Fußball

So hohe Fanstrafen wie nie zuvor Wo der HSV führt - und der DFB kassiert

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Die Anhänger des Hamburger SV bescherten ihrem Klub beim Derbysieg in St. Pauli die höchste DFB-Strafe der Saison 2018/19.

(Foto: www.imago-images.de)

Pyro, Platzsturm, Parolen: In der vergangenen Saison verhängte der DFB gegen die 56 Profi-Fußballklubs nahezu spieltäglich teils deftige Geldstrafen wegen des Fehlverhaltens ihrer Fans. n-tv.de hat alle DFB-Urteile ausgewertet - mit teils überraschenden Einsichten.

Für die einen ist es ein unverzichtbarer und anmutiger Bestandteil der Fankultur, für andere eine Zumutung, die hässliche Fratze des Fußballs - der Gebrauch von Pyrotechnik in Stadien polarisiert und ist längst zum Symbol sogenannter Zuschauervergehen im Fußball geworden. Der Deutsche Fußball-Bund hat eine klare Haltung dazu: Pyrotechnik im Stadion ist laut DFB-Statuten ebenso kriminell wie Platzstürme und das Werfen von Gegenständen. Während des Spielbetriebs vergeht kaum eine Woche, ohne dass das DFB-Sportgericht diverse Fan-Vergehen ahndet und die jeweiligen Klubs mit mitunter heftigen Geldstrafen belegt.

Seit Inkrafttreten eines neuen, transparenteren Sanktionskatalogs zu Beginn der vergangenen Saison veröffentlicht der Verband die Urteile auf seiner Internetseite. Wer sich einmal komplett durch das digitale DFB-Strafenregister der abgelaufenen Saison klicken will, braucht Geduld. Stand 25. Juli 2019 sind 280 Urteile mit 293 Strafen aufgeführt. Die ersten datieren vom 21. August 2018, das jüngste Urteil vom Donnerstag: 5600 Euro Strafe für Drittligist Hallescher FC, dessen Fans beim Auswärtsspiel in Karlsruhe "mindestens 14 Rauchtöpfe (rot/weiß) und zwei Böller gezündet" hatten.

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Eine "offizielle Statistik/saisonübergreifende Bilanz führt der DFB nicht", wie der Verband auf Anfrage mitteilte. Auch deshalb hat n-tv.de alle Urteile und Strafen der abgelaufenen Saison in übersichtlicher Tabellenform aufbereitet, einmal sortiert nach Gesamtsummen sowie als filterbare Auflistung aller Einzelstrafen samt Link zum Urteil. Denn die schriftlichen Gerichtsentscheidungen offenbaren interessante Einblicke, aber auch überraschende Erkenntnisse, wie die ausführliche Auswertung und Analyse aller DFB-Urteile in den Fragen & Antworten zur Analyse aller DFB-Strafen und Urteile zeigt.

Einige Kernpunkte im Überblick:

  • Von den 56 Vereinen im deutschen Profibereich (1. bis 3. Liga) erhielten lediglich zwei keine Fanstrafen: Zweitligist SV Sandhausen und Drittliga-Absteiger Sportfreunde Lotte.
  • Mehr als die Hälfte der Gesamtstrafen mussten Erstligaklubs entrichten. Angeführt wird die Strafentabelle aber vom Hamburger SV - einem von vier Zweitligisten in den Top Ten.
  • Der HSV zahlte auch die höchste Einzelstrafe in Höhe von 150.000 Euro (mit der er allein schon Platz 9 in der Tabelle belegen würde). Insgesamt vier Mal wurden Strafen im sechstelligen Bereich verhängt. Die niedrigste Einzelstrafe über 175 Euro erhielt Drittligist SC Fortuna Köln für das Entzünden eines Rauchtopfs.
  • Das Abbrennen von Pyrotechnik ist mit 137 Strafen das mit Abstand am häufigsten geahndete Einzelvergehen, gefolgt vom "Werfen von Gegenständen" (48). Bei 76 weiteren Strafen war Pyro-Abbrennen zudem eines von mehreren geahndeten Vergehen, wobei in 24 Fällen auch Pyrotechnik abgeschossen bzw. geworfen wurde.
  • Der Verein mit den meisten Einzelstrafen war Drittligist Hansa Rostock (14).
  • Am häufigsten "Gegner" waren nicht vermeintliche Fan-Feindbilder wie RB Leipzig oder die TSG Hoffenheim, sondern Vizemeister Borussia Dortmund (11).
  • Insgesamt beliefen sich die verhängten Fanstrafen in Spielen mit BVB-Beteiligung auf 671.450 Euro und damit auf gut ein Fünftel der Gesamtstrafsumme. Insgesamt 241.000 Euro entfielen als Strafen auf Dortmund.
  • Außerhalb des eigenen Stadions wurden mehr Fan-Strafen (184) registriert als im eigenen Stadion (109), wobei sanktionierte Vorfälle bei den Ausweich-Heimspielen des KFC Uerdingen in Duisburg ebenso als Auswärtspartien eingerechnet sind wie die Strafen für FC Bayern und Leipzig im Pokalfinale in Berlin. Noch deutlicher fällt der Unterschied bei der Strafsumme mit knapp 2,5 Millionen Euro für "Auswärts"-Strafen im Vergleich zu 800.000 Euro für "Heim"-Strafen auf - wobei davon allein 108.750 Euro auf den 1. FC Madgeburg entfallen.

