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Russische Rechtsradikale bei einer Demonstration in Moskau.
Russische Rechtsradikale bei einer Demonstration in Moskau.(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 31. Mai 2018

Gewalt in Stadien ist Alltag: Russische Neonazis könnten die WM stören

Hitlergrüße, Einschüchterung schwarzer Spieler und SS-Fahnen - Hooligans mit rechtem Gedankengut sind schon lange ein Problem in Russlands Fußballstadien. Für eine ruhige Weltmeisterschaft lässt Putin Hunderte von ihnen verhaften. Doch mit welcher Intention?

Robert Ustian lebt gefährlich. Bei Spielen seines Fußballklubs ZSKA Moskau filmt er Neonazis unter den Fans, wie sie die Hand zum Hitlergruß heben und Fahnen der Waffen-SS schwenken. Die Videos schickt der 34-Jährige anschließend an die Behörden. Ustian rechnet damit, dass sich die Hooligans irgendwann an ihm rächen werden. "Unsere Gegner sind nicht gerade die nettesten Jungs der Welt", sagt der Aktivist. Er redet öffentlich über seine Arbeit. Aber die Identitäten seiner Mitstreiter versucht er zu schützen. "Die haben Familien und Kinder."

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Ustians Gegner sind die gleichen, die Präsident Wladimir Putin vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft am 14. Juni in Russland in den Griff bekommen will. Die Maßnahmen der Sicherheitskräfte reichen von Einschüchterung bis zu vorbeugender Haft. Hunderte Hooligans - manche sprechen sogar von Tausenden - wurden bisher verhaftet oder mussten sich per Unterschrift verpflichten, Putins Fußballshow nicht zu stören.

Internationale Aufmerksamkeit erregten die russischen Hooligans erstmals bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich, als Hunderte von ihnen brutal auf England-Fans losgingen und zwei von ihnen lebensbedrohlich verletzten. Doch die Gewalt, die die Welt damals schockierte, ist schon seit den 90er-Jahren in den maroden russischen Stadien Alltag.

Arme und wütende Jugendliche, die ihre Tage in Boxclubs zubringen, schlossen sich damals im Umfeld ihrer Fußballvereine zu sogenannten "Firmen" zusammen. Vorbild für diese Banden waren die englischen Ultras aus den 70er Jahren. In Russland paarte sich die Aggression noch mit rassistischem Gedankengut. Die Behörden ließen die Schläger gewähren - solange sie sich aus der Politik heraushielten.

Russische Behörden leugnen Rassismus

Dieses Arrangement ging so weit, dass Putin im Dezember 2010 gemeinsam mit Ultras an der Beerdigung eines Anhängers von Spartak Moskau teilnahm, der von Einwanderern aus dem Kaukasus ermordet worden war. Nach dem Mord randalierten Tausende Hooligans mitten in Moskau und griffen Angehörige von Minderheiten an.

"Putin hat damals weder die Gewalt verurteilt noch die Minderheiten erwähnt", sagt Pavel Klymenko vom in London ansässigen Netzwerk Fußball gegen Rassismus. "Stattdessen ging er mit Ultrarechten zum Grab dieses Typen und signalisierte damit, dass sie viele Prinzipien und Ansichten teilen." Eine Geste, die sicherstellen sollte, dass die gewaltbereiten Fans sich nicht gegen ihn wenden würden.

Nuno Rocha stammt von den Kapverdischen Inseln und steht beim russischen Erstligisten FC Tosno unter Vertrag. Als er sich im Spiel gegen Spartak Moskau vergangenen Monat auf den entscheidenden Elfmeter vorbereitete, begannen die Spartak-Fans ein ohrenbetäubendes Affengebrüll. Rocha starrte einen Moment in die Menge, nahm Anlauf und kickte Spartak aus dem Russischen Fußballpokal.

Ähnliche rassistische Ausfälle mussten die schwarzen französischen Fußballer Paul Pogba und Ousmane Dembélé im März bei einem Spiel im Vorfeld der WM in St. Petersburg über sich ergehen lassen. "Viele Spieler von verschiedenen Kontinenten spielen in Russland. Wir können nicht sagen, dass es ein großes Problem mit Rassismus gäbe", sagte der stellvertretende Regierungschef Witali Mutko nach dem Spiel.

Die Behörden scheinen die gewaltbereiten Fans zumindest für die Weltmeisterschaft unter Kontrolle zu haben, den verbalen Rassismus dagegen nicht. Ustians größte Befürchtung ist jedoch, dass der Kreml den Ultras freie Bahn lässt, sobald das letzte WM-Spiel vorbei ist. "Wir kennen die informellen Abmachungen zwischen dem Staat und den Firmen nicht", sagt Ustian. "Vielleicht bekommen sie nach der WM einen Freibrief?"

Quelle: n-tv.de