Collinas Erben

"Collinas Erben" zeigen Verständnis Gräfe gequält, Neuer lobt, Schmadtke fordert

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Bohrenden Nachfragen: Manuel Gräfe plauscht mit den Leverkusenern.

(Foto: imago/Rust)

In Wolfsburg überstimmt der Schiedsrichter seinen Assistenten - nachvollziehbar, letztlich aber falsch. Der Kollege in Frankfurt erhält dagegen ein Lob aus berufenem Munde. Derweil fordert Kölns Geschäftsführer einen "Runden Tisch".

Wenn ein Schiedsrichter nach einem Spiel von den Medien zum Interview gebeten wird, dann geschieht das fast immer aus einem für ihn unangenehmen Grund. Nie beglückwünscht ihn ein Reporter zu einem berechtigten Platzverweis, nie wird er gefragt: "Wie stolz sind Sie auf Ihren grandiosen Elfmeterpfiff?" Stattdessen soll er zumeist eine umstrittene Entscheidung erklären oder sich für einen Fehler rechtfertigen. Manuel Gräfe erging es am Samstagabend nicht anders, als er nach der Partie zwischen dem VfL Wolfsburg und Bayer 04 Leverkusen aus seiner Kabine trat und sich umgehend einem Wald aus Kameras und Mikrofonen gegenübersah. "Es gibt schöne Tage als Schiedsrichter, und es gibt solche Tage wie heute", sagte er mit einem sichtlich gequälten Lächeln. "Die Leverkusener dürfen zu Recht unzufrieden sein mit der Schiedsrichterleistung. Es tut mir leid, aber ich kann es auch nicht ändern."

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Was dem 42-Jährigen Berliner, im Hauptberuf Sportwissenschaftler, die bohrenden Nachfragen einbrachte, war eine Entscheidung in der 34. Spielminute. Beim Stand von 0:0 hatte der meterweit im Abseits stehende Wolfsburger Vierinha den Ball aus einem unübersichtlichen Zweikampf zwischen seinem Mitspieler André Schürrle und dem Leverkusener Kevin Kampl erhalten. Aber von wem war die Kugel gekommen? Von Schürrle, befand Gräfes Assistent Markus Sinn, der daher sofort die Fahne hob.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Von Kampl, also einem gegnerischen Spieler, glaubte der Unparteiische, der deshalb weiterspielen ließ und Sinn anwies, die Fahne wieder herunterzunehmen. Die Gäste stellten den Spielbetrieb nach dem Fahnenzeichen weitgehend ein, die Hausherren dagegen machten einfach weiter: Vierinha legte den Ball zu Nicklas Bendtner quer, der schoss ihn ins Leverkusener Tor. Gräfe gab den Treffer - und die Rheinländer protestierten.

Dass ein Referee einen seiner Helfer an der Seitenlinie überstimmt - noch dazu beim Abseits, der Kernaufgabe der Assistenten -, kommt ausgesprochen selten vor. Doch der sehr gut postierte Manuel Gräfe war sich, wie er selbst sagte, "hundertprozentig sicher", dass das Zuspiel zu Vierinha von Kampl stammte und das Abseits somit aufgehoben war. Die ersten Zeitlupen schienen den Unparteiischen auch zu bestätigen. Erst die Wiederholung aus der Sicht der Hintertorkamera - eine Perspektive, die Gräfe naturgemäß nicht hatte - machte deutlich, dass der Schiedsrichter falsch lag. Assistent Markus Sinn, der in dieser Szene über den ungünstigeren Blickwinkel verfügte, hatte sich da längst von seinem Chef überzeugen lassen und beharrte nicht auf seiner Einschätzung. "Durch meine Sicherheit wurde er unsicher", sagte Gräfe nach dem Spiel. "Ich nehme es auf meine Kappe."

Der Joker des Schiedsrichters sticht nicht

Widersprüchlich mutet an, dass der Referee, obwohl er doch eigentlich keinen Zweifel an der Richtigkeit seiner Entscheidung hatte, vor dem Wiederanstoß nach dem Tor - also rechtzeitig, um sich gegebenenfalls zu korrigieren - noch André Schürrle und Kevin Kampl befragte. Gräfe begründete diesen Schritt damit, er habe sich auf die Proteste der Gäste hin "hinterfragt und versucht, alles auszuschöpfen". Doch er habe "leider von den Spielern keine Hilfestellung bekommen, das kann ich aber auch nicht erwarten". Schürrle und Kampl seien sich beide unsicher gewesen, wer von ihnen im Gestocher den Ball zu Vierinha gespielt habe. Damit war auch dieser Joker - den Gräfe nicht zuletzt deshalb gezogen haben dürfte, weil es sein Kollege Bastian Dankert zwei Wochen zuvor nach dem "Hand-Tor" von Köln nicht getan hatte und dafür heftig kritisiert worden war - aus dem Spiel.

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"Es tut mir leid, aber ich kann es auch nicht ändern": Manuel Gräfe, hier mit Leverkusens Trainer Roger Schmidt.

