollte gegen Österreich spielen", hat Torwarttrainer Andreas Köpke gesagt. Diese notwendige Bedingung hat Neuer erfüllt. Ob es auch eine hinreichende Bedingung war, wissen wir wahrscheinlich erst Montag. Aber alles andere als eine WM-Nominierung wäre nach diesem Auftritt völlig unlogisch.

Joshua Kimmich: Ein Leistungsträger will Kimmich bei der WM sein - dann hoffentlich über 90 Minuten. In seinem 28. Länderspiel folgten auf brillante Zweikämpfe absurde Querpässe im eigenen Strafraum. In der Druckphase der Österreicher in Halbzeit zwei wirkte der 23 Jahre alte Rechtsverteidiger mit den hohen Ansprüchen so überfordert wie der Rest der Mannschaft. Seine interessanten Ausflüge als Freigeist im Mittelfeld könnten Löws Team bei der WM entweder zu ganz neuen Möglichkeiten oder in die Katastrophe führen. WM-Chance? Als einer der Lieblingsschüler Löws hat Kimmich das Ticket nach Russland und auch seinen Stammplatz sicher. Zum absoluten Leistungsträger fehlt ihm noch die Konstanz eines Philipp Lahms.

Antonio Rüdiger: Für Ilkay Gündogan und Sami Khedira war der 25 Jahre alte Innenverteidiger vom FC Chelsea in seinem 24. Länderspiel immer als eine Art Sicherheitsnetz anspielbar, defensiv machte er seine Sache zumindest in Halbzeit eins sehr gut - er hatte allerdings Pech, dass Nebenmann Jonas Hector einen gebrauchten Tag erwischte. Die Fehler des Kölners musste Rüdiger auch schon mal auf Kosten eines Freistoßes ausbügeln, was Joachim Löw bekanntermaßen sehr ungern sieht. In Halbzeit zwei ließ sich Rüdiger vom allgemeinen Leistungsabfall anstecken, auch wenn er bei den Gegentoren nicht unangenehm auffiel. WM-Chance? Rüdiger spielte von Anfang an, Jonathan Tah und Matthias Ginter blieben 90 Minuten draußen. Damit ist alles gesagt.

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Süle konnte Arnautovic zumindest in der ersten Halbzeit entschärfen.

(Foto: imago/Revierfoto)

Niklas Süle: Angeblich ist der 22 Jahre alte Innenverteidiger des FC Bayern der schlechteste Verlierer in den teaminternen Mario-Kart-Duellen. Lange tat er sehr viel dafür, dass die Mannschaft in Klagenfurt nicht als Verlierer vom Platz geht. In der ersten Halbzeit vor allem in den rassigen Duellen mit dem giftigen Marko Arnautovic tadellos. Derart beflügelt, packte er in seinem zehnten Länderspiel sogar ungeahnte Talente aus – in Minute vierzig kombinierte er sich sehenswert bis zum Strafraum durch. Wie alle Spieler außer Neuer nicht über die vollen 90 Minuten auf dem gewohnten Level, wackelte der Turm in der Schlacht in der zweiten Hälfte bedenklich. Sein verlorener Zweikampf leitete das 1:2 durch Schöpf ein. WM-Chance? Mit einem erfahrenen Mann an seiner Seite und einem besseren Team auf dem Platz kann Süle auch die gefährlichsten Stürmer kaltstellen. Als Backup für das Duo Hummels/Boateng unverzichtbar, als Alternative immer einsetzbar.

Jonas Hector: Was für ein gebrauchter Abend für den 28 Jahre alten Kölner Linksverteidiger. In den ersten 45 Minuten als verkappter Flügelstürmer oft auf einer Linie mit Nils Petersen und Leroy Sané unterwegs, aber selten auf der Höhe. Im Vorwärtsgang verlor der designierte Zweitligaspieler viel zu viele Bälle, in der Defensive blieb er zu passiv. Ein ums andere Mal ließ er die Österreicher flanken, bei beiden Gegentoren seinem Gegenspieler viel zu viel Platz. WM-Chance? "Der Alternativlose" nannte ihn die Deutsche Welle vor einigen Wochen. Wenn Hector so spielt wie in Klagenfurt, ist das gar keine gute Nachricht für Joachim Löw. Er wird ihn trotzdem mitnehmen, weil er weiß, dass der Kölner mehr kann, als er gegen Österreich gezeigt hat.

