Fußball

Mannschaftsarzt im Interview "Schmerzmittel-Einnahme bedroht Leben"

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Im Breiten- wie auch im Profisport wird oft zum Schmerzmittel gegriffen, anstatt eine Verletzung ausheilen zu lassen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Medikamentenmissbrauch ist im deutschen Fußball an der Tagesordnung: Der Berliner Sportmediziner Thorsten Dolla, ehemals Mannschaftsarzt bei Hertha BSC, Union Berlin und dem Footballteam Berlin Thunder, erklärt im ntv.de-Interview, warum Profi- und Freizeitsportler zu Tabletten greifen. Der heutige Ringarzt beim Boxen und Mannschaftsarzt der Futsal-Nationalmannschaft beschreibt, welche Gefahr eine Abhängigkeit mit sich bringt - und wieso Schmerzmittel sogar tödlich sein können.

ntv.de: Eine neue ARD-Doku berichtet, dass Schmerzmittel im Fußball "wie Smarties gegessen" werden. Sie waren Mannschaftsarzt bei Hertha BSC und beim 1. FC Union Berlin - ist das wirklich so?

Thorsten Dolla: Ja, in der Vergangenheit hat es das sogar noch stärker gegeben. Besonders entzündungshemmende Mittel wie Ibuprofen, Aspirin oder Voltaren kommen da zum Einsatz. Es gibt eine Studie der Fifa, nach der bei der WM 2010 etwa 60 Prozent der Spieler während des Turniers Schmerzmittel genommen haben, fast 40 Prozent vor jedem Spiel. Da ging es nicht um Dopingmittel, sondern um Entzündungshemmer gegen Schmerzen im Bewegungsapparat. Im Breitensport verzeichnen wir in der Masse aber noch weitaus mehr Einnahmedelikte.

Sie waren auch Arzt beim ehemaligen American Football Team Berlin Thunder. In der Sportart sind die Profis angeblich nie komplett schmerzfrei.

Da werden natürlich noch mehr Schmerzmittel genommen. Das bringt einfach schon die Sportart mit sich, denn vom Fußball zum American Football gibt es eine klare Steigerung von körperbetonter Härte und Kontakt. Zusätzlich werden US-Amerikaner anders zivilisiert, was Schmerzmittel oder Antibiotika betrifft und greifen schneller zur Tablette.

Machen Team-Ärzte sich schuldig, wenn sie Sportlern Schmerzmittel en masse verabreichen?

Es die Aufgabe des Arztes, die Sportler zu schützen. Es ist ja nicht so, dass der Verein einen Apotheker eingestellt hat, der einfach Schmerzmittel auf den Tisch legt. Der Arzt hat dafür zu sorgen, dass die Spieler gesund bleiben und sich nicht nur mit Medikamenten spielbereit fühlen.

Der Oberschenkel zwickt, der Schädel dröhnt, der Rücken ziept, der Körper fühlt sich fiebrig an: Was sagt der Schmerz dem Sportler und welche Schlüsse sollte er oder sie daraus ziehen?

Schmerz ist immer ein Warnsignal, es gibt einen Grund, warum man ihn hat. Schmerz zeigt an, dass etwas nicht in Ordnung ist und spätestens bei längerem Anhalten ein Arzt aufgesucht werden sollte. Er ist auch ein Warnsignal für eine mögliche Überlastung. Die Beschwerden zeigen, dass eine geringere Belastung oder eine Pause für den Sportler oder den speziellen Bewegungsapparat sinnvoll wären, um nicht noch eine größere Verletzung herbeizuführen.

Was sollten Athleten gegen Schmerzen tun, wenn sie keine Medikamente nehmen wollen?

Natürlich gibt es physiotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten. Es geht aber vor allem darum, einen Trainingsplan so zu gestalten, dass die Bewegung gesundheitsfördernd ist. Es geht hier ja um Mittel, die dafür sorgen, dass die gesundheitsfördernde Wirkung nicht mehr da ist, weil man Medikamente nimmt, die die Warnsignale ausschalten. Was Sportler nehmen, sind vor allem die nichtsteroidalen Entzündungshemmer. Die lassen Athleten weniger Beschwerden, wie Schmerzen oder Fiebererscheinungen, fühlen, damit man den Sport weiter ausführen kann. Wenn das einmal im Jahr passiert, könnte man noch Verständnis dafür haben. Aber bei einer regelmäßigen Einnahme gibt es gefährliche Nebenwirkungen.

