Collinas Erben

Optiker Rummenigge, Pep distanzlos "Collinas Erben" bilanzieren die Saison

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Pep kuschelt an der Linie gerne mal mit den Vierten Offiziellen.

(Foto: imago/ActionPictures)

Guardiola erdrückt die Schiedsrichter mit Zuneigung. Aubameyang sieht für einen bizarren Jubel Gelb. Karl-Heinz Rummenigge verfährt nach dem Motto: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? Zehn Superlative zur Saison.

Schiedsrichterfreund der Saison: Pep Guardiola. Noch treffender wäre: Schiedsrichter-Assistenten-Freund. Wen hat der Bayern-Coach nicht alles geherzt: Bibiana Steinhaus, Mike Pickel, Markus Häcker, Robert Kempter, Markus Schmidt - die Liste der Linienrichter und Vierten Offiziellen, denen der Spanier zu Leibe rückte, ist lang. Beim Spiel gegen Schalke sprintete der Meistertrainer sogar bis an die Eckfahne, um dem Mann an der Seitenlinie wort- und gestenreich seine Empathie entgegenzubringen. Den derart Beglückten waren diese Distanzlosigkeiten allerdings sichtlich unangenehm und der DFB ließ Guardiola dann auch wissen, dass er künftig, bitteschön, Abstand zu wahren und die Coaching-Zone zu respektieren habe. Ansonsten sei ein Verweis auf die Tribüne unumgänglich.

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Für seinen Batman-Jubel sah Pierre-Emerick Aubameyang die Gelbe Karte.

(Foto: imago/Uwe Kraft)

Die Gelbe Karte der Saison gab es für Pierre-Emerick Aubameyang nach seinem akribisch vorbereiteten "Batman-Jubel" gegen Schalke 04 am 23. Spieltag. Denn in der Regel 12 (verbotenes Spiel und unsportliches Betragen) heißt es kurz und präzise: "Ein Spieler wird verwarnt, wenn er Kopf oder Gesicht mit einer Maske oder Ähnlichem bedeckt." Marco Reus dagegen kam für seine Nebenrolle als Robin ungestraft davon. Das war falsch, entschied Schiri-Chef Herbert Fandel, denn in einer solchen Situation müsse jeder Maskenträger den gelben Karton sehen. Potenzielle Nachahmer wissen nun also Bescheid.

Tribünenverweis der Saison: Roger Schmidt, Leverkusens Trainer, musste im Spiel seiner Elf in Bremen auf Geheiß von Schiedsrichter Peter Sippel nach 65 Minuten vorzeitig seinen Platz auf der Bank räumen. Der Übungsleiter der Rheinländer soll "unflätig vor sich hingeschimpft" haben – so lautete jedenfalls die Begründung des Vierten Offiziellen Tobias Stieler. "Dass ich nicht vor mich hinfluchen darf, wusste ich jetzt auch nicht", grummelte Schmidt deshalb. Vom DFB gab's eine Geldstrafe.

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Premiere der Saison: Klaas-Jan Huntelaar ist der erste Spieler in der Geschichte der Bundesliga, bei dem eine Sperre teilweise zur Bewährung ausgesetzt wurde. Nach seiner Tätlichkeit am 18. Spieltag in der Partie gegen Hannover 96 sollte der Schalker Stürmer ursprünglich für sechs Spiele aus dem Verkehr gezogen werden. Im Einzelrichterverfahren reduzierte der DFB die Zwangspause jedoch auf vier Spiele, zwei weitere werden fällig, wenn der Niederländer innerhalb eines Jahres erneut vom Platz fliegen sollte. Bislang funktioniert diese Resozialisierungsmaßnahme nach Plan: Huntelaar ist seitdem kreuzbrav.

Regelkritiker der Saison: Lucien Favre. Nach einem Handelfmeter gegen seine Mannschaft im Heimspiel gegen Mainz 05 prangerte der Mönchengladbacher Trainer die neuerdings sehr strenge Regelauslegung der Schiedsrichter bei Handspielen an, die bei vielen Klubs für Unmut sorgte. In einem Interview rechnete der Schweizer mit den Verantwortlichen dafür in markigen Worten ab: "Für mich ist diese Regel ein Skandal. Ich weiß nicht, wer das dirigiert und bezahlt. Das ist kein Fußball, sorry. Das ist absurd. Ich glaube, die Leute, die diese Regel gemacht haben, haben in ihrem Leben nie selbst Fußball gespielt. Die müssen aufhören. Diese Leute sind total dumm."

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Zoff der Saison: Thomas Eichin, Geschäftsführer von Werder Bremen, und Matthias Sammer, Sportvorstand beim FC Bayern München, gerieten vor dem Spiel ihrer beiden Klubs am 25. Spieltag über die Medien verbal aneinander. Eichin forderte, "Respekt und Ehrfurcht vor den Bayern abzulegen" - und meinte damit auch die Schiedsrichter, die den Rekordmeister seiner Ansicht nach zu häufig mit Entscheidungen begünstigten und mit zweierlei Maß mäßen. Sammer konterte prompt: Er glaubte, Eichin habe den Referees unterschwellig eine Manipulation unterstellt, und vermutete, der frühere Geschäftsführer der Kölner Haie habe "wohl mal einen Puck an den Kopf bekommen". Der DFB schickte daraufhin mit Thorsten Kinhöfer einen seiner erfahrensten Unparteiischen ins Weserstadion - und der behielt kühlen Kopf.

