Fußball

Chancentod, Knipser und Motzki Neuer rettet Löws verhinderte Vollstrecker

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Weltklasse: Manuel Neuer.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Es ist keine Gala, aber die deutschen Fußballer qualifizieren sich gegen Georgien für die EM. Alles prima? Der Bundestrainer ist sich da nicht sicher, Mats Hummels motzt schon auf dem Rasen - und einer erwischt einen gebrauchten Abend.

Bundestrainer Joachim Löw redete hinterher nicht lange drum herum. Nein, so habe er sich das nicht vorgestellt. "Wir erkennen alle, dass da noch was zu tun ist." Was war passiert? Erst einmal hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft die Teilnahmeberechtigung für die Europameisterschaft erworben, die im kommenden Jahr in Frankreich stattfindet. Sie tat das am Sonntagabend vor 43.630 Zuschauern ausverkauften Leipziger Zentralstadion mit einem 2:1 (0:0) gegen Georgien. Thomas Müller nach 50 Minuten und Max Kruse (79.) schossen die Tore. So weit, so o. k. - geht die DFB-Elf doch letztlich als Gruppensieger durch diese Qualifikation.

Tore: 1:0 Müller (50./FE), 1:1 Kankawa (53.), 2:1 Kruse (79.)

Deutschland: Neuer - Ginter, Boateng, Hummels, Hector - Gündogan, Kroos - Müller, Özil, Reus (90. Bellarabi) - Schürrle (76. Kruse)

Georgien: Rewischwili - Kwerkwelia, Amisulaschwili, Kaschia - Lobjanidse, Nawalowsky - Kankawa, Kwekweskiri (76. Chisanischwili) - Kasaischwili (90. Kobachidse), Okriaschwili - Gelaschwili (46. Watsadse)

Referee: Kralovec (Tschechien) Zus.: 43.630 (av)

Also eigentlich alles prima - wäre da nicht das gewesen, was seit vergangenem Donnerstag als Dublin-Syndrom die deutsche Elf begleitet, also seit der Pleite gegen die Iren. Die deutschen Spieler kreieren, und das machen sie durchaus gut, so viele Chancen, dass normalerweise ein veritabler Kantersieg daraus entspringen müsste. Allein: Sie nutzen sie nicht, oder, wie nun gegen Georgien, nur äußerst sparsam. Das hatte auch der Bundestrainer gesehen, nahm seine Spieler aber in Schutz: "Die haben schon Vollstreckerqualitäten - normalerweise." Wir sind gespannt. Bis es so weit ist, dass sie das auch wieder zeigen, erst einmal die deutschen Spieler in der Einzelkritik:

Manuel Neuer: Der 29 Jahre alte Aushilfskapitän vom FC Bayern durfte sich in seinem 62. Länderspiel das Geschehen zunächst von exponierter Position aus anschauen und sich fragen, wer seinen Kollegen verboten hatte, den Ball ins Tor zu schießen - bis zur 27. Minute. Da tauchte, nachdem Mats Hummels einen Zweikampf gegen Valeri Kazaishvili verloren hatte, so mir nichts, dir nichts Tornike Okriashvili vor seinem Tor auf und trat auch noch kräftig gegen den Ball. Neuer aber parierte, sodass alle wieder "Weltklasse!" riefen. Wir sagen: Hat er gut gemacht. Fast noch besser reagierte er nach einer Stunde, als wieder jener Okriashvili aus kurzer Distanz frei zum Schuss kam. Beim Gegentor hatte er, und das steht an dieser Stelle fast immer, partout keine Chance. Kurzum: Neuer zeigt auch gerne gegen den 110. der Weltrangliste, was er kann. Er ist die Nummer eins, eine Torwartdiskussion gibt es in diesem Land nicht. Und wenn, dann geht es allein darum, wer mit, also hinter Neuer im Sommer kommenden Jahres zur EM nach Frankreich fährt. Bilanz in der EM-Qualifikation: Absolvierte neun der zehn Spiele, nur beim 7:0 in Faro gegen Gibraltar durfte - quasi als Abschiedsgeschenk - der Dortmunder Roman Weidenfeller ran.

