Collinas Erben

"Collinas Erben" sind zerknirscht Dankerts Hand-Fauxpas macht Kölner jeck

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Der Moment, der die Kölner auf die Palme bringt: Hannovers Leon Andreasen drückt den Ball mit dem Oberarm irregulär zum 1:0 über die Linie.

(Foto: imago/T-F-Foto)

Beide Sonntagspartien des 9. Spieltags werden durch irreguläre Tore entschieden, wobei der Unparteiische in Köln untröstlich über seinen Fehler ist. In Wolfsburg und Frankfurt liegen die Schiedsrichter in wichtigen Situationen goldrichtig.

Selten hat man einen Schiedsrichter vor der Kamera so zerknirscht gesehen wie Bastian Dankert am Sonntagabend. In seinem 40. Bundesligaspiel war dem 35-Jährigen, der für den kleinen mecklenburgischen Klub Brüsewitzer SV pfeift, ein schwerer Patzer unterlaufen, der die Partie zwischen dem 1. FC Köln und Hannover 96 schließlich entschied. Dankert hatte nämlich nicht bemerkt, dass das Tor des Tages für die Gäste durch ein absichtliches Handspiel von Leon Andreasen erzielt wurde und war sichtlich geknickt, als er im Interview darauf angesprochen wurde. "Nach dem Studium der Bilder", sagte er selbstkritisch, "kann man eigentlich nur sagen, dass es auf diesem Niveau nicht passieren darf, so einen Fehler zu machen". Doch weder sein Assistent noch er selbst hätten "dieses Handspiel entdecken können" und dementsprechend auch nicht erkannt, dass es "ein irreguläres Tor gewesen ist".

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Wie aber konnte es zu diesem eklatanten Lapsus kommen, den der Unparteiische immerhin aufrichtig bedauerte? Verantwortlich dafür ist letztlich eine nicht optimale Positionierung des Referees in dieser Situation: Dem Handspiel vorausgegangen war ein Eckstoß für Hannover, bei dessen Ausführung sich Dankert anweisungsgemäß an der Strafraumgrenze aufhielt; dabei rückte er vom linken Strafraumeck allerdings ein bisschen zu weit in Richtung Strafraummitte ein. Von dort aus hatte er zwar einen sehr guten Überblick über die Zweikämpfe am Zentrum des Fünfmeterraums, wo sich die weitaus meisten Spieler aufhielten. Doch gleichzeitig versperrten ihm zwei Kölner die Sicht auf den einlaufenden Andreasen. Hätte sich der Schiedsrichter stärker seitlich positioniert, dann wäre seine Perspektive eine günstigere gewesen – und das Handspiel wohl von ihm erkannt worden.

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands erster Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf ntv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Dankerts zuständiger Assistent wiederum konnte das Vergehen nicht sehen, weil er sich auf der Höhe des vorletzten Kölner Abwehrspielers befand – ganz wie er es sollte, um eine mögliche Abseitsstellung zu erkennen und anzuzeigen. Von dort aus war jedoch auch ihm der Blick auf Andreasen unglücklicherweise verstellt. Der andere Assistent und der Vierte Offizielle waren jeweils zu weit vom Geschehen entfernt, um die Situation zweifelsfrei beurteilen zu können. Geblieben wäre dem Unparteiischen theoretisch noch die Möglichkeit, den Torschützen zu befragen, ob er den Ball mit der Hand gespielt hat, und auf eine ehrliche Antwort zu hoffen. Von dieser Option sollen die Referees allerdings aus guten Gründen nur in absoluten Ausnahmefällen Gebrauch machen. Dankert verzichtete trotz der ungewöhnlich heftigen Proteste der Kölner darauf, weil er, wie er sagte, "einfach davon überzeugt war, dass der Spieler den Ball mit dem Bauchbereich ins Tor bugsiert hat und nicht mit der Hand". Und dann frage man eben nicht nach.