Erklärbär der Saison: Deniz Aytekin. Als der Leverkusener Torhüter Bernd Leno am ersten Spieltag in Dortmund bei einem Klärungsversuch versehentlich seine Mitspieler Ömer Toprak und Sebastian Boehnisch abräumte, rechneten alle damit, dass die beiden nun nach kurzer Behandlung den Platz verlassen müssen. Doch Schiedsrichter Aytekin ließ sie auf dem Feld - und erläuterte dem verwunderten Dortmunder Coach Jürgen Klopp geduldig die Gründe dafür: Wenn zwei oder mehr Spieler einer Mannschaft nach einem Zusammenprall sofortige Betreuung benötigen, dürfen sie sofort weiterspielen, sofern sie können und wollen. Mit dieser Sonderregelung soll vermieden werden, dass ein Team nach einem solch unglücklichen Zusammenstoß vorübergehend in Unterzahl spielen muss. "Die Regel kannte ich nicht, deswegen habe ich blöd geguckt", gab Klopp nach dem Spiel unumwunden zu.

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Rolle rückwärts und damit Vollpfosten der Saison: Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge.

(Foto: dpa)

Optiker der Saison: Karl-Heinz Rummenigge. Nach dem (gewonnenen) DFB-Pokalfinale der Vorsaison hatte der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern Schiedsrichter Florian Meyer, der nicht gesehen hatte, dass Hummels‘ Kopfball von Dante beim Stand von 0:0 erst knapp hinter der Torlinie geklärt worden war, noch in Schutz genommen: "Es ist unerträglich, in welchem Maße die Unparteiischen, die nicht auf Wiederholung, Zeitlupen und sogar mathematische Berechnungen zurückgreifen können, öffentlich an den Pranger gestellt werden." Ein knappes Jahr später, nach der (verlorenen) Neuauflage der Partie im Halbfinale desselben Wettbewerbs, mochte er sich an dieses Plädoyer nicht mehr erinnern. Nachdem Referee Peter Gagelmann ein Handspiel des Dortmunders Marcel Schmelzer im eigenen Strafraum nicht geahndet hatte, keifte Rummenigge: "75.000 im Stadion haben in der einen entscheidenden Szene alles gesehen. Wenn der eine das dann nicht sieht, dann kann ich ihm einen Optiker empfehlen." Mit Blick auf das Karriereende des Unparteiischen aus Bremen fand er gar: "Vielleicht ist es auch besser für die Bundesliga, dass das Kapitel Gagelmann dann erledigt ist." You only sing when you’re winning …

Sorgenkind der Saison: Felix Zwayer. Vor der Spielzeit vom DFB noch zum "Schiedsrichter des Jahres" gekürt, zeigte der Berliner Fifa-Referee in einigen Spielen ungewohnte Schwächen. Bei der Partie zwischen Borussia Dortmund und 1899 Hoffenheim etwa entging ihm in der 85. Minute trotz guter Sicht ein klares Foul von Neven Subotic an Tarik Elyounoussi im Dortmunder Strafraum, das beim Stande von 1:0 für die Hausherren einen Elfmeter für die Gäste hätte nach sich ziehen müssen. Zuvor hatte sein Assistent bei einem regulären Treffer des BVB fälschlicherweise ein Abseits gesehen. Beim Viertelfinale im DFB-Pokal zwischen Leverkusen und Bayern verweigerte Zwayer den Gastgebern früh einen Elfmeter, nach einer Stunde annullierte er ein regelgerechtes Tor der Münchner durch Robert Lewandowski wegen eines angeblichen Fouls. In der Nachspielzeit beließ er es nach Thiagos Kung-Fu-Tritt gegen Stefan Kießling zur allgemeinen Überraschung bei einer Gelben Karte für den Spanier. Auch in der Partie zwischen dem FC Augsburg und Hannover 96 am vorletzten Spieltag sah Zwayer mehrfach nicht gut aus und bat nach dem Schlusspfiff sogar um Verzeihung dafür, den Augsburgern einen eindeutigen Handelfmeter versagt zu haben.

Sprücheklopfer der Saison: Franz Beckenbauer. Im Interview des Bezahlsenders Sky wütete der Ehrenpräsident des FC Bayern München dagegen, dass nach einer "Notbremse" im Strafraum neben dem Elfmeter auch eine Rote Karte und eine Sperre fällig wird - und wartete mit einer überraschenden Erklärung dafür auf, warum es diese ungeliebte Regelung immer noch gibt: "Ich war vier Jahre Vorsitzender der Fußballkommission bei der Fifa. Es ist uns nicht gelungen, diese Drecks-Dreifachbestrafung wegzubringen. Aber nicht, weil die Exekutive nicht wollte, sondern weil die Schiedsrichter es nicht wollten." Nun haben die Unparteiischen diesbezüglich allerdings gar kein Mitspracherecht. Und das Exekutivkomitee des Weltfußballverbands entschied just gestern auf Vorschlag des Fifa-Präsidenten Sepp Blatter: Die "Dreifachbestrafung" bleibt. Dass der "Kaiser" jetzt sprachlos ist, darf man allerdings bezweifeln.

Quelle: ntv.de