Sport
Die Fanmeile in Moskau wird wieder abgebaut. Der Alltag hält Einzug in russischen Wohnzimmer - oder doch nicht?
Die Fanmeile in Moskau wird wieder abgebaut. Der Alltag hält Einzug in russischen Wohnzimmer - oder doch nicht?(Foto: imago/ITAR-TASS)
Montag, 16. Juli 2018

Eine fiktive Geschichte: So geht's nach der WM in Russland weiter

Von Katrin Scheib, Moskau

Schluss, Aus, конец: Die Fußball-Weltmeisterschaft ist vorbei. Die letzten Fans reisen ab, in den Stadien wird einmal feucht durchgewischt, der Rasen kann sich erholen. Und dann? Ein tausendprozentig realistischer Blick in die russische Zukunft, die garantiert ganz genau so und nicht anders eintreten wird.

Montag, 16. Juli 2018

In Nischni Nowgorod kriegt der vierjährige Aljoscha Sokolow einen Tobsuchtsanfall, weil sein Vater Ilja seine Polizeimütze zurück verlangt. Um sich als autoritäter Staat mit menschlichem Antlitz zu präsentieren, waren zahlreiche russische Polizisten während der Weltmeisterschaft in Zivil unterwegs gewesen: Stonewashed-Jeans, weißer Seidenblouson, ganz unauffällig. Nun muss Aljoschas Papa wieder in Uniform zur Arbeit. Zum Trost verspricht er seinem Sohn, abends nach der Arbeit noch eine Runde "Ungenehmigte Demonstration auflösen" mit ihm zu spielen.

Mittwoch, 18. Juli 2018

Unter der Sitzbank in einem Zug der Ringbahnlinie wird Dave C. aus Birmingham gefunden. Er gibt an, am Tag des Spiels um Platz 3 nach dem ein oder anderen Bier in die Moskauer Metro eingestiegen, dort eingeschlafen und gerade erst wieder aufgewacht zu sein. Freundliche Volunteers bringen ihn zum Flughafen und setzen ihn in den Flieger, Moskauer Lokalmedien schreiben launige Texte über den letzten Fan, der das Land nun verlassen hat. Kurz darauf sind die ersten Metro-Mitarbeiterinnen zu sehen, die mit den Fingernägeln die "We speak English"-Schilder von ihren Kassenhäuschen knibbeln.

Donnerstag, 19. Juli 2018

Die WM endet, die Party auf der Nikolskaja-Straße geht weiter.
Die WM endet, die Party auf der Nikolskaja-Straße geht weiter.(Foto: imago/Matthias Koch)

Nun, da alle WM-Besucher Moskau verlassen haben, soll Schluss sein mit der nächtlichen Feierei auf der Nikolskaja-Straße. Einziges Problem: Den Moskauern ist ihre neue Partymeile neben dem GUM ans Herz gewachsen. Mit guter Laune und viel Ausdauer tanzen sie unter der bunten Lichterdeko weiter und weiter - auch, als die Sicherheitskräfte versuchen, die Straße zu räumen. Bürgermeister Sergej Sobjanin wird über die Lage informiert, denkt an seine Hoffnung, im Herbst wiedergewählt zu werden, und gibt Anordnung, die Feiernden feiern zu lassen.

Samstag, 28. Juli 2018

Die russische Liga boomt dank der WM. Volle Hütte in allen Stadien - selbst beim FK Ural.
Die russische Liga boomt dank der WM. Volle Hütte in allen Stadien - selbst beim FK Ural.(Foto: imago/ITAR-TASS)

In der russischen Premjer-Liga beginnt bei bestem Sommerwetter die neue Saison, und die Veranstalter trauen ihren Augen kaum: Alle Spiele sind ausverkauft, die Stadien voll bis zum Anschlag - kein Vergleich zur eher mittelprächtigen Auslastung vor der WM. Nicht nur in den Metropolen wie Moskau oder St. Petersburg, selbst beim Match zwischen dem FK Ural und Anschi Machatschkala bleibt kein einziger Platz frei. In den Redaktionen des Landes werden bereits Fotostrecken gebastelt und Kommentare über das "Wunder von 2018" verfasst, doch nach der Halbzeit bietet sich ein völlig anderes Bild: Viele Plätze sind wieder leer. Bei VKontakte häufen sich in den nächsten Stunden Posts enttäuschter Fans, die erfahren haben, dass das mit dem Bierverkauf im Stadion eine WM-Ausnahme war. In der Liga gibt es weiterhin nur Alkoholfreies.