Sami Khedira: Hat sich in den vergangenen Wochen als der Spieler hervorgetan, der am offensivsten über seine WM-Chancen sprach. Der 31 Jahre alte Mittelfeldspieler von Juventus Turin ist sich absolut sicher, dass er in Russland dabei ist - fest gebucht an der Seite von Toni Kroos auf der Doppelsechs. Das klang bisweilen ein wenig vollmundig, ist aber evidenzbasiert. Zwar bot er in seinem 74. Länderspiel eine Leistung, die eher in der Kategorie solide anzusiedeln ist. Mit ihm blieb allerdings auch die defensive Ordnung zur Halbzeit in der Kabine. Sebastian Rudy vermochte sie in seinen 45 Minuten nicht herzustellen. Der 28-Jährige vom FC Bayern kommt zwar nun auf 25 Länderspiele, muss sich aber große Sorgen machen, dass Löw ihn wie vor der EM 2016 dann doch nicht mitnimmt. WM-Chance? Khedira ist dabei, kein Thema. Es wäre keine Überraschung, stünde er am 17. Juni beim ersten WM-Spiel gegen Mexiko in der Startelf - neben Kroos, der just mit Real Madrid die Champions League gewonnen hat und erst am Samstag im Trainingslager aufschlug. Und Rudy? Muss hoffen, dass Löw den Knick im Spiel nicht an ihm festmacht.

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Das Publikum machte es Gündoğan nicht leicht, ins Spiel zu kommen.

(Foto: imago/Hartenfelser)

Ilkay Gündoğan: Der 27 Jahre alte Mittelfeldspieler von Manchester City ist und bleibt ein Rätsel im Nationalteam. Zum 16. Mal durfte er in seinem 25. Länderspiel von Beginn an ran, zum achten Mal wurde er ausgewechselt - völlig zurecht. Der Edeltechniker konnte Toni Kroos nicht ansatzweise ersetzen, er setzte einfachste Pässe ins Aus und kam überhaupt nicht in die Zweikämpfe. Vielleicht belastet ihn noch immer die Erdoğan-Affäre, er und Mesut Özil wurden fast das gesamte Spiel über ausgepfiffen. Nach 56 Minuten erlöste der Bundestrainer Gündoğan und brachte den 23 Jahre alten Noch-Schalker und Bald-Bayern Leon Goretzka, der so zu seinem 15. Länderspiel kam, nicht aber zu nennenswerten Aktionen. WM-Chance? Gündoğan ist sicher dabei. Nur wird es langsam Zeit, dass er auch in der Nationalelf zeigt, dass er durchaus in der Lage ist, eine Mannschaft besser zu machen. In Manchester wissen sie das. Und Goretzka? Das wird knapp.

Julian Brandt: Vor der EM 2016 galt er als Wackelkandidat - und flog aus dem vorläufigen Kader. Und auch nun gilt der 22 Jahre alte Flügelspieler von Bayer 04 Leverkusen als Wackelkandidat. Weil Thomas Müller sich ausruhen durfte, fand Brandt sich in der Startelf wieder - auf der Position im rechten Mittelfeld. Verpasste es in seinem 15. Länderspiel nach 20 Minuten und einer selbstlosen Vorlage des Kollegen Nils Petersen, auf 2:0 zu erhöhen, der österreichische Torwart Jörg Siebenhandl wehrte prima zur Ecke ab. Sechs Minuten vor der Pause vergab er seine zweite Chance, Aleksandar Dragovic blockte seinen Schuss ab. Das war alles insgesamt nicht schlecht, aber auch nicht so, als riefen jetzt alle im Chor: Brandt muss mit zur WM! Nach 67 Minuten wechselte Löw ihn aus, es kam der 22 Jahre alte Timo Werner von RB Leipzig. Viel reißen konnte er in seinem 13. Länderspiel nicht. WM-Chance? Hm, die einen sagen so, die anderen so. Brandt ist jung, schnell und dribbelstark. Aber ob das reicht? Irgendjemanden muss der Bundestrainer ja nach Hause schicken. Und die Konkurrenz auf den Außenbahnen ist groß. Werner ist als Angreifer gesetzt.

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Lässig mit Links zum 1:0: Özil.

(Foto: imago/MIS)

Mesut Özil: Co-Trainer Thomas Scheider hatte unter der Woche angemerkt, der Özil solle sich im Training mal ein bisschen reinhängen und Substanz aufbauen. Klang nach einem Warnschuss für den 29 Jahre alten Platzhirsch im zentralen, offensiven Mittelfeld. So sei das nun auch wieder nicht gemeint gewesen, relativierte der Bundestrainer später. Sein Liebling vom FC Arsenal sei über jeden Zweifel erhaben. "Die Arbeit hat Mesut aggressiv, intensiv und zuverlässig erledigt." Schließlich ist Özil, seit Löw 2006 den Job übernahm, mit 42 Assists sein bester Vorbereiter. Was für ein feines Füßchen er hat, zeigte er in seinem 90. Länderspiel nach zehn Minuten, als er nach einem Fehlpass Siebenhandls den Ball lässig mit links zum 0:1 ins Tor schlenzte. Es war sein 23. Treffer für die DFB-Elf. Danach war es so, wie es bisweilen bei ihm ist, vor allem, wenn die gesamte Mannschaft nicht überzeugt: Er tauchte ab. Eine Viertelstunde vor dem Ende der Partie hatte er genug gepasst, der 24 Jahre alte Julian Draxler von Paris Saint-Germain kam rein und zu seinem 43. Länderspiel. WM-Chance? Sicher dabei, kein Thema. Beide.

