Wirtschaft
Palastwachen des saudischen Königs Salman: Die Golfstaaten könnten den Ölmarkt dominieren wie lange nicht mehr, warnt die IEA.
Palastwachen des saudischen Königs Salman: Die Golfstaaten könnten den Ölmarkt dominieren wie lange nicht mehr, warnt die IEA.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 10. November 2015

Die Scheichs sitzen am Drücker: Der Westen bleibt abhängig von Krisen-Öl

Von Hannes Vogel

Mit dem Fracking-Boom wollten sich die USA aus der Abhängigkeit vom Öl der Golfstaaten befreien. Doch daraus wird nichts: Die Saudis gewinnen den Ölkrieg, sagt die Internationale Energieagentur. Und der Westen bleibt am Tropf.

Die niedrigen Ölpreise könnten auf Dauer die Sicherheit der Energieversorgung gefährden, warnt die Internationale Energieagentur (IEA). Die Welt werde zunehmend von einer kleinen Zahl von krisengefährdeten Nahostländern abhängig, die Öl besonders günstig fördern könnten, schreibt die IEA in ihrem diesjährigen "World Energy Outlook". Sollten die Preise niedrig bleiben, könnte die Welt so abhängig von Nahost-Exporten wie zuletzt in den 70er Jahren werden.

"Jetzt ist nicht die Zeit durchzuatmen", sagte IEA-Chef Fatih Birol. "Eine Phase niedriger Ölpreise ist der Moment, unsere Fähigkeiten zu verstärken mit künftigen Bedrohungen der Energiesicherheit umzugehen". Besonders China und Indien seien verwundbar, weil sie die größten Ölverbraucher sind, warnt die IEA. Bis 2040 werden Chinas Ölimporte fast fünfmal so hoch seien wie die der USA, Indiens Einfuhren locker größer als die der EU, sagen die Experten voraus.

Die Golfstaaten versuchen seit langem, unliebsame neuen Konkurrenten in den USA, die schwer zugängliche Ölvorkommen mit der umstrittenen Fracking-Methode fördern, mit Preisdumping in die Pleite zu treiben. Dafür halten sie über das OPEC-Kartell den Ölpreis künstlich niedrig, und hoffen, dass die US-Firmen aufgeben müssen, weil sie nicht mehr gewinnbringend produzieren können.

"Keine kostenlose Versicherung mehr"

Diese Dumping-Strategie geht auf, schreibt die IEA. Falls der Ölpreis bis 2020 unter 60 Dollar je Barrel bleibt und keine revolutionären Bohrtechniken entdeckt werden, werde die US-Ölförderung wahrscheinlich erheblich zurückgehen. Falls der Preis bis 2020 auf 80 Dollar je Barrel steigt, werde sie wieder anziehen. Ein weiter Weg: Zurzeit liegt er bei unter 50 Dollar. Auch eine jahrzehntelange Billiöl-Phase sei aber nicht ausgeschlossen. Dabei würden sich die Preise bis in die 2020er Jahre zwischen 50 und 60 Dollar einpendeln und erst bis 2040 wieder auf 85 Dollar steigen. Dafür müsste die Wirtschaft künftig aber nur schleppend wachsen und die Golfstaaten stabil bleiben, schreibt die IEA.

Auch jüngste Daten der US-Energiebehörde EIA hatten kürzlich gezeigt, dass die USA den Ölkrieg verlieren. Und auch die britische "Financial Times" (FT) hatte am Wochenende berichtet, dass die Saudis keinerlei Anstalten machen aufzugeben. "Hier hat es keinerlei Überlegungen gegeben die Produktion zu drosseln, jetzt wo wir den Schmerz spüren", zitierte die "FT" den Chef der staatlichen Ölfirma Saudi Aramco. "Öl für 100 Dollar wurde als Garantie für risikolose Investitionen wahrgenommen. Diese Versicherung, die Saudi-Arabien umsonst bereitgestellt hat, gibt es jetzt nicht mehr".

Trotzdem sind die Belastungen durch den Preisrutsch auch für die Golfstaaten massiv. Die fallenden Preise würden die höheren Einnahmen der Nahostländer durch wachsende Fördermengen mehr als auffressen, konstatiert die IEA. Die Löcher in den Haushaltskassen der Scheichs wachsen. Je länger der Preiskampf dauere, desto wahrscheinlicher werde eine massive Preisexplosion in der Zukunft, warnt die IEA.

Ökostrom überholt Kohlestrom

Die größten Gewinner des Konflikts werden laut IEA der Iran und der Irak sein. Mit dem Ende der westlichen Sanktionen könnte sich die Förderung im Iran auf 5,4 Millionen Barrel täglich erhöhen. Im Irak könnte sie sich bis 2040 sogar verdoppeln. Auch für die Verbraucher ist der Preiskampf ein Segen. Den Preis dafür zahlt aber die Umwelt. Laut IEA werden Erneuerbare Energien durch das Billigöl unattraktiver. Gleichzeitig wird der weltweite Energieverbrauch bis 2040 um fast ein Drittel zulegen. Wenn die Politik untätig bleibt, wird der Ölkrieg die CO2-Emissionen anheizen.

Ein wenig Hoffnung fürs Klima gibt es allerdings: Erneuerbare Energien werden bis Anfang der 2030er Jahre Kohle als größten Stromlieferanten ablösen. Bis 2040 wird Ökostrom in der EU die Hälfte der Erzeugung ausmachen. In China und Japan soll die Ökostromquote bis dahin auf rund 30 Prozent steigen, in den USA und Indien auf über 25 Prozent.

Obwohl sich der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase dramatisch verlangsamt, wird die weltweite Durchschnittstemperatur bis 2100 aber immer noch um 2,7 Grad Celsius ansteigen. Um die vereinbarten Klimaziele zu erreichen, sei immer noch eine dramatische Kurskorrektur nötig, warnt die IEA. Dafür sei der Pariser Klimagipfel Anfang Dezember entscheidend. "Als größte Quelle der Treibhausemissionen muss der Energiesektor im Zentrum des globalen Bemühens gegen den Klimawandel stehen", forderte IEA-Chef Birol.

Quelle: n-tv.de