Fußball

Teure Abos, keine Zuschauer Taumelndem Giganten Bundesliga droht Absturz

Die Fußball-Bundesliga hat gleich mehrere Probleme. Die Omikron-Wand verhindert weiter eine voll besetzte "Gelbe Wand" im Dortmunder Stadion, eine Rückkehr der Zuschauer. Zeitgleich verdoppelt der Rechteinhaber die Preise für ein zunehmend unattraktives Produkt. Ein Untergangsszenario.

Manchmal braucht es die Gleichzeitigkeit der Dinge, um zu sehen, in welche Sackgasse der Fußball sich in den vergangenen Jahren manövriert hat. Die weiter wild um sich schlagende Pandemie und die unendliche Sucht nach Geld lässt den Profi-Fußball dieser Tage erneut schlecht aussehen.

Nur einen Tag nach der Ankündigung, dass sich erst einmal nichts ändern wird, schert Bayern Ministerpräsident Markus Söder aus. In Bayern, so verkündet der Freistaat, sind zukünftig wieder bis zu 10.000 Zuschauern bei Großveranstaltungen erlaubt. Trotz der Omikron-Wand, die noch lange nicht erklommen ist und trotz der Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz. Die hatte sich am Vorabend darauf geeinigt, dass sich nichts ändern wird. Die Spiele der Fußball-Bundesliga - und andere Sportveranstaltungen - sollen weiter weitgehend ohne Zuschauer ausgetragen werden.

Der Beschluss hatte nicht nur bei Söder, der dieser Tage mal wieder auf Lockerungs- und somit Oppositionskurs ist, Verwunderung ausgelöst, sondern auch bei den Vertretern des Sports. Das sei alles "nicht nachvollziehbar", schimpfte die neue DFL-Chefin Donata Hopfen und forderte Lösungsansätze bis zum 9. Februar. In eine ähnliche Kerbe schlugen die Vertreter der Handball- und Volleyball-Bundesliga. Noch viel mehr als der Fußball sind dies Sportarten, die von den Einschränkungen der Pandemie in "eine große und den Sport insgesamt gefährdende Situation" gebracht wurden.

Hohe Verluste drohen

Längst hat sich der Sport mit dem Flaggschiff Fußball vom Lieblingskind der Politik zum Prügelknaben der Nation gewandelt. "Es wurde immer geklagt, der Fußball bekomme in Deutschland Sonderrechte", wetterte Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke: "Das Gegenteil ist gerade der Fall. Der Fußball wird zum Opfer von Symbolpolitik." Er kündigte die Prüfung möglicher rechtlicher Schritte gegen die kommenden Beschlüsse des Landes NRW an. Auch bei anderen Vereinen aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland wird nach ntv.de-Informationen über ein derartiges Vorgehen nachgedacht. In den Vereinen und auch in der Liga ist die Stimmung längst gekippt. Sie wollen Planungssicherheit, sie wollen eine Zukunft mit Zuschauern, so wie es Kulturveranstaltungen längst wieder erlaubt ist.

Der Bundesliga droht aufgrund der aktuellen Zuschauerbeschränkungen ein weiteres Jahr hoher finanzieller Verluste. Es erwartet sie auch ein Jahr, das in dem Streben der Liga nach dem Verbleiben in der europäischen Spitzenklasse als ein durchaus massiver Rückschlag gewertet werden muss. In den anderen Top-Ligen des Kontinents sind die Zuschauer und damit auch die Einnahmen längst zumindest zum Teil zurück. In England, dem ersten Hochinzidenzland der Omikron-Welle, sogar ohne Einschränkungen.

Die daraus resultierenden finanziellen Nachteile werden in zukünftigen Transferperioden direkt Auswirkungen auf die Transfergeschäfte der Vereine haben. Bis auf den Ausreißer Ricardo Pepi, der für rund 16 Millionen vom FC Dallas zum FC Augsburg wechselte, findet die Liga auf dem internationalen Markt kaum noch statt, muss sich sogar belgischen Vereinen wie dem FC Brügge geschlagen geben. Dorthin wechselte der 22-jährige Kanadier Tajon Buchanan, der unter anderem auch beim SC Freiburg im Gespräch war. "Die Einschränkungen gehen der Liga an die Nieren", sagt einer, der mit der Abwicklung von Transfers von Amerika nach Europa vertraut ist: "Der Konkurrent könnte auf Dauer Belgien und nicht mehr Frankreich oder Italien heißen".