Matthias Ginter: Weil er beim BVB zuletzt als rechter Außenverteidiger reüssierte, probierte der Bundestrainer den 21 Jahre alten Dortmunder nun gleich auch in den Partien in Irland und gegen Georgien in dieser Funktion aus - so schnell geht das in diesem Land auf einer Position, die nach dem Abschied Philipp Lahms nach der WM im goldenen Sommer 2014 als vakant gilt. Zuvor hatte es Löw in dieser Qualifikation mit Antonio Rüdiger, vormals VfB Stuttgart, nun beim AS Rom, Shkodran Mustafi von FC Valencia, dem Hoffenheimer Sebastian Rudy und Emre Can vom FC Liverpool versucht. Nun also Ginter. Der startete mit viel Begeisterung in sein siebtes Länderspiel, verrichtete seinen Job in der Defensive solide, hatte aber kaum nennenswerte Szenen. Forderte gelegentlich den Ball, machte aber selten etwas Kreatives aus seiner Forderung - und ist nun einmal kein Flankengott, obwohl das im Verein zuletzt einige Male sehr gut geklappt hat. Die Diskussion um die Problemposition der deutschen Mannschaft hat er in Leipzig jedenfalls nicht zu seinen Gunsten beendet. Bilanz in der EM-Qualifikation: Viermal dabei, davon dreimal in der Startelf.

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Jérôme Boateng bestreitet eines seiner schwächeren Länderspiele.

(Foto: dpa)

Jérôme Boateng: Der 27 Jahre Innenverteidiger vom FC Bayern ist derjenige, der nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft am meisten an Format gewonnen hat. Das zeigte er auch in seinem 56. Länderspiel, gewann gefühlt all seine Zweikämpfe, auch wenn er gegen die wuseligen Georgier nicht immer ganz so souverän aussah wie sonst. Die wenigen kritischen Momente aber überstand er gut. Ansonsten: Ein paar Bälle mit neuen Höhenrekorden, aber meist: Nix gescheit's! Oder zumindest nicht viel. Ließ sich nach der Pause ein wenig von seinen Kollegen mitreißen, was aber nichts Gutes bedeutete: Selbst er agierte ein wenig hektisch. Bilanz in der EM-Qualifikation: Stand in allen 10 Partien von Anfang an auf dem Platz - und das über jeweils 90 Minuten. Rekord! Sein Vereinskollege Thomas Müller nannte ihn jüngst gar den Kaiser und attestierte ihm die Souveränität eines Franz Beckenbauer.

Mats Hummels: Bildet mit dem Kollegen Boateng das Innerverteidigerduo Kaiser&Motzki, in Anspielung darauf, dass er neuerdings sowohl in der Nationalmannschaft als auch beim BVB oft und gerne die Kollegen und bisweilen auch sich selbst kritisiert. Gerne auch, wie in Leipzig, lautstark während des Spiels. Empfiehlt sich stetig für ein Kolumnenformat mit dem Titel "Mats motzt" bei RTL2. Falls es mit der Fernsehkarriere aber nichts wird, sind er und Boateng schon jetzt für die EM gesetzt. Beide standen meist 40 Meter als letzte Absicherung vor dem eigenen Tor, viel zu tun gab's in der Defensive ja nicht. Nur vor dem Gegentor verlor der 26 Jahre alte Hummels, der sich in seinem 43. Länderspiel erst von Kazaishvili austanzen ließ, die Übersicht und verlor auch noch den Ball. Kommt vor, er wird schon wissen, dass er das besser kann. Konstatierte: "Am Ende ist es einfach wichtig, dass wir uns qualifiziert haben. Es waren klar ein paar wacklige Spiele dabei, auch heute haben wir es unnötig spannend gemacht. Das Spiel hätte früh entschieden sein können, doch das einzig relevante ist, dass wir in Frankreich dabei sind und dann auf unserem Topniveau agieren." Bilanz in der EM-Qualifikation: Sieben Einsätze, stets in der Startelf.

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Jonas Hector (hier gegen Waleri Kasaischwili) zeigt Schwächen im Spiel nach vorne.

