Fußball

Premierenpunkt in München RB Leipzig befreit sich von Herbstmeisterlast

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Immerhin ein Punkt: Leipzigs Timo Werner und Trainer Julian Nagelsmann.

(Foto: imago images/ActionPictures)

RB Leipzig hat in München nicht nur den ersten Zähler der kurzen Klubgeschichte geholt, sondern auch zurück zur richtigen Intensität gefunden. Das hat auch damit zu tun, dass sich das Team als Verfolger wohler fühlt und Julian Nagelsmann weniger Druck macht als zuvor.

"Es steht im Augenblick 0:0. Aber es hätte auch umgekehrt lauten können", hatte der Fußballkommentator Heribert Faßbender ("N'abend allerseits") einmal gesagt. Das passt ganz gut zur Gefühlslage nach dem torlosen Remis im spannenden Spitzenspiel der Fußball-Bundesliga zwischen Tabellenführer FC Bayern München und Verfolger RB Leipzig am Sonntagabend. Denn aufgrund zweier verschiedener Halbzeiten konnten sich beide Teams mit dem 0:0 arrangieren, RB Leipzig vielleicht noch einen Tick besser.

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"Das war ein guter Schritt": Torhüter Peter Gulacsi.

(Foto: imago images/Picture Point LE)

Denn obwohl Leipzig auch beim vierten Gastspiel beim Rekordmeister torlos blieb, gelang dem Team von Trainer Julian Nagelsmann der erste Punktgewinn überhaupt in München. Nach 0:3, 0:2, 0:1 erkämpfte sich RB nun ein 0:0 - jedes Mal ein Gegentor weniger kassiert. Klingt vielsprechend für den Auftritt in der kommenden Saison, sollte die Serie ins Positive umschlagen. "Das war ein guter Schritt, es war wichtig, dass wir hier so bestanden haben", sagte Torhüter Peter Gulacsi. "Wir haben eher zwei Punkte gewonnen in den letzten beiden Spielen, als sie verloren zu haben", bilanzierte Stürmer Timo Werner nach den Remis‘ in den Topspielen gegen Borussia Mönchengladbach und nun bei den Bayern. Und Angelino, Leihspieler von Manchester City, der schon nach wenigen Tagen sehr präsent und reif auftritt, sagte: "Wir müssen es als ein positives Resultat nehmen. Wir sind immer noch da." Zwar hat RB nun bereits vier Spiele hintereinander nicht gewonnen, doch der Punktgewinn ist viel wert.

In der ersten Hälfte hatte es noch so ausgesehen, als könne RB wieder nichts Zählbares aus den zuvor allesamt maximal ernüchternden Partien holen. Der Tabellenzweite stand tief zurückgedrängt am eigenen Strafraum und verteidigte mit Fünferkette gegen die Münchner, die über die Flügel - vor allem über die linke Angriffsseite - und die Halbspuren Druck entfachten. "Wir haben bewusst tiefer gestanden, um auf Konter zu spielen. Ich glaube, dass Bayern uns schon höher erwartet hat", sagte Nagelsmann. "Die Jungs sollten kein extremes Risiko nehmen, gerade in den ersten 20 Minuten. Ganz so tief wollten wir es dann nicht. Wichtig war, dass wir es überstehen ohne Gegentor. Das haben wir teils verdient, teils glücklich geschafft." Insbesondere Dayot Upamecano, an dem auch Bayern München Interesse haben soll, und Mittelfeldmann Konrad Laimer verteidigten mit Haut und Haaren, bekamen in jeder gefährlichen Szene einen Fuß an den Ball.

"Wir haben bisschen anders gespielt"

Nagelsmann lobte eine "sehr gute Intensität, mutiges Verteidigen in der Dreierkette, mit der wir nicht immer die besten Spiele gemacht haben in den vergangenen Monaten". Bereits vor der Partie hatte der 32-Jährige gefordert, dass seine Mannschaft auch mal etwas anders machen müsse, "als die RB-Schule", flexibel auf Spielsituationen reagieren und clever spielen. So weit, um sich gegen Bayern auf einen offenen Schlagabtausch einzulassen, ist das Team gerade nicht. "Wir haben bisschen anders gespielt, viel auf Konter, weil wir wussten, dass es hinter der Kette von Bayern viel Raum gibt. In der ersten Hälfte war das noch zu hektisch, die zweite war viel gezielter", sagte Gulacsi.