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Die Rakete Reus zündete in Klagenfurt nicht.

(Foto: imago/MIS)

Leroy Sané: Wie die Kollegen berichteten, ist im Trainingslager bisher nicht allzu viel Aufregendes passiert. Da trifft es sich doch gut, dass der 22 Jahre alte Flügelflitzer von Manchester City mit neuer Frisur nach Eppan gereist ist. Afrolook war gestern, nun hat er sich die Haare zu Cornrows flechten lassen. Wer nicht weiß, was das ist, kann sich ein Foto heraussuchen - oder bei Wikipedia nachschauen. In seinem zwölften Länderspiel agierte Sané auf der rechten Seite, also auf der Position, auf der viele in diesem Test den Dortmunder Marco Reus erwartet hätten; und auf der Position, die Julian Draxler für die seine hält. Sagen wir es so: Einen bleibenden Eindruck, zumindest einen positiven, hat er wieder nicht hinterlassen. Erzielte nach 56 Minuten ein klares Abseitstor, war ansonsten zu ungestüm, um nicht zu sagen: eigensinnig. Nach 67 Minuten kam für Sané der Mann, den viele in der Startelf erwartet hatten. Sein allererstes Länderspiel absolvierte Marco Reus im Oktober 2011, seit knapp sieben Jahren also zählt er zum Kreis der Besten. Dass er nun, seit Donnerstag 29 Jahre alt, im Wörthersee-Stadion sein erst 30. Länderspiel absolvierte, liegt daran, dass der Dortmunder allzu oft Pech hatte. Vor der WM 2014 in Brasilien verletzte er sich im letzten Testspiel, vor der EM 2016 in Frankreich strich Löw ihn aus dem Kader, weil er nicht fit war. Nun aber soll die WM in Russland nach der EM 2012 in Polen und der Ukraine sein zweites großes Turnier werden. Und der Bundestrainer scheint in Reus einen zu sehen, der den Unterschied ausmachen kann. Schon vor dem Test in Klagenfurt konstatierte er: "Reus ist eine Rakete." In Klagenfurt allerdings zündete sie nicht. WM-Chance? Beide, also Sané und Reus, dürfen sich auf einen Sommer in Russland freuen.

Nils Petersen: Er war der Debütant dieses Abends, der Freiburger Angreifer absolvierte mit 29 Jahren sein erstes Länderspiel. Ein Träumchen, wie er vor der Partie der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erzählte. Er wollte unbedingt, "einmal für Deutschland auflaufen. Egal wie alt man ist. Dann ist man doch wie ein Kind, das das dann einfach haben will". Jetzt hat er es. Viel mehr aber auch nicht. In der ersten Halbzeit war er kaum zu sehen, gut, außer bei einer Vorlage auf Brandt in der 20. Minute. Aber als Kandidat für die WM hat er sich nicht aufgedrängt, weil er auch nach der Pause unauffällig blieb und kein einziges Mal den Ball auf des Gegners Tor schoss. Der 32 Jahre alte Stuttgarter Mario Gomez durfte in der letzten Viertelstunde sein Glück versuchen und kann behaupten, eine Schusschance gehabt und nun 74 Länderspiele absolviert zu haben. WM-Chance? Wagen wir mal eine klare Prognose: Petersen ist raus, Gomez dabei.

Und sonst? Innenverteidiger Jérôme Boateng vom FC Bayern ist im Aufbautraining, sein Vereins- und Abwehrkollege Mats Hummels und Offensivspieler Thomas Müller durften pausieren, dito Champions-League-Sieger Toni Kroos von Real Madrid. Alle vier Weltmeister gehören zu den Unantastbaren in der DFB-Elf und werden bei der WM das Gerüst bilden. Da es keinen ersichtlichen Grund gibt, Neuer nicht mitzunehmen, muss ein Torhüter zu Hause bleiben. Wir tippen auf Kevin Trapp von Paris Saint-Germain; Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona wird die Nummer zwei sein, Bernd Leno von Bayer 04 Leverkusen begleitet ihn. In Klagenfurt ebenfalls nicht eingesetzt wurden die Innenverteidiger Matthias Ginter von Borussia Mönchengladbach und der Leverkusener Jonathan Tah sowie der Berliner Linksverteidiger Marvin Plattenhardt. Prognose: Nur Ginter darf sich auf einen Sommer in Russland freuen.

Quelle: ntv.de