(Foto: dpa)

Jonas Hector: Seine blödeste Szene hatte der 25 Jahre alte Kölner, als er in seinem 9. Länderspiel nach 54 Minuten und einer Ecke der Gäste aus Georgien den Ball mit dem Hinterkopf so abwehrte, dass er zu Kankava flog - der ihn aus 20 Metern direktemang ins Tor der DFB-Elf schoss. Anderseits: In dieser Szene fiel er wenigstens mal auf. Ansonsten machte er als linker Verteidiger, ähnlich wie Ginter am anderen Ende der Viererabwehrkette, seine Sache in der Defensive durchaus solide. Mehr aber auch nicht, vor allem nicht im Spiel nach vorne. Und damit geht auch die Diskussion weiter, wie der Bundestrainer die Sache mit den beiden Stellen als Außendienstmitarbeiter bis zur EM lösen will. Am besten wäre, er klonte Philipp Lahm und überredete beide zu einem Rücktritt vom Rücktritt. Bilanz in der EM-Qualifikation: Sieben Einsätze, fünfmal von Beginn an.

Ilkay Gündogan: Der 24 Jahre alte Mittelfeldspieler der Dortmunder Borussia war in seinem 15. Länderspiel als eine Hälfte der Doppelsechs mit der Aufgabe betraut, im Spielaufbau für den Ball einen Weg durch die rote georgische Wand zu finden. Hatte in der ersten Halbzeit gleich zweimal die Idee, Marco Reus freizuspielen. Die Ausführung war prima, die Idee allerdings nicht. Denn Reus fand wenig Gefallen daran, selbst beste Bälle sinnstiftend zu verwerten. Was nun wiederum kaum Gündogan anzukreiden ist. Wohl aber, dass bei aller Stärke im Zweikampf viel mehr von ihm nicht kam - was dann schon ein wenig enttäuschend war. Sein Fazit: "Das war ein kleines Déjà-vu zur ersten Halbzeit in Irland. Mit jeder Chance, die vergeben wird, geht der Kopf vielleicht ein bisschen runter. Ich denke, wie wir uns die Chancen rausgespielt haben, das war schon gut. Aber eins, zwei müssen wir in der ersten Halbzeit machen." Bilanz in der EM-Qualifikation: Fünfmal dabei, zweimal Startelf, zwei Tore.

Toni Kroos: Holte gegen Ende der Partie, beim Stand von 1:1, noch einmal zu einer durchaus ambitionierten Grätsche aus. Und ohne der lebenden Passmaschine etwas Böses zu wollen: Es war die einzig energische Szene des 25 Jahre alten Madrilenen, die von seinem 62. Einsatz im Trikot des DFB nachdrücklich in Erinnerung bleibt. Sein Problem ist das der meisten Hochbegabten, nicht nur in dieser Mannschaft: Sprüht er einmal nicht vor Ideen, sind hinterher alle enttäuscht, auch wenn es kaum einen Spieler gibt, der selbstverständlicher und sicherer mit dem Ball umgeht als er. Sagte hinterher: "Fakt ist, dass wir uns als Gruppensieger qualifiziert haben." Und: "Ich glaube schon, dass wir, was die Anlage unseres Spiels betrifft, guten Fußball gezeigt haben. Wir haben uns nur zu selten dafür belohnt." Bilanz in der EM-Qualifikation: Neunmal im Einsatz, neunmal in der Startelf, ein Tor.

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Thomas Müller verwandelt den Elfmeter zum 1:0 sicher.

(Foto: imago/Chai v.d. Laage)

Thomas Müller: Fakt ist: Der 26 Jahre alte Flügelspieler des FC Bayern hat auch in seinem 67. Länderspiel ein Tor geschossen, 31 Treffer sind es insgesamt. Dass es vier Minuten nach der Pause ein Elfmeter war, den er sicher verwandeln durfte, soll diese Bilanz nicht schmälern. Lief auf der rechten Seite viel, zog wie Marco Reus auf der gegenüberliegenden Seite immer wieder ins Zentrum, hatte ein paar gute Szenen. Allerdings hätte er in manchen Situationen egoistischer sein müssen und einfach mal aufs Tor schießen, anstatt passen sollen. War aber insgesamt derjenige, der in der DFB-Elf am meisten für Wirbel sorgte. Bilanz in der EM-Qualifikation: Neunmal dabei, neunmal Startelf, neun Tore. Liest sich so schlecht nicht. Ist es auch nicht. Rekord! Das soll ihm erst einmal einer nachmachen.

