Collinas Erben

"Collinas Erben" deuten Spielräume Ribéry kneift - der Schiedsrichter auch?

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Wollte Nicolai Müller "den Bart streicheln" - und hatte beim Kick gegen den HSV allen Grund zum Jubeln: Franck Ribéry vom FC Bayern.

(Foto: imago/Claus Bergmann)

In Hamburg befingert Ribéry wieder seinen Gegner und kommt erneut davon, weil der Schiedsrichter nur eine Unsportlichkeit sieht. Auch in Dortmund profitiert ein Franzose von der Milde des Referees. Schalke hingegen hadert.

Er hat es schon wieder getan. Wieder hat Franck Ribéry sich mit seiner Hand im Gesicht eines Gegenspielers zu schaffen gemacht. Diesmal war der Hamburger Nicolai Müller der Leidtragende, zuvor hießen die Geschädigten beispielweise Felix Passlack (im Supercupspiel der Bayern gegen Dortmund im August), Gonzalo Castro (im DFB-Pokal-Finale der vergangenen Saison, ebenfalls gegen den BVB), Daniel Carvajal (im Champions-League-Halbfinale 2014 gegen Real Madrid) und Robert Lewandowski (als Dortmunder im Endspiel der europäischen Königsklasse 2013). Jedes Mal kam der Franzose um einen Platzverweis herum, es gab maximal die Gelbe Karte.

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Auch am Samstag im Volksparkstadion wurde der 33-Jährige vom Schiedsrichter lediglich verwarnt, als er seinen Gegenspieler unversehens in die Wange zwickte. Die zunehmende Kritik von Medien, Fans und Gegnern richtet sich zwar in erster Linie gegen den zur Unbeherrschtheit neigenden Dribbler, inzwischen aber auch immer öfter gegen die Unparteiischen. Sie müssten, so heißt es häufig, Ribéry doch inzwischen kennen und deshalb wissen, dass er gerne mal seine Hände und Arme zum Zwecke der Selbstjustiz einsetzt.

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Überfällig sei deshalb ein Denkzettel in Form einer Roten Karte und einer mehrwöchigen Sperre. Mancher vermutet gar, Europas Fußballer des Jahres 2013 habe Narrenfreiheit bei den Referees oder die Schiedsrichter hätten einfach nicht den Mut, ihn vom Platz zu stellen. Solche Argumente mögen populär sein, doch sie verkennen eines: Die Unparteiischen haben auf dem Platz nur das je konkrete Vergehen eines Spielers zu bewerten, eine etwaige Vorgeschichte ist dabei unerheblich. Das heißt: Sie sind nicht dafür da, Versäumnisse aus der Vergangenheit auszubügeln und somit für Genugtuung zu sorgen, sondern sie müssen unvoreingenommen in jedes Spiel gehen und dürfen sich nicht von Stimmungen beeinflussen lassen. Unvoreingenommen heißt gleichwohl nicht unvorbereitet: Die Schiedsrichter kennen ihre "Pappenheimer" und wissen um deren besondere Eigenheiten, Neigungen und Spielweisen. Sie werden daher in bestimmten Situationen besonders genau hinschauen – ohne deshalb jemanden vorzuverurteilen.

Ribéry: Lässliches Scharmützel oder Tätlichkeit?

Auch Felix Zwayer, dem Referee des Spiels zwischen dem Hamburger SV und dem FC Bayern München (0:1), ist natürlich bewusst, dass Ribéry seine Hände auf dem Spielfeld bisweilen nicht nur dazu benutzt, um das Gleichgewicht zu halten oder einen Einwurf auszuführen. Als der Franzose in der 73. Minute von Nicolai Müller gefoult wurde und anschließend sichtlich gereizt auf den Hamburger zuging, hatte der Schiedsrichter die beiden Spieler darum auch genau im Blick. Er sah, wie Ribéry seinen Gegner in die Wange kniff und dieser sich so überrascht wie empört beim Unparteiischen darüber beschwerte.

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"Franck wollte mir wohl den Bart streicheln": Hamburgs Nicolai Müller (l.) im Duell mit Bayerns Ribéry.

(Foto: REUTERS)

Zwayer stand nun vor der Frage: War das schon eine platzverweisreife Tätlichkeit? Oder noch eine Unsportlichkeit, die mit der Gelben Karte hinreichend bestraft ist? Keine leichte Entscheidung. Was auf die Strafzumessung keinen Einfluss hatte - und auch nicht haben durfte -, waren Ribérys ungeahndete Grobheiten in der Vergangenheit. Auf der anderen Seite hatte aber auch seine Prominenz oder die Tatsache, dass er dem großen FC Bayern angehört, keine Rolle zu spielen. Kurzum: Es durfte weder einen Malus noch einen Bonus für ihn geben.