Nach dem Stahlbad in der ersten Hälfte ging RB in den zweiten 45 Minuten auch offensiv mutiger zu Werke. "In der zweiten Hälfte kommst du mit dem Gefühl raus, dass Bayern vielleicht schlagbar ist. Wir haben in der Halbzeit gesagt, dass wir bisschen mehr Risiko gehen, mehr auf Balleroberungen gehen und mehr am Ball bleiben können", berichtete Nagelsmann. "Wenn du das Gefühl hast, du bist gut drin, kannst du auch mehr Risiko fahren. Das haben wir gemacht und das wurde ganz ordentlich belohnt."

Für eine richtige Belohnung hätten Marcel Sabitzer und Timo Werner sorgen können, die Großchancen vergaben. Sabitzers Schuss aus dem Strafraum heraus landete weit über dem Tor von Manuel Neuer (46.); Timo Werner setzte freistehend eine (zu?) scharfe Hereingabe von Christopher Nkunku neben das Tor (63.). Beide Angreifer waren nach dem langen Pass von Laimer hinter die letzte Bayern-Linie allein am Sechzehner aufgetaucht. "Wir hatten zwei Riesenchancen. Die sollten bei einem Spiel in München schon rein. Ich muss meinen Ball reinmachen, keine Frage", räumte Werner ein. Fast immer, wenn der Torjäger trifft, gewinnt RB. Nun hat er seit vier Partien kein Tor erzielt.

"Schwierig, unter maximalem Druck zu performen"

So ärgerte sich der ehrgeizige Nagelsmann über die verpasste Chance. "Die Jungs waren nicht überglücklich, aber auch nicht unzufrieden", sagte er. "Sie haben auch gemerkt, dass Bayern heute schlagbar war. Das sind sie nicht immer hier zu Hause. Wir sind ehrgeizige Sportler und hätten lieber gewonnen, anstatt einen Punkt zu holen." Doch er war weit davon weg, seine Spieler anzutreiben, wie noch nach dem 3:3 in Dortmund, als er angemahnt hatte, dass die Mannschaft nicht auftrete wie ein Spitzenteam. Ebenso nach der Niederlage in Frankfurt in der Liga, als seine "Gipfelkreuz"-Rede hohe Wellen geschlagen hatte.

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"Maximaler Druck": Konrad Laimer.

(Foto: dpa)

Und in der Hinrunde hatte er noch drängend gesagt: "Wir wollen irgendwann dahinkommen, Spitzenspiele gegen Bayern München und Borussia Dortmund für uns zu entscheiden." Nun hat auch Nagelsmann erkannt, dass sich das Team in der Verfolgerrolle wohler fühlt und Druck abgelassen. "Es ist schwierig, unter maximalem Druck zu performen. Das haben wir zuletzt nicht immer geschafft", sagte Laimer. Und Werner offenbarte, dass auch die erste Herbstmeisterschaft in der kurzen RB-Geschichte für Wirrwarr in den Spieler-Köpfen gesorgt hatte. "Ich denke, gerade nach der Winterpause haben wir zu viele Dinge in unseren Köpfen gehabt, die nicht viel Fußball zu tun haben. Solche, wie man feiert, wenn man Meister wird", räumte der deutsche Nationalspieler ein. "Als Titelanwärter Nummer Eins gehandelt zu werden, hat uns vielleicht nicht gutgetan."

So sagte Nagelsmann nun: "Wir müssen nicht Meister werden. Wenn es für die Meisterschaft reicht, bin ich sehr glücklich. Und wenn wir Zweiter, Dritter, Vierter werden, haben wir auch unseren Job getan. Stand jetzt haben es die Bayern in der eigenen Hand." Durch das Remis in München dürfte RB in jedem Fall die Trendwende in einem nun weiter spannenden Titelrennen geschafft haben. "Dass wir diese Intensität auf den Platz kriegen, ist eine Messlatte für die nächsten Wochen. Dann werden auch nicht alle Mannschaften 0:0 gegen uns spielen", kündigte Leipzigs Fußballlehrer an.

Und der FC Bayern? Im Spitzenspiel gegen RB Leipzig verlieren die Münchner in der zweiten Halbzeit etwas den Faden, der deutsche Fußballmeister erweist sich wieder einmal als Teilzeitsouverän, berichtet unsere Kollegin Elisabeth Schlammerl. Am Ende sind beide Mannschaften zufrieden, weil sie ihre Positionen in der Tabelle festigten.

Quelle: ntv.de