(Foto: imago/Hübner)

Es mag angesichts der Tatsache, dass der Assistent trotz der ungünstigeren Perspektive letztlich richtig lag, kurios klingen - aber für ein optimales Entscheidungsmanagement in dieser sehr schwer zu beurteilenden Situation hätte Markus Sinn dem Reflex trotzen und auf sein Fahnenzeichen verzichten sollen. Es hätte genügt, Manuel Gräfe seine Einschätzung zunächst über das Headset mitzuteilen und zur endgültigen Klärung der Szene das Ende der Spielsituation abzuwarten. Zum einen wäre so die durch die Unstimmigkeit im Schiedsrichtergespann ausgelöste Irritation der Leverkusener - die sich nicht einfach durch den lapidaren Hinweis, dass nun mal die Entscheidung des Unparteiischen und nicht das Signal seines Helfers maßgeblich ist, vom Tisch wischen lässt - vermieden worden. Zum anderen kann nach einer Torerzielung immer noch auf Abseits entschieden, nach einem frühzeitigen Abseitspfiff aber nicht die Torchance wiederhergestellt werden. Geändert hätte dies freilich nichts an der Entscheidung selbst – eine Entscheidung, die der Referee auf der Grundlage seiner Wahrnehmung traf und durchsetzte, wie es seine Aufgabe ist. Ein Fehler im Ergebnis, aber keineswegs so abwegig, wie es viele Reaktionen nach der Partie nahelegten.

Kritik erntete Manuel Gräfe auch dafür, dass er den Wolfsburgern nach der Pause einen Strafstoß verweigerte, als Daniel Caligiuri nach einem Kontakt mit Leverkusens Torwart Bernd Leno im Strafraum dfiel. Die Gastgeber witterten eine Konzessionsentscheidung, doch der Schiedsrichter entgegnete nach dem Spiel im Interview, "nach 13 Jahren Bundesliga" hätten Fehler im Spiel bei ihm keinen Einfluss mehr auf nachfolgende Entscheidungen. "Beide, Leno wie Caligiuri, gehen im hohen Tempo aufeinander zu", erläuterte Gräfe. "Es hat mir trotz Kontakt nicht ausgereicht für einen Elfmeter. Nach den Fernsehbildern kann man sicherlich Strafstoß geben, im Spiel war es für mich aber so nicht wahrzunehmen."

Neuer lobt den Referee

Ein Lob aus berufenem Munde gab es dagegen für Gräfes Kollegen Daniel Siebert, der am Freitagabend das Eröffnungsspiel des elften Spieltages geleitet hatte. "Der Schiedsrichter hat eine gute Leistung gezeigt", sagte Bayerns Torhüter Manuel Neuer nach der Partie bei Eintracht Frankfurt, auch wenn seine Mannschaft erstmals in dieser Bundesliga-Saison nicht als Sieger vom Platz gegangen war. Das Kompliment des Nationalkeepers war berechtigt, denn der 31-jährige Referee hatte die Begegnung buchstäblich von der ersten Sekunde an fest im Griff: Als der Frankfurter Stefan Aigner unmittelbar nach dem Anstoß den Münchner Verteidiger Rafinha mit einer rustikalen Grätsche zu Boden brachte, war Siebert hellwach, zögerte nicht und setzte mit der Gelben Karte gleich eine erkennbare Grenze. Auf dem Platz und den Rängen spürte jeder: Hier ist ein Schiedsrichter mit Mut zur Konsequenz am Werk.

Auch in der Folgezeit machte der Unparteiische im Verbund mit seinen sehr aufmerksamen Assistenten fast alles richtig. Arjen Robbens Schwalbe nach 85 Minuten etwa ahndete er zu Recht mit der Gelben Karte, auch nach Thomas Müllers Sturz im Eintracht-Strafraum kurz darauf versagte er den Münchnern berechtigterweise einen Strafstoß. Ebenfalls korrekt war es, Robert Lewandowskis Treffer in der 89. Minute wegen einer knappen Abseitsstellung zu annullieren. Bei alledem war Siebert nie kleinlich und ließ fußballtypische Härten zu, die intensiven, teilweise hitzigen Duelle wie das zwischen Carlos Zambrano und Lewandowski beurteilte er mit Augenmaß. Mit seiner klaren und ruhigen Körpersprache übte er einen wohltuenden Einfluss auf die Partie aus. Dass der Schiedsrichter den Trikotzupfer von Slobodan Medojevic gegen Javi Martínez im Frankfurter Sechzehnmeterraum nach einer Viertelstunde nicht mit einem Elfmeter bestrafte, darf man in die Rubrik "diskussionswürdig, aber vertretbar" einordnen. Denn dafür, dass Bayerns Innenverteidiger den Kopfball nicht bekam, war der kurze Griff ans Leibchen letztlich nicht verantwortlich. Selbst die Bayern mochten sich mit der Szene nicht lange aufhalten.

Ganz anders Jörg Schmadtke. Der Geschäftsführer des 1. FC Köln ist derzeit so unzufrieden mit den Unparteiischen, dass er in der Fachzeitschrift "Kicker" fordert: "Trainer, Spieler, Manager, Schiedsrichter, alle müssen an einen Tisch und miteinander reden. Es muss eine Diskussion auf Augenhöhe sein. Offen und ehrlich. Die Schiedsrichter müssen ihre Probleme benennen." An irgendetwas müsse die Häufung ihrer Fehler, die Schmadtke beobachtet haben will, schließlich liegen. Als Abhilfe bringt mancher nun erneut den Videobeweis ins Spiel. Manuel Gräfe sagt, ihm hätte dieses technische Hilfsmittel in der Szene, die zum ersten Wolfsburger Tor führte, zwar helfen können, doch viele andere Szenen blieben "trotzdem grau, und es gibt nicht mehr Gerechtigkeit". Eine Sichtweise, die auch von Herbert Fandel geteilt wird. Zu viele Fragen seien offen, meint der Chef der deutschen Schiedsrichter. Und entscheiden könne über solche Neuerungen ohnehin nur die Fifa. "Ohne deren Zustimmung", so Fandel, "sind alle Überlegungen umsonst".

Quelle: n-tv.de

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