Bemerkenswert zudem: Erstmals wurde in der vergangenen Saison im Profibereich die Zwei-Millionen-Euro-Marke bei den Klubstrafen für "Zuschauervergehen" überschritten - und das deutlich. Hatte das DFB-Sportgericht in der Vorsaison in der 1., 2. und 3. Liga noch Strafgelder in Höhe von rund 1,9 Millionen Euro verhängt, waren es in der Spielzeit 2018/19 mehr als 2,8 Millionen Euro, wie die Auswertung von n-tv.de zeigt. Insgesamt belief sich die wettbewerbs- und klubübergreifende Strafsumme sogar auf rund 3,3 Millionen Euro. Die Differenz ergibt sich daraus, dass die sanktionierten Klubs mitunter einen Teilbetrag der Strafe "für sicherheitstechnische, infrastrukturelle und gewaltpräventive Maßnahmen verwenden" müssen.

Bestraft werden generell nur die Klubs und nicht die jeweiligen Verursacher, was im Verbandsrecht begründet ist. Das erlaubt dem DFB lediglich eine Sanktionierung seiner Mitglieder und von deren Funktionsträgern, nicht aber der Fans.

Nach Vorfällen ermittelt der Kontrollausschuss. Meist kommt es danach zur Anklage auf Grundlage des Sanktionskatalogs, der Straftatbestände sowie Strafhöhen je nach Wettbewerb auflistet. Dabei gilt: Je höherklassig ein Verein spielt, desto höher sind die Strafen für die Vergehen. Insgesamt listen die DFB-Richtlinien sechs Vergehen explizit auf, am höchsten bestraft wird die "Verwendung von Laserpointern" - ein Vergehen, das 2018/19 kein einziges Mal sanktioniert wurde.

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HSV doppelter Spitzenreiter

Festzuhalten bleibt: Die Kategorie DFB-Fanstrafen ist eine der wenigen im deutschen Fußball, die der Hamburger SV noch dominiert. Mit 294.150 Euro mussten die Hanseaten - wie schon in der Vorsaion - erneut die höchsten Strafen zahlen, davon allein 152.250 Euro für Vergehen rund um die beiden Stadtderbys gegen den FC St. Pauli. Darin enthalten ist die höchste DFB-Einzelstrafe der Saison: Das exzessive Abbrennen von Pyrotechnik und daraus resultierende Spielunterbrechungen beim 4:0-Auswärtssieg am Millerntor führten für den HSV zu 150.000 Euro Strafe - und einer fünfseitigen Urteilsbegründung, in der die Vergehen minutiös und detailliert aufgeführt sind. Ein Auszug:

  • 4. Spielminute: Mindestens 20 weiß leuchtende Bengalische Feuer im HSV-Block. Zusätzlich wurde zweimal blaues und einmal weißes Rauchpulver gezündet. Dies hatte eine Spielunterbrechung durch den Schiedsrichter von 2:45 Minuten zur Folge.
  • 9. Spielminute: Ein Kanonenschlag im HSV-Block.

Mit deutlichem Abstand, aber einer immer noch beträchtlichen Gesamtsumme von 241.000 Euro, folgt Borussia Dortmund auf Rang 2 der Strafentabelle und ist damit "Spitzenreiter" bei den Klubs aus der 1. Bundesliga - vor Meister FC Bayern München, der 215.150 Euro locker machen musste. Der Ligadritte RB Leipzig kommt hingegen lediglich auf eine Strafe von 7000 Euro für Pyro-Vergehen im letzten Saisonspiel, dem gegen Bayern verlorenen Pokalfinale. Das ist der niedrigste Wert der 18 Erstligisten. Die höchste Strafsumme als Vertreter der 3. Liga erhielt der FC Hansa Rostock mit 111.925 Euro, der mit 14 auch auf den ligenübergreifenden Höchstwert für die Strafenzahl kommt.

Und täglich grüßt die Pyrotechnik

Wie bereits erwähnt, fällt bei der Analyse der Urteile auf: Der Einsatz von Pyrotechnik ist nicht nur ein Symbol für Fanvergehen, sondern beschäftigt das DFB-Sportgericht auch besonders häufig. In insgesamt 213 der 293 Strafen spielte Pyrotechnik eine Rolle, das entspricht knapp 73 Prozent der Strafen. Das Gros entfällt dabei auf das Abbrennen im Block. Um das Abschießen oder Werfen von Pyrotechnik ging es bei 24 Strafen.

Der hohe Anteil an Pyro-Strafen wird in der neuen Saison mutmaßlich allerdings wenig abschreckende Wirkung erzielen. Daher drängt sich mehr denn je die Frage nach Alternativen auf. Erst Anfang Juli hatten Erstligist Werder Bremen und der Innensenator der Hansestadt, Ulrich Mäurer, eine Testreihe mit "Kalter Pyrotechnik" für beendet erklärt - und für gescheitert. Die Feuerwehr hatte festgestellt, "dass auch von der sogenannten 'Kalten Pyrotechnik' Gefahren ausgehen" - wie etwa die Freisetzung giftiger Gase oder das schnelle Entzünden von Kleidern und Haaren durch die Flammen. So bleibt weiter strittig, wie dieser Teil der Fankultur in den legalen Rahmen des DFB integriert werden kann.

Bei der Vielzahl an Sanktionen in der abgelaufenen Saison bleibt indes unklar, was genau mit den kassierten Strafgeldern passiert. Auf Anfrage von n-tv.de verweist der DFB lediglich allgemein auf die Verwendung für gemeinnützige Zwecke. Gemeint sein dürften damit vor allem Institutionen wie etwa die Fritz-Walter-Stiftung oder die DFB-Kulturstiftung. Erst Ende Juni hatte der DFB bekannt gegeben, "die wichtige und nachhaltige Arbeit der fußballnahen Stiftungen mit einer Spende in Höhe von vier Millionen Euro zu unterstützen".

Hier gelangen Sie zu unseren Fragen & Antworten zum Straf-System des DFB

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Quelle: n-tv.de

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