Welche konkreten Gefahren bringt die Einnahme etwa von Ibuprofen mit sich?

Das geht von Magendarmproblemen über Magengeschwüre und -blutungen bis hin zu Nierenversagen. Und das betrifft die Hochleistungssportler genauso wie die Breitensportler. Diese Nebenwirkungen haben erhebliche Konsequenzen. Es geht nicht nur um ein mögliches Ende der Karriere, sondern im schlimmsten Fall kann die Einnahme von Schmerzmitteln das Leben bedrohen. Ivan Klasnic von Werder Bremen musste seit 2007, einer Zeit, als noch viel mehr Medikamente eingenommen worden als heute, dreimal eine neue Niere eingepflanzt werden. Auch ein Breitensportler, der regelmäßig Schmerzmittel einnimmt, kann bei einem Marathonlauf lebensgefährliche Darmblutungen entwickeln und zusammenbrechen. Durch Medikamente verschleppte Infekte können auch zu Herzmuskelfehlern und zum Tod führen.

Kann man von Schmerzmitteln abhängig werden?

Durch eine Dauereinnahme kann sich durchaus eine körperliche Abhängigkeit entwickeln, weil man den Körper betäubt und gewisse Sensibilitäten reduziert. Wenn das zur Normalität wird, entsteht auch eine psychische Abhängigkeit. Die Wirkung der Entzündungshemmer lässt auch irgendwann nach: Was anfangs mit einer Tablette funktioniert hat, bedarf bald dann zwei. Die Konzentration muss also erhöht werden und die Konsequenz daraus ist, dass die gefährlichen Nebenwirkungen schneller auftreten können und die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass es ein böses Ende gibt.

Ist der betäubte Körper verletzungsanfälliger?

In dem Moment, wo der Körper Warnsignale aussendet und diese durch das Schlucken von Schmerzmitteln ignoriert werden, hat man eine höhere Wahrscheinlichkeit, sich zu verletzen. Wenn man vorher Schmerzen im Gelenk hat, dann aber durch die Medikamente die Schmerzen auf einmal weg sind und man weiterhin läuft, kann sich die Verletzung im Gelenk schnell und deutlich verschlimmern. Man verschiebt also das Problem - und macht es sogar noch schlimmer.

Wirken Schmerzmittel leistungssteigernd?

Klar, man verschiebt quasi die Schmerzgrenze und in diesem Moment ist die Leistung dann stärker als ohne Tablette. Schmerzfreier kann man zwar trainieren, aber nicht unbedingt länger und besser - weil auch die Wirkung irgendwann nachlässt. Aber ist es das wert, so ein großes Risiko einzugehen?

"Du kannst mir neun Mal sagen: 'Du nimmst zu viel Schmerzmittel, lass es!' Ich höre neun Mal weg", sagt Jonas Hummels, Bruder von BVB-Verteidiger Mats Hummels, der bis 2016 in der 3. Liga in Unterhaching spielte, in der ARD-Doku. Haben Sie so etwas auch in Ihrer Arzt-Karriere erlebt?

Ja, natürlich. Es herrscht ja schon in der Dritten Liga ein gewisser monetärer Druck und man muss als Arzt versuchen, die Spieler zu überzeugen, keine Schmerzmittel mehr einzunehmen. Aber auch im Freizeitsport gibt es Menschen, die eine psychische Abhängigkeit zum Sport entwickelt haben und die etwa jeden Tag laufen müssen. Wenn es dann weh tut, wird lieber mit Tablette gelaufen - auch da entsteht dann eine Art Sucht. Es muss also viel Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit geleistet und aufgezeigt werden, dass die Nebenwirkungen echt extrem sein können.

Mit Dr. Thorsten Dolla sprach David Bedürftig

Quelle: ntv.de