Mesut Özil: Durfte, nachdem er in Dublin gegen Irland noch auf dem Flügel agieren musste, in seinem 70. Länderspiel wieder in der Mittelfeldzentrale agieren, also dort, wo er sich nach eigenem Bekunden am wohlsten fühlt. Und der 26 Jahre alte Zauberfuß vom FC Arsenal war es auch, der Max Kruse elf Minuten vor dem Ende der Partie den Ball zum siegbringenden 2:1 servierte. Ansonsten verfügt Özil über einen Bewegungsablauf, der ihn auszeichnet: Ball annehmen, Tempo rausnehmen, Ball mit der Hacke umlegen - und dann? Tja, das scheint er bisweilen auch nicht so richtig zu wissen. Mal folgt ein Pass, mal ein Dribbling. Aber oft mit dem gleichen Manko: Die Idee ist vorhanden, die Ausführung kommt ein wenig zu spät. Hatte allerdings im Gegensatz zu vielen anderen Teamkameraden zwei gute Vorlagen auf, nun ja, Marco Reus. Das Ende der Geschichte ist bekannt. Bilanz in der EM-Qualifikation: Sechsmal dabei, jeweils in der Startelf.

Marco Reus: Eins vorweg: Niemand hat die Absicht, Reus einen schlechten Fußballer zu nennen. Ist er ja auch nicht. In Leipzig hatte der 26 Jahre alte Mittelfeldspieler des BVB allerdings ein kleines Problem: Er vergab in seinem 27. Länderspiel so viele Chancen, dass die Kollegen auf der Pressetribüne schon mutmaßten, er habe das ebenso berühmte wie berüchtigte Café King in Berlin besucht, um dort für viel Geld zu wetten, dass er gegen die Georgier auf keinen Fall ein Tor schießt. Kleiner Scherz. Nach diesem Spiel, insbesondere nach der ersten Halbzeit, in der er alles vergab, was sich ihm bot, dürfte die Quote beim nächsten Mal allerdings nicht sonderlich üppig ausfallen. Lukrativer wäre es da eher, auf sein zehntes Tor für den DFB zu setzen. Irgendwann schießt er das bestimmt - vielleicht ja bei der Europameisterschaft. Im Grunde muss er sich ja nur das Löw'sche Credo zu Herzen nehmen, das der Bundestrainer vor der Partie verkündet hatte: "Jede Chance so nutzen, als ob es die letzte wäre." Bilanz in der EM-Qualifikation: Vier Partien, viermal Startelf, ein Tor. Ganz zum Schluss, in der 90. Minute, kam für ihn der 25 Jahre alte Leverkusener Karim Bellarabi in die Partie und zu seinem zehnten Länderspiel. Dabei hatten ihn viele nach dem Ausfall von Mario Götze in der Startelf erwartet. Bilanz in der EM-Qualifikation: Sieben Partien, fünfmal Startelf, ein Tor.

André Schürrle: Der 24 Jahre alte Offensivspieler des VfL Wolfsburg rückte nach Götzes Ausfall als Mittelstürmer ins Team und kam so zu seinem 49. Länderspiel. Sagen wir es so: Er agierte sehr auffällig; sehr auffällig darin, Sprints anzusetzen und dann nicht zu Ende zu laufen. Typischer Schürrle-Move: Antreten, abstoppen, in die Luft springen, ärgern. Ansonsten: viele Pässe, wenig Dynamik, großer Einsatz, wenig Plan. Ob's allein daran lag, dass er im Angriffszentrum spielte? Macht er so weiter, wird es eng mit der EM. Aber die beginnt ja erst am 10. Juni 2016. Bilanz in der EM-Qualifikation: Acht Spiele, fünfmal in der Startelf, drei Tore. Nach 76 Minuten war Schluss, für ihn kam sein Vereinskollege Max Kruse in die Partie. Dass der 27 Jährige als Knipser durchgeht, zeigte er dann drei Minuten später - er schoss in seiner 14. Partie für die DFB-Elf sein viertes Tor. Bilanz in der EM-Qualifikation: Fünf Partien, einmal Startelf und, hört, hört, drei Tore.

Quelle: ntv.de

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