Mittwoch, 1. August 2018

Der Anzug sitzt, die Aktentasche steht parat. Witali Mutko zieht vor dem Spiegel noch einmal seinen Schlips zurecht. Nach seiner Sperre durch die Wada hatte er sich während der WM brav aus dem Rampenlicht herausgehalten. Ein Zugeständnis, zeitlich befristet – und hiermit abgeschlossen. Mutko greift nach der Aktentasche. Heute wird er mal ganz unverbindlich beim Training seiner Nationalmannschaft vorbeischauen. Es wird Zeit.

Freitag, 3. August 2018

Sabiwaka - das witzige Maskottchen der WM gab's auch in Statuenform. nur wohin damit?
Sabiwaka - das witzige Maskottchen der WM gab's auch in Statuenform. nur wohin damit?(Foto: imago/ITAR-TASS)

Der Moskauer Museon-Park, in dem ausrangierte Statuen aus der Sowjetzeit stehen, bekommt eine Erweiterung. Das neue Gelände ist mehrere Fußballfelder groß. Auf ihm werden nun alle Sabiwaka-Figuren geparkt, die während der WM in den Innenstädten der Austragungsorte standen und nun nicht mehr gebraucht werden.

Freitag, 4. Oktober 2018

In Jekaterinburg sind die Umbauarbeiten am Stadion abgeschlossen. Wie diverse andere Stadien war es in seiner WM-Version zu groß für den russischen Ligabetrieb. Darum sollten die beiden extra für die WM angebauten Außentribünen abgerissen werden. Letztlich entschied sich die Stadtverwaltung dann aber doch für einen anderen Weg: Sie riss das Stadion ab und ließ stattdessen nur die zwei Tribünen stehen. Sie sollen nun einmal im Jahr bei der Maiparade zum Einsatz kommen.

Dienstag, 25. Dezember 2018

Artjom und Igor - die Vornamen der WM-Helden werden auch wohl allen Neugeborenen zuteil.
Artjom und Igor - die Vornamen der WM-Helden werden auch wohl allen Neugeborenen zuteil.(Foto: imago/ITAR-TASS)

Die staatliche Statistikagentur Rosstat stellt ihre Bilanz fürs zweite Halbjahr 2018 vor. Demnach war der Einfluss der Fußball-Weltmeisterschaft auf das russische Wirtschaftswachstum zwar gering, dafür schlägt sich das Turnier anderswo nieder: 78 Prozent der zwischen Juli und Dezember geborenen Jungen heißen nun "Igor", die restlichen 22 "Artjom". Ein anderer Trend betrifft vor allem St. Petersburg und Moskau: Weil der russische Nationaltrainer mit Glatze und Schnauzbart zum Influencer geworden ist, musste bereits ein Drittel aller Hipster-Vollbart-Barbiere dichtmachen.

Sonntag, 11. März 2019

Die kommunistische Duma-Abgeordnete Tamara Pletnewa bringt in einem Moskauer Krankenhaus ein gesundes Mädchen zur Welt. Das ist nicht nur deshalb interessant, weil Pletnewa bereits mehr als 70 Jahre als ist: Die neugeborene Tochter der Politikerin, die vor der WM Russinnen vor Sex mit ausländischen WM-Besuchern gewarnt hatte, ist schwarz.

Freitag, 3. Juli 2020

Im Krestowskij-Stadion in Sankt Petersburg wird das erste Viertelfinale der Fußball-Europameisterschaft angepfiffen, vor ausverkauften Rängen. Russland spielt gegen England. Irgendwo unter den Fans sitzt Ilja Sokolow, natürlich in Zivil. Auf der VIP-Tribüne gegenüber kann er so gerade Witali Mutko ausmachen. Ein Blick in den russischen Fanblock zeigt: Der 2018er zum Tschertschessow-Look mit Glatze und Schnurrbart hat nachgelassen - wer heute noch so rumläuft, tut das höchstens ironisch. Immerhin: Am Getränkestand gibt es richtiges Bier. Der Schiedsrichter pfeift an.

Quelle: n-tv.de