Wirtschaft

Monarchie wirbt um Investoren Alle reden übers Öl, nur die Saudis nicht

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Ölwirtschaft? In Saudi-Arabien? Regierungsvertreter versuchen, den Eindruck zu erwecken, die Abhängigkeit vom Öl sei bereits überwunden.

(Foto: REUTERS)

Saudi Arabien will das Loch, dass der Ölpreisverfall gerissen hat, erstmals mit Anleihen auf dem internationalen Kapitalmarkt stopfen. Regierungsvertreter werben mit Wirtschaftsreformen bei Investoren. Deren wichtigster Frage weichen sie aber aus.

Von ihren großen Plänen, die Wirtschaft der Ölmonarchie zu transformieren, erzählen die saudischen Regierungsvertreter. Sie versprechen, das riesige Haushaltsloch durch Einsparungen schon bis 2020 zu stopfen und gleichzeitig die Privatwirtschaft anzukurbeln, sodass die Abhängigkeit vom Öl bald überwunden wird. Die neue Führungselite des Landes mit dem 31-jährigen Vizekronprinz Mohammed bin Salman an der Spitze, so die Botschaft der Delegierten vor potenziellen Investoren in London, New York, Los Angeles und Bosten, richte die gesamte Finanz- und Wirtschaftspolitik des Wüstenstaates neu aus.

Rohöl (WTI)
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Teilnehmer der Werbeveranstaltungen, die in diesen Tagen Saudi-Arabiens ersten Versuch begleiten, Geld auf dem internationalen Finanzmarkt einzusammeln, nehmen die Schilderungen Berichten zufolge wohlwollend auf. Doch dann kommt stets dieselbe Nachfrage: "Und was ist mit dem Ölpreis?"

Die saudischen Vertreter bleiben allerdings, wie Teilnehmer der "Financial Times" und "Bloomberg"  berichten, eine Antwort schuldig. Auf welchen Annahmen zur Entwicklung des Ölpreises ihre hochfliegenden Pläne basieren, können oder wollen sie nicht sagen. Für potenzielle Käufer der Anleihen, mit denen Saudi-Arabien zwischen 10 und 15 Milliarden Dollar einnehmen will, bleibt das allerdings die wichtigste Frage.

Für Saudi-Arabien ist es ein Novum. Noch nie musste das Land wie fast alle anderen Staaten Anleihen auf dem internationalen Kapitalmarkt begehen. Mit der Ausgabe der Staatsanleihen, deren Preis und Umfang morgen offiziell festgelegt werden soll, wird das Königreich finanziell ein Stück weit zu einem normalen staatlichen Akteur am globalen Finanzmakrt. Doch vor dem Debut muss die Regierung Investoren überzeugen, dass sie nicht nur willig, sondern auch wirklich in der Lage ist, die Schulden zurückzuzahlen. Und das hängt aus Sicht der Profianleger vor allem vom einem Faktor ab, über den die Saudis nicht gern reden: vom Ölpreis.

Krieg im Jemen als Finanzrisiko

Der Fall des Ölpreises seit 2014 von über 100 US-Dollar auf zeitweise unter 30 Dollar Anfang dieses Jahres hat nicht zur Saudi-Arabiens Einnahmen einbrechen lassen, sondern auch gezeigt, dass die in guten Zeiten aufgebauten Reserven endlich sind. Auf den Rückgang der Öleinnahmen um fast 70 Prozent reagierte die Regierung in Riyadh, indem sie ihren Haushalt um nahezu ein Fünftel zusammenstrich. Gleichzeitig ist das Defizit auf über 13 Prozent der Wirtschaftsleistung angeschwollen. Dafür musste die Zentralbank bereits einen Teil ihrer in Boomzeiten aufgebauten Währungsreserven hergeben, und gleichzeitig ist Saudi-Arabien dabei, sich erstmals seit Jahrzehnten ernsthaft zu verschulden.

Nach eigener Darstellung hat die saudische Regierung alle diese Probleme im Griff. Sie verweist unter anderem darauf, dass sie bislang kaum Verbindlichkeiten hat. Selbst langfristig solle die Schuldenquote nicht über die im internationalen Vergleich moderate Marke von 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Einen zusätzlichen dreistelligen Milliardenbetrag soll der Börsengang des staatlichen Erdölkonzerns Aramco im kommenden Jahr einbringen. Und vor allem verweisen Regierungsvertreter immer wieder auf den ambitionierten Plan "Vision 2030", mit dem der junge Vizekronprinz die Wirtschaft Saudi-Arabiens umkrempeln will.

Ob das so gelingt, ist alles andere als sicher. Skeptiker verweisen unter anderem auf die Person Mohammed bin Salmans, der nicht nur Saudi-Arabiens wirtschaftliche Erneuerung verantwortet, sondern gleichzeitig auch Verteidigungsminister ist. In dieser Funktion führte der vom deutschen Geheimdienst BND als unberechenbarer Heißsporn beschriebene Politiker das Königreich unter anderem in den schon mehr als ein Jahr andauernden Jemen-Krieg.

Auch wenn Anleiheinvestoren die politischen und humanitären Konsequenzen von Kriegen meist ausblenden, stellt die Intervention des saudischen Militärs im Nachbarland Jemen für sie ein finanzielles Risiko dar. "Das saudische Engagement in Jemen und Syrien bedeutet höhere Ausgaben für die Regierung", zitiert Bloomberg einen Fondsmaganger. Das sei für den Anleiheverkauf gar nicht hilfreich.

Investoren haben nur "halbes Bild"

Hartnäckiges Nachfragen des Publikums auf den Werbeveranstaltungen zeigt jedoch, dass die Investoren das größte Risiko in der Entwicklung des Ölpreises sehen. Dass sich Saudi-Arabien in den angestrebten Laufzeit der nun angebotenen Anleihen von 5, 10 und 15 Jahren tatsächlich aus seiner Öl-Abhängigkeit befreien kann, glaubt offenbar kaum jemand. Da die Saudis nicht offenlegen wollen, welchen Ölpreis sie ihren Planungen zugrunde legen, könnten sich die Investoren nur ein "halbes Bild" davon machen, so ein anderer potenzieller Investor.

Trotz aller Skepsis ist das Interesse an den saudischen Schuldpapieren dennoch hoch. Das liegt unter anderem in der derzeit boomenden Nachfrage nach Schwellenländer-Anleihen. Selbst Argentinien, vor kurzem noch ein Paria auf den internationalen Finanzmärkten, konnte dieses Jahr Anleihen mit dem Rekordvolumen von 16,5 Milliarden Dollar platzieren. Doch Investoren werden sich das Risiko, dass sie in den saudischen Papieren sehen, bezahlen lassen. Die Verzinsung dürfte nicht nur deutlich über der etwa für amerikanische Staatsanleihen liegen, sondern auch über den Papieren anderer Golfmonarchien, die sich aufgrund einbrechender Ölexporte jüngst Geld auf dem Kapitalmarkt besorgen mussten.  

Quelle: ntv.de

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