Collinas Erben

"Collinas Erben" für Fair Play Tragödie um Dante, Ujah mit Schauspiel

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Bekam ordentlich auf den Schlappen: Wolfsburgs Dante.

(Foto: imago/Hübner)

In Wolfsburg wird ein Brasilianer gleich zweimal zum Opfer, ohne angemessen entschädigt zu werden. In Bremen sorgt ein Kölner für eine faire Geste, während ein Ex-Kölner für das Gegenteil steht. Und ein Frankfurter fühlt sich zu hart bestraft.

Am vorvergangenen Samstag sorgte ein kurioses Tor im französischen Pokalwettbewerb für solchen Gesprächsstoff, dass es schließlich auch hierzulande die Runde machte und heftig diskutiert wurde, vor allem in den sozialen Netzwerken. Passiert war dies: In der Partie zwischen US Concarneau und Voltigeurs de Chateaubriant lief Herman Koré, Stürmer der Hausherren, in der Nachspielzeit beim Stand von 1:0 für seine Farben am Ende eines Konters alleine auf das leere Gästetor zu. Doch statt den Ball einfach schmucklos zu versenken, stoppte er ihn kurz vor der Torlinie, kniete sich hin und beförderte ihn eine Handbreit über der Grasnarbe mit dem Kopf in die Maschen. Während sich Koré feiern ließ, fühlte sich die Gastmannschaft gedemütigt und machte ihrem Ärger darüber vehement Luft. Es kam zu Tumulten, die nur dank der Präsenz des Schiedsrichtergespanns nicht in Tätlichkeiten ausarteten.

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Tatsächlich hatten die Spieler von Voltigeurs de Chateaubriant allen Grund zur Aufregung. Denn "regeltechnisch lag hier ein unsportliches Verhalten vor, weil versucht wurde, den Gegner lächerlich zu machen", wie Hellmut Krug, Schiedsrichter-Manager bei der DFL, erläuterte. Deshalb hätte der Treffer nicht anerkannt werden dürfen, stattdessen hätte es eine Gelbe Karte für den Torschützen und einen indirekten Freistoß für die Gäste geben müssen - dort nämlich, wo sich die Unsportlichkeit ereignete, das heißt: wo Koré niederkniete, um den Ball mit dem Kopf zu spielen.

Eine Fehlentscheidung des Unparteiischen mithin. Dennoch sei ein offizieller Protest gegen die Spielwertung aussichtslos, wie Krug erklärte: "Der Schiedsrichter hat die Situation offenbar als nicht so schlimm erachtet und seinen Ermessensspielraum über Gebühr ausgeweitet. Es handelt sich also um eine Tatsachenentscheidung." Die Maßgabe für die Referees in Deutschland – von der Bundesliga bis in den Amateur- und Jugendbereich – sei gleichwohl eindeutig: Ein Tor wie das von Concarneau – bei dessen Art und Weise der Erzielung es nicht darum ging, einen originellen Trick vorzuführen oder zu fintieren, sondern erkennbar der Gegner verhöhnt werden sollte – sei zwingend zu annullieren. "Da gibt es keine Alternative", betonte Hellmut Krug.

Dante als doppeltes Opfer

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Allerdings gab es in über 52 Jahren Bundesliga noch nie einen solchen Fall wie in Frankreich. Die Schiedsrichter sind zumeist mit wesentlich profaneren Dingen beschäftigt, auch am vorletzten Spieltag vor der Winterpause. So musste beispielsweise Wolfgang Stark gemeinsam mit seinem Assistenten Mike Pickel in der 16. Minute des Spiels zwischen dem VfL Wolfsburg und dem Hamburger SV entscheiden, ob der Hamburger Angreifer Pierre-Michel Lasogga für sein rüdes Einsteigen gegen Dante an der Seitenlinie Gelb oder Rot verdiente. Für Gelb sprach, dass der Wolfsburger Verteidiger nicht oberhalb des Sprunggelenks getroffen wurde – hier zieht der DFB eine Grenze – und dass das Foul nicht mit voller Intensität ausgeführt wurde.

