Redelings Nachspielzeit

FC Bayern und BVB zeigen es Wie Profis ihre unheilvolle Macht nutzen

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Ob Favre schon weiß, wann sein letztes Stündlein beim BVB schlägt?

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

In Dortmund, Berlin oder Bochum herrscht Winterblues. Hilflos müssen die Fans mit ansehen, wie ihre Fußballklubs den Bach runtergehen. Mit ein Grund: die (neue) Macht der Spieler. Beim FC Bayern haben die Profis gerade unheilvoll demonstriert, wie einflussreich sie sind.

Einem Kollegen haben sie Freitagabend nach dem Spiel unseres VfL Bochum gegen den VfL Osnabrück (1:1) das Portemonnaie gezockt. Am nächsten Tag hat man es unweit der Lokalität, in der wir versucht hatten, das vorangegangene Spiel bei einigen Analysegetränken zu verarbeiten, wiedergefunden. Kohle, Ausweise, Geldkarten - leider war alles weg. Nur eins war noch da: seine Dauerkarte des VfL Bochum. Der Freund schrieb daraufhin in die Runde: "Ker. Was soll uns das bloß sagen?"

Ehe man das populistisch ausbreitet, muss man natürlich konstatieren: der Vergleich mit den anderen Gegenständen hinkt etwas. Was soll der Dieb schließlich mit einem personalisierten Sitzplatz? Aber leider passt die Geschichte zu schön in die momentane Gemütslage der Fans unseres Vereins. Enttäuschte Hilflosigkeit macht sich gerade mal wieder breit. Winterblues auf voller Lautstärke. Oder anders ausgedrückt: Wir können uns im Augenblick nicht mehr wirklich vorstellen, dass jemals wieder die Sonne über unserem wunderschönen Ruhrstadion für uns scheinen wird. Der allgemeine Tenor in der Tristesse ist eindeutig: Die Mannschaft ist ein Sauhaufen und die Führung des Vereins eine einzige Katastrophe. Gewohnte Töne des Niedergangs: alles Scheiße, alles doof.

Was soll ich sagen? Es sind die normalen Gefühlsregungen eines Fußballanhängers auf der "Achterbahnfahrt der Emotionen" nach unten, die uns gerade die Laune verhageln. Kennen alle Fans – mal mit mehr, mal mit weniger Herzbeben. Allgemeine Hilflosigkeit bestimmt den Alltag. Man ist dem Treiben komplett ausgeliefert. Gelähmt muss man mit ansehen, wie der eigene Klub mit Höchstgeschwindigkeit gegen die Wand rast. Und man kann einfach nichts tun. Einzig ein Funke Hoffnung an den Anstand und das Gute im Spieler bleiben. Es ist, wie es seit Anbeginn des Profifußballs immer war. Im Grunde hat sich nicht viel verändert. Doch man wird das Gefühl nicht los, dass die immer noch zunehmende Macht der Spieler die Karussellfahrten in die eine oder in die andere Richtung in den letzten Jahren noch rasanter gestaltet hat.

Schon vor 50 Jahren geht's ähnlich zu

Ein Blick zurück. Saison 1968/69. Eine Spielzeit zuvor war der 1. FC Nürnberg sensationell Meister der Fußball-Bundesliga geworden. Nun kämpfte man gegen den Abstieg. Doch eigentlich konnte von "Kampf" gar keine Rede mehr sein. Denn folgende Unglaublichkeit hatte sich abgespielt: Nürnbergs Vorsitzender Walter Luther ahnte spätestens am Vorabend des Spiels der "Clubberer" gegen Borussia Dortmund am 33. Spieltag, dass das mit dem Klassenerhalt des Klubs schwierig werden würde. Kapitän Luggi Müller war zu Luther nach Hause gekommen und hatte vom Präsidenten eine sechsstellige Summe gefordert. Würde diese nicht gezahlt, sehe sich die Mannschaft außerstande, am folgenden Tag mit vollem Einsatz zu spielen. Ein Sieg, so Müller, sei unter diesen Umständen natürlich nicht möglich. "Nach diesem Gespräch war mir klar, dass die meisten Spieler mit ihrem Herzen längst nicht mehr beim 1. FC Nürnberg waren", sagte der Vorsitzende und rechnete mit dem Schlimmsten. Und so kam es tatsächlich auch. Am nächsten Tag spielte der Klub nur unentschieden gegen den BVB und stieg eine Woche später – genauso sensationell wie man ein Jahr zuvor Meister geworden war – ab.

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Niko Kovac war (auch) ein Opfer seiner Spieler.

(Foto: imago images/Eibner)

Die Macht der Spieler über ihren eigenen Verein gab es also schon immer, doch es ist – ohne Frage – spätestens nach dem Bosman-Urteil schleichend immer schlimmer geworden. Die Leidtragenden: Trainer, Klubbosse und vor allem natürlich die Fans der Vereine. Und dass dieses Phänomen völlig unabhängig vom Tabellenplatz und Status der jeweiligen Klubs ist, zeigen die aktuellen Entwicklungen und Ereignisse in München und Dortmund. Geradezu erschreckend im Rückblick, wie die Mannschaft des FC Bayern systematisch und kalkuliert die Trennung von ihrem wenig geliebten Trainer Niko Kovac vorangetrieben hat.

Marktwert zählt (noch) mehr

Angesichts des sichtbaren Erfolgs der Kollegen in der bayerischen Landeshauptstadt ist es fast schon verständlich, dass die Spieler des BVB mit allen Mitteln die Ablösung ihres Coachs Lucien Favre forcieren. Der einseitige Nichtangriffspakt gegen den SC Paderborn am vergangenen Freitag in der ersten Halbzeit hätte normalen Arbeitnehmern in der freien Wirtschaft vermutlich den Job gekostet. Da Profifußballer so etwas in der Regel nicht zu befürchten haben, werden die kleinen Ego-AGs am Mittwoch in Barcelona (21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) vermutlich wieder ganz anders auftreten und ihrem Trainer im Topspiel sogar eine kleine Verschnaufpause gönnen – schließlich geht es in solchen Partien von überregionaler Bedeutung immer auch um den eigenen Marktwert, den man selbstverständlich nicht gefährden möchte.

Was dann am Wochenende geschieht, liegt einzig und alleine im Ermessen der Herren Profis. Man darf gespannt sein, wie weit sie den Bogen noch überspannen müssen, bevor sie die BVB-Führung endlich erlöst. Dass die Mannschaft das schändliche Spielchen am Ende gewinnen wird, ist keine Frage. Nur der Zeitpunkt der Ablösung von Lucien Favre ist noch ungewiss. Der einzige Trost für die Anhänger der Borussia sollte sein, dass es nicht wie bei anderen Klubs mit ähnlichen Problemen um das nackte Überleben geht.

Der Kollege mit dem geklauten Portemonnaie wird übrigens schon Samstag gegen Erzgebirge Aue (13 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) wieder im Stadion sein. Und auch in der nächsten und übernächsten Saison wird er seinen Platz einnehmen. Zu einem Zeitpunkt, wenn vermutlich 80 Prozent der aktuellen Akteure des Vereins bereits lange für einen anderen Klub die Schuhe schnüren. Denn die Macht der Spieler liegt vor allem in einer entscheidenden Sache begründet: Sie können jederzeit weg – während die Fans bleiben (müssen).

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Quelle: n-tv.de

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