Kompliziertes Abseits

Unangenehm aus Sicht der Schiedsrichter war, dass auch das zweite Sonntagsspiel durch einen irregulären Treffer entschieden wurde. Denn als der Stuttgarter Daniel Didavi in der Partie gegen den FC Ingolstadt eine Hereingabe von Florian Klein so gerade noch mit den Stollen erwischte und ins Gästetor lenkte, stand er – wenn auch knapp – im Abseits, was Schiedsrichter Guido Winkmann und sein Assistent jedoch übersahen. Der Treffer hätte übrigens auch dann nicht zählen dürfen, wenn Didavi den Ball nicht mehr berührt hätte. Zwar griff er keinen Gegner im Kampf um das Spielgerät an, doch beeinträchtigte er durch seine Bewegung – die gemäß der Definition des DFB eine "ballbezogene Aktion" darstellte – eindeutig die Handlungsmöglichkeiten des Ingolstädter Torwarts Ramazan Özcan. Und das war eigentlich nicht erlaubt.

Ganz richtig lag dagegen Winkmanns Kollege Felix Brych, als er in der Begegnung zwischen dem VfL Wolfsburg und 1899 Hoffenheim den Führungstreffer der Hausherren nach nur 43 Sekunden anerkannte. Dante hatte zunächst einen weiten Pass auf Julian Draxler geschlagen, der eigentlich im Abseits stand. Doch weil der Hoffenheimer Niklas Süle in diesen Ball sprang und ihn – wenn auch unfreiwillig – mit dem Kopf zu Draxler verlängerte, der ihn schließlich zum Torschützen Max Kruse weiterleitete, ließ Brych weiterspielen. Und das zu Recht, weil Süles Vorgehen regeltechnisch ein "absichtliches Spielen des Balles" war, durch das das Abseits aufgehoben wird. Denn anders als bei einem zufälligen Abfälschen zählt bei einem absichtlichen Spielen des Balles nur, dass er bewusst, also gewollt gespielt wird. Ob die Aktion gelingt oder missrät, ist gleichgültig.

Keine Notbremse, keine rote Karte

Korrekt handelte auch Schiedsrichter Florian Meyer in der 28. Minute der Samstagabendpartie von Eintracht Frankfurt gegen Borussia Mönchengladbach, als er den Gastgebern einen Strafstoß zusprach. Denn Gladbachs Torwart Yann Sommer hatte nach einem katastrophalen Fehlpass seines Mitspielers Alvaro Dominguez den Frankfurter Luc Castaignos im Strafraum zu Fall gebracht. Aber lag hier nicht eine "Notbremse" von Sommer vor? Nein – denn Castaignos war mit dem Ball nach außen gezogen und hätte dadurch einen ungünstigen Schusswinkel gehabt. Damit wurde regeltechnisch gesehen keine klare Torchance verhindert. Deshalb entschied Meyer völlig richtig, als er dem Gästekeeper nur die Gelbe Karte zeigte statt der Roten.

Einen Platzverweis hätte allerdings der Frankfurter Verteidiger Aleksandar Ignjovski verdient gehabt, als er kurz vor dem Pausenpfiff seinem Gegenspieler Raffael in einer Spielunterbrechung sichtlich erregt mit voller Absicht auf den Fuß trat. Selbst wenn der Gladbacher Stürmer darauf relativ ungerührt reagierte – das war eindeutig eine Tätlichkeit. Allerdings hatte weder Florian Meyer noch einer seiner Assistenten die Szene mitbekommen, weshalb der Referee nicht mehr tun konnte, als die Gemüter mithilfe seiner Persönlichkeit zu beruhigen. Gerade weil der Schiedsrichter die Situation nicht gesehen und deshalb auch nicht abschließend beurteilt hat, kann der DFB-Kontrollausschuss nun allerdings Ermittlungen gegen Ignjovski einleiten. Eine nachträgliche Sperre ist deshalb denkbar.

Keinerlei nennenswerten Ärger gab es hingegen in der Kreisliga B Bodensee, als die Zweitvertretungen des SV Blitzenreute und des SC Michelwinnaden aufeinandertrafen. Und das, obwohl der eingeteilte Schiedsrichter nicht erschienen war und deshalb kurzfristig ein verletzter Spieler einspringen musste, auf den sich beide Mannschaften geeinigt hatten. Gelbe und Rote Karte hatte der Aushilfsschiri zwar nicht zur Hand, doch Not macht erfinderisch. Und so behalf er sich mit Senf- und Ketchup-Tütchen aus dem Vereinsheim. Die Partie verlief dann allerdings so friedlich, dass der Reservereferee die Disziplinarsoßen gar nicht brauchte. Fast schon schade eigentlich.

Quelle: ntv.de

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