Dass die Grätsche mit den Stollen voraus erfolgte und der Brasilianer nicht sehen konnte, was auf ihn zukam, waren hingegen eher Argumente für einen Platzverweis. Der Referee entschloss sich letztlich zur geringeren persönlichen Strafe – was bei einer 50/50-Entscheidung zu einem so frühen Zeitpunkt der Partie gerade noch vertretbar war. Noch mehr Glück hatte der HSV in der 57. Minute, als sein Verteidiger Cléber Reis im Strafraum Dante von hinten einfach umstieß. Hier hätte es definitiv einen Elfmeter geben müssen, doch Stark konnte sich nicht zu einem Pfiff durchringen.

Ganz anders sein Kollege Guido Winkmann, der in der Begegnung zwischen Werder Bremen und dem 1. FC Köln nach 37 Minuten auf den Punkt zeigte, als der Ex-Kölner Anthony Ujah die Hände von Dominique Heintz kurz auf seiner Schulter spürte und daraufhin darniedersank. Immer häufiger nehmen Angreifer den geringsten Körperkontakt zum Anlass, um spektakulär zu fallen – vor allem in des Gegners Sechzehnmeterraum. So auch Ujah. Kein Vorwurf an die Schiedsrichter, für die es immer schwieriger wird, zu erkennen, ob eine Berührung wirklich ursächlich dafür ist, dass ein Spieler zu Boden geht. Den Strafstoß vergab Ujah schließlich. So etwas nennt man dann wohl ausgleichende Gerechtigkeit.

Osako mit Fair Play

Dass es in puncto Fair Play auch anders geht, hatte dabei nur vier Minuten zuvor der Kölner Yuya Osako gezeigt. Denn als die meisten im Stadion – auch Referee Winkmann – davon ausgingen, dass es der Bremer Alejandro Galvez war, der den Ball ins Toraus befördert hatte, und es deshalb einen Eckstoß geben muss, gab der Stürmer der Gäste auf Befragen des Unparteiischen infolge von Protesten der Hausherren zu, dass er die Kugel zuletzt berührt hatte. Winkmann korrigierte sich daraufhin und entschied auf Abstoß. Nachdem die Schiedsrichter in den vergangenen Wochen mehrmals keine hilfreichen Auskünfte bei Nachfragen an Spieler bekommen hatten, trug Osako nun wesentlich zu einer korrekten Entscheidung bei.

Ganz richtig lagen auch Schiedsrichter Jochen Drees und sein Assistent, als sie das Siegtor der TSG Hoffenheim gegen Hannover 96 anerkannten. Denn bei der Flanke von Kevin Volland befand sich der Torschütze Jonathan Schmid auf gleicher Höhe mit Hannovers vorletztem Abwehrspieler Marcelo. Dessen ausgestreckter Arm spielte bei der Antwort auf die Frage, ob eine Abseitsposition vorlag oder nicht, entgegen manch anderslautender Annahme übrigens keine Rolle. Denn entscheidend sind hier nur die Körperteile, mit denen ein Angreifer ein Tor üblicherweise regulär erzielen und ein Verteidiger einen Treffer verhindern kann. Die Hände und Arme gehören bekanntlich prinzipiell nicht dazu.

Bleibt noch die Frage zu klären, ob der Frankfurter Slobodan Medojevic für sein Einsteigen gegen Gonzalo Castro kurz vor der Pause des Spiels bei Borussia Dortmund tatsächlich mit einem Strafstoß und der Gelb-Roten Karte bestraft werden musste. Der Elfmeter war zweifellos vertretbar, denn der bereits verwarnte Medojevic hatte Castro eindeutig regelwidrig am Schuss gehindert. Ob dadurch auch ein erfolgversprechender Angriff (sprich: eine gute Torchance) unterbunden wurde – das ist die Bedingung für eine (wiederholte) Verwarnung –, darüber konnte man streiten. Einerseits hätte Castro ohne das Foul aus nur elf Metern abziehen können, andererseits hätten noch zwei bis drei Frankfurter einem Torerfolg im Weg gestanden. Letztlich sprach mehr gegen als für Gelb-Rot. Ob das am Ausgang des Spiels wirklich etwas geändert hätte, ist allerdings eine andere Frage.

Quelle: n-tv.de

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