Dass dem Schiedsrichter bei der persönlichen Strafe ein gewisser Spielraum gegeben war, hat entscheidend damit zu tun, was laut Regelwerk unter einer Tätlichkeit zu verstehen ist. Dort ist sie als Handlung definiert, die sich durch "übermäßige Härte oder Brutalität" abseits des Balles auszeichnet. Eigens erwähnt wird in diesem Zusammenhang das Schlagen an den Kopf oder ins Gesicht eines Gegners. Der kurze Kniff in die Wange - der sich tatsächlich weniger dramatisch ausnimmt als eine Kopfnuss, eine Ohrfeige, ein Nasenstüber oder ein Griff an den Hals - will sich nicht so recht in diese Begriffsbestimmung einfügen. Dennoch gibt es gute Gründe für die Forderung des früheren Fifa-Schiedsrichters Markus Merk im Bezahlsender "Sky", jeden offensichtlich unfriedlichen Griff ins Gesicht eines Gegners mit einer Roten Karte zu sühnen - also den Ermessensspielraum zu verengen -, auf dass diese Unsitte, die um sich greift, endlich aufhört.

Felix Zwayer entschied sich jedoch, es bei einer Verwarnung zu belassen. Dabei mag es eine Rolle gespielt haben, dass Nicolai Müller selbst die Aktion erkennbar nicht so schlimm fand und deshalb auf jegliches Theater verzichtete. "Franck wollte mir wohl den Bart streicheln", scherzte er dann auch nach dem Spiel. "Solche Scharmützel gehören dazu." Eine bemerkenswerte Aussage, nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass der HSV die Partie durch ein spätes Gegentor verlor, das ausgerechnet von Ribéry vorbereitet worden war. Überhaupt hatte beim HSV niemand ein Problem damit, dass der Münchner nur Gelb bekommen hatte. Akzeptanz für seine Regelauslegung hatte der Referee also.

Glück für Dembelé, Pech für Schalke

Auf einen Feldverweis verzichtete auch Schiedsrichter Christian Dingert in der 38. Minute des Spiels zwischen Borussia Dortmund und dem SC Freiburg (3:1), als der Dortmunder Ousmane Dembelé den Erhalt der Gelben Karte nach seinem Foulspiel gegen Aleksandar Ignjovski mit höhnischem Beifall quittierte. Der Unparteiische hätte hier durchaus die Möglichkeit gehabt, den Franzosen gleich noch einmal zu verwarnen und dessen Einsatz somit per Gelb-Roter Karte vorzeitig zu beenden. Er entschied sich jedoch, es bei einer energischen letzten Ermahnung zu belassen, was möglich war, weil der Referee auch in solchen Fällen einen Ermessensspielraum hat.

Zu welcher Maßnahme ein Schiedsrichter in derartigen Grenzsituationen greift, hängt von vielen Fragen ab: Wie war der bisherige Spielcharakter - eher fair, sodass auf die Matchstrafe verzichtet werden kann, oder eher ruppig? Wie ist die Akzeptanz des Referees? Begreifen die Spieler es als Zeichen von Schwäche, wenn die Gelb-Rote Karte ausbleibt? Wie war die bisherige Linie bei den persönlichen Strafen? Ergibt sich ein Platzverweis nachvollziehbar aus der Spielleitung? Bringt er mutmaßlich Hektik in die Begegnung oder beruhigt er sie? Christian Dingert kam bei seinen Erwägungen zu dem Schluss, dass Dembelé auf dem Feld bleiben darf. Das passte zu dieser Partie sowie zum Auftritt des Unparteiischen und war daher vertretbar. Die Spieler nutzten dieses Entgegenkommen auch nicht aus.

In Sinsheim kam derweil eine der zahlreichen Regeländerungen zum Tragen, die zum 1. Juni eingeführt wurden: Obwohl der Schalker Leon Goretzka nach einem rüden Foul des Hoffenheimers Ermin Bicakcic in der 26. Minute auf dem Platz behandelt wurde, musste er das Feld anschließend nicht verlassen. Denn Bicakcic hatte für sein Vergehen eine persönliche Strafe erhalten, nämlich die Gelbe Karte. Das war die eine regeltechnische Voraussetzung dafür, dass Goretzka sofort weiterspielen durfte, also keine Unterzahl für sein Team entstand. Die andere bestand darin, dass die Verletzungsbehandlung auf dem Platz relativ rasch abgeschlossen werden konnte. Die Regeln nennen hier eine Dauer von höchstens 25 Sekunden, dabei handelt es sich allerdings nur um einen Richtwert. Wenn die Versorgung 40 Sekunden in Anspruch nimmt wie am Sonntag in Sinsheim, soll der Schiedsrichter nicht penibel sein.

Pech hatten die Schalker in der vierten Minute der Nachspielzeit, als der Hoffenheimer Kerem Demirbay den Ball im eigenen Strafraum mit der Hand spielte, die Pfeife von Referee Tobias Welz jedoch stumm blieb. Tatsächlich war es für den Schiedsrichter nicht leicht zu beurteilen, ob Absicht im regeltechnischen Sinn vorlag oder nicht: Dass Demirbay seinen Arm angespannt und eine Bewegung zum Ball hin vollzogen hatte - beides Kriterien für eine Strafbarkeit -, wurde erst in der Zeitlupe so richtig deutlich. Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann war jedenfalls so froh wie ehrlich: "In der Nachspielzeit hatten wir Glück. Das war ein klares Handspiel von Kerem Demirbay in unserem Strafraum. Da muss ich nicht drumherum diskutieren."

Quelle: ntv.de