Collinas Erben

"Collinas Erben" sind überrascht Fandel sinneswandelt zum Videobeweis

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Good job, Felix Brych!

(Foto: dpa)

Der deutsche Schiri-Chef vollzieht eine Kehrtwende und befürwortet nun doch den Einsatz weiterer technischer Hilfsmittel. Seine Unparteiischen zeigen derweil, dass sie die Kritik der vergangenen Wochen gut verdaut haben.

Man kann Herbert Fandel, dem Chef der deutschen Fußball-Schiedsrichter, gewiss nicht nachsagen, kein prinzipienfester Mensch zu sein. Dennoch hat er nun einen Grundsatz aufgegeben, der eigentlich unantastbar schien. Bislang hatte sich der hauptberufliche Pianist stets dagegen ausgesprochen, der Klaviatur der Möglichkeiten, die den Unparteiischen zur Verfügung steht, den Videobeweis hinzuzufügen. Doch angesichts der zuletzt ziemlich heftigen Kritik an den Bundesliga-Referees schlägt der 51-Jährige nun andere Töne an und befürwortet dessen Einführung. Mehr noch: Er will dabei gemeinsam mit dem DFB voranschreiten. "Nachdem es einige Entscheidungen gegeben hat, die durch den Videobeweis hätten geklärt werden können, meine ich, dass wir an der Spitze dieser Entwicklung stehen sollten", sagt Fandel jetzt. Zumindest "eindeutige Szenen wie das Handtor in Köln" könnten so künftig "herausgefiltert und vermieden werden".

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Entscheidend sei letztlich die Frage: "Was ist das Beste für die Schiedsrichter?" Und da sei die deutsche Schiedsrichter-Kommission zu dem Ergebnis gekommen, dass die Einführung der Technik einen Fortschritt darstellen und Druck von den Referees nehmen würde. Voraussetzung für eine solche einschneidende Veränderung in der Schiedsrichterei ist die Zustimmung des Weltfußballverbands Fifa, vor allem aber der obersten Regelhüter des International Football Association Board (IFAB). Dieses Gremium trifft sich vom 4. bis 6. März 2016 in Cardiff zu seiner nächsten turnusmäßigen Sitzung und könnte dann auch über den Videobeweis befinden. Wenn es grünes Licht gebe, wolle man "eine Vorreiterrolle einnehmen, kreativ mitarbeiten und das Optimale herausholen", kündigt Fandel an. Über die genaue Konzeption müsse man sich allerdings noch verständigen.

Streit über Rot für Papadopoulos

Fest steht dafür schon jetzt, dass der Videobeweis nur bei Schwarz-Weiß-Entscheidungen uneingeschränkt für Klarheit sorgen kann, etwa bei der Frage, ob ein Foul- oder Handspiel innerhalb oder außerhalb des Strafraums geschehen ist. Im weitaus größeren Graubereich dagegen – also beispielsweise bei der Frage, ob der betreffende Körperkontakt oder die Berührung des Balles mit der Hand überhaupt ahndungswürdig ist – helfen oft auch mehrere Superzeitlupen nicht unbedingt weiter. Geradezu prototypisch war in dieser Hinsicht die Debatte, die Herbert Fandel und der deutsche Rekordnationalspieler Lothar Matthäus am Sonntagabend in einer Diskussionssendung des Bezahlsenders "Sky" über den Feldverweis des Leverkuseners Kyriakos Papadopoulos im Spiel gegen den 1. FC Köln führten.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Der Grieche hatte in der 53. Minute Anthony Modeste, der auf und davon zu eilen drohte, etwa 30 Meter vor dem Tor kurz an der Schulter festgehalten. Der Kölner Stürmer, dem der Ball bei der Annahme ein Stück versprungen war, ging daraufhin zu Boden. Schiedsrichter Felix Zwayer erkannte auf "Notbremse" und stellte Papadopoulos mit der Roten Karte vom Platz. Eine richtige Entscheidung, bestätigte Fandel, während Matthäus die Ansicht vertrat, dass Leverkusens Torhüter Bernd Leno den Ball auch ohne das Foul seines Mitspielers vor Modeste erreicht hätte und somit keine klare Torchance verhindert wurde. Die Fernsehbilder stützten eher Zwayers und Fandels Sichtweise, aber zweifelsfreien Aufschluss gaben sie letztlich nicht.

Brych mit starker Leistung im Derby

Grundsätzlich anders liegt der Fall dagegen in Situationen wie jener, die sich in der 90. Minute in Augsburg zutrug. Hier war unstrittig, dass der Bremer Ulisses Garcia den Ball mit der Hand gespielt hatte und dass dieses Handspiel strafbar war, weil Absicht in regeltechnischem Sinne vorlag. Nicht eindeutig zu erkennen war jedoch zunächst, ob das Vergehen innerhalb oder außerhalb des Strafraums geschehen war. Schließlich zeigte sich in den "Slow Motions": Garcia befand sich mit dem größten Teil seines Körpers zwar jenseits des Sechzehnmeterraums, der Kontakt zwischen seinem Arm und dem Ball fand jedoch – und das ist entscheidend – auf der Strafraumlinie oder sogar knapp innerhalb statt. Sascha Thielert, der Schiedsrichter-Assistent, erkannte das ganz ohne Videobeweis und teilte dem Unparteiischen Tobias Stieler folgerichtig mit, dass es einen Strafstoß geben muss.

In München dagegen widerlegte die verlangsamte Wiederholung den Unparteiischen gleich bei drei Entscheidungen mit Torfolge: Sowohl das 2:0 als auch das 4:0 für den FC Bayern im Spiel gegen den VfB Stuttgart hätte eigentlich nicht anerkannt werden dürfen, weil es zuvor jeweils zu Spieleingriffen aus Abseitsposition gekommen war; umgekehrt hätte der annullierte Treffer der Schwaben zum 4:1 zählen müssen, weil keine Abseitsstellung vorlag. Zwar wollte selbst der Stuttgarter Trainer Alexander Zorniger die Niederlage seiner klar unterlegenen Elf nicht dem Schiedsrichter in die Schuhe schieben. Dennoch verlief der erste Einsatz von Referee Bastian Dankert in der Bundesliga nach dem von ihm anerkannten Handtor von Köln vor drei Wochen unglücklich, obwohl der Unparteiische mit der Partie abgesehen von diesen Fehlern keine Probleme hatte.

Dankerts Kollege Felix Brych zeigte derweil im schwierigen Derby zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 eine Leistung, die eines WM-Schiedsrichters würdig ist. Mit seiner ruhigen Art bremste er die teilweise überschießenden Emotionen immer wieder erfolgreich ein, seine Souveränität tat der Partie gut. Durch die recht großzügige Zweikampfbewertung hielt Brych das Spiel im Fluss, gleichzeitig lief er nie Gefahr, eine Knüppelei heraufzubeschwören. Korrekt, das leichte Halten des Dortmunders Julian Weigl gegen den allzu bereitwillig fallenden Klaas-Jan Huntelaar in der 22. Minute nicht mit einem Strafstoß zu ahnden. Richtig auch, für die Grätsche des eingewechselten Schalkers Felix Platte gegen Weigl in der Nachspielzeit nur Gelb zu zeigen, weil das Foul längst nicht so brutal war, wie es viele Dortmunder in der aufgeheizten Atmosphäre empfanden. Brych hatte das gleich erkannt – ohne Zeitlupe.

Quelle: n-tv.de

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