Zuschauerinteresse lässt nach

Ein gewiss überzeichnetes Bild, das jedoch die finanzielle Schieflage der Liga gut abbildet. Doch eines, das die kommenden Probleme des Profi-Sports noch nicht mit abbildet. Die Jahre des fehlenden Wettbewerbs in der Liga, die Rolle des Fußballs, der durch den Größenwahn und die Fanfeindlichkeit der Funktionäre weltweit schon lange in Verruf geraten ist, und die erzwungen Stadionauszeit während der Pandemie wird unweigerlich zu Zuschauerrückgängen führen. Auch, wenn wieder Zuschauer in den Stadien erlaubt sein werden.

Der Fußball, der zumindest in Deutschland seit langer Zeit kaum noch Qualität oder Spannung zu bieten hat, konkurriert beim Werben um neue Generationen einem komplett auf den Kopf gestellten Freizeitverhalten der nachwachsenden Generationen. Die kennen in Deutschland keinen anderen Meister als Bayern München, die interessieren sich mehr für Namen als für Verein, wenn sie sich überhaupt noch für Fußball interessieren. Wohl an noch keinem Zeitpunkt seit der Erfindung des modernen Fußballs durch die Einführung der Champions League, der Premier League und der Allgemeinverfügbarkeit der Live-Übertragungen war die Zukunft des Spiels als Lagerfeuer, als verbindendes Element der Gesellschaft mehr gefährdet, als in diesen Pandemie-Monaten, in denen das Zeitalter der Individualisierung rapide Fahrt aufgenommen hat.

Fußball "nur noch" ein Sport

In der letzten Hochphase des deutschen Klubfußballs, und eben nicht nur von Bayern München, in den Jahren vor dem deutschen Champions-League-Finale 2013 in Wembley träumten Millionen Fans weltweit von einem Besuch eines Bundesligastadions. Deutschland war das Land, in dem Milch und Honig flossen. Ständig wechselnde Meister, ausverkaufte Stadien, eine unglaubliche Fankultur und niedrige Preise für Eintrittskarten. Diese Zeiten sind vorbei. Das ist für sich genommen schon schlecht.

Die Gleichzeitigkeit der Dinge zeigt nun, in welche dumme Lage sich die Liga manövriert hat. Die Verdoppelung der Preise des Streaminganbieters DAZN lenkt die Aufmerksamkeit auf die Fragen: "Wie viel ist die Liga noch wert, wie viel ist der Fußball noch wert?". Auf DAZN ist die Bundesliga nur eine Liga unter vielen, ist Fußball nur ein Sport unter vielen. Doch die Rechte an der Liga und an der ebenfalls von "dem Netflix des Sports" übertragenen Champions League kosten gutes Geld, das sich der britisch-russische Investor wenig überraschend von den Zuschauern in Deutschland zurückholen will. Der zahlt ohnehin schon immer mehr Abos bei Sky, Amazon und den restlichen Anbietern, wenn er alles sehen will. Für ein immer schlechter werdendes Produkt, das das so eingenommene Geld in immer noch irrwitzige Gehälter steckt.

Es bleibt abzuwarten, ob die Preiserhöhung, die ab August dann auch Bestandskunden treffen könnte, von allen Kunden mitgegangen wird. Noch ein Jahr Hoffenheim gegen Wolfsburg an einem Sonntag oder Hertha gegen Leipzig an einem Freitag? Die Bundesliga wird nicht mehr die Triebfeder sein. Sie verliert weiter an Bedeutung. Und wird die Rechnung womöglich bei den nächsten Rechteverhandlungen präsentiert bekommen.

Der Sozialismus des Zeitalters des Individualismus, die Überall- und Allgemeinverfügbarkeit des Sports und die Beliebigkeit des Produkts Fußballs in der Konkurrenz zu all den anderen Produkten der Freizeit- und Unterhaltungsindustrie macht dem Gesellschaftsspiel Fußball arg zu schaffen. Der gesellschaftliche Faktor ist ohne die Zuschauer längst in den Hintergrund gerückt. Und wer sich mit den ganz großen Produktionen der Unterhaltungsindustrie vergleichen muss, dem gehen angesichts der schwindenden Attraktivität der Liga und des Wettbewerbs langsam die Argumente aus. Der Kampf um die Rückkehr der Zuschauer deutet zudem darauf hin, dass die Politik die Zeichen der Zeit ebenfalls erkannt hat. Auch sie unterstützt die Liga nicht mehr bedingungslos.

Quelle: ntv.de

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