Wirtschaft

Wie groß ist das Kapitalloch? Deutsche Bank steht vor Stress-Woche

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Vorstandschef John Cryan will den Kapitalaufbau aus eigener Kraft schaffen.

(Foto: dpa)

Tage der Wahrheit für Deutschlands größtes Geldhaus bahnen sich an: Besonders der europaweite Stresstest wird Klarheit bringen, wie stabil die Deutsche Bank bei neuen Marktturbulenzen wäre. Die Frage nach dem Eigenkapital steht dabei im Fokus.

Der Deutschen Bank steht eine heiße Woche bevor. Am kommenden Mittwoch legt Deutschlands größtes Geldhaus seine Quartalszahlen vor und zwei Tage später werden die Ergebnisse des europaweiten Stresstests der Branche erwartet. Großen Investoren der Bank ist schon jetzt mulmig zumute. "Kapital ist nach wie vor ein Thema bei der Bank und der Stresstest wird mehr Klarheit bringen, wie groß das Loch ist", sagt einer der zehn größten Aktionäre.

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Im Mittelpunkt steht die Frage, ob die laut IWF gefährlichste Bank der Welt beim Abbau ihrer Bilanzrisiken und beim Aufbau von Eigenkapital schnell genug vorankommt, um neue Marktturbulenzen abfedern zu können. Das ist schon längst keine theoretische Überlegung mehr: Die Wirtschaft in Europa schwächelt, außerdem braut sich auf dem Kontinent ausgehend von Italien gerade eine neue Bankenkrise zusammen.

Vorstandschef John Cryan wird nicht müde zu betonen, dass eine weitere Kapitalerhöhung für die Deutsche Bank derzeit kein Thema sei - obwohl die Kapitalquote zuletzt sogar schrumpfte, auf 10,7 von 11,1 Prozent. Das ist deutlich weniger, als die Bankenaufseher mittelfristig sehen wollen und weit weg von den 12,5 Prozent, die das Institut selbst anpeilt.

Absturz des Aktienkurses verengt Spielraum für Cryan

Cryan will den Kapitalaufbau aus eigener Kraft schaffen, vor allem indem die Bank abspeckt. Aber das dauert. Um den Anlegern frisches Geld zu entlocken, fehlten im Moment auch schlicht die Argumente, räumte er erst vor kurzem ein. Vor allem aber spricht der Absturz der Aktie dagegen: Sie notiert bei knapp 13 Euro. Allein seit Cryans Amtsantritt am 1. Juli 2015 hat das Papier noch einmal mehr als die Hälfte eingebüßt, deutlich mehr als der europäische Bankenindex. Die gesamte Deutsche Bank wird an der Börse noch mit 18 Milliarden Euro bewertet.

Die großen Ratingagenturen setzen ein immer größeres Fragezeichen hinter den Umbau. "Wir sehen ein Risiko, dass es für die Deutsche Bank eine Herausforderung sein könnte, ihre Ziele im Rahmen der 'Strategie 2020' zu erreichen, wenn das operative Umfeld so widrig bleibt", warnten die Analysten von S&P in dieser Woche und versahen das ohnehin schon mittelmäßige "BBB+"-Rating des Instituts kurzerhand mit einem negativen Ausblick.

Dass die Zahlen zum zweiten Quartal für großen Aufwind sorgen, erwartet niemand. "Die Deutsche Bank wird noch lange mit Aufräumen beschäftigt sein, da machen wir uns keine Illusionen", sagt ein anderer Top-10-Investor. "Aber zumindest bei den angekündigten Kostensenkungen müsste man jetzt langsam Fortschritte sehen." Im Schnitt erwarten Analysten einen Nettogewinn von elf Millionen Euro. Das geht aus Schätzungen hervor, die die Bank auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat. Im Vorjahreszeitraum waren es noch fast 800 Millionen Euro. Unberechenbar bleiben jedoch die Sonderbelastungen, die regelmäßig ins Kontor schlagen.

Rivalen haben die Latte hochgelegt

Messen lassen will sich die Deutsche Bank an ihrem Kerngeschäft Investmentbanking, insbesondere dem Handel. Und hier haben die großen US-Rivalen die Latte hoch gelegt. Im wichtigen Geschäft mit festverzinslichen Wertpapieren, Devisen und Rohstoffen präsentierten JP Morgan, Goldman Sachs und Co für die Frühjahrsmonate Wachstumsraten im zweistelligen Prozentbereich. Vor allem kurz nach dem Votum der Briten für einen EU-Ausstieg Ende Juni war die Volatilität an den Märkten groß.

Dass davon vor allem die gut kapitalisierten Wall-Street-Häuser profitieren konnten, überrascht Branchenexperten nicht. Denn die US-Institute haben die Finanzkrise längst hinter sich gelassen, während die Europäer noch immer Altlasten mit sich herumschleppen. Wie gravierend die Unterschiede inzwischen sind, hat das Analysehaus Tricumen ausgerechnet: 2007 fuhren die acht größten europäischen Banken mit dem Handel von Anleihen, Devisen und Rohstoffen noch Einnahmen von 48 Milliarden Dollar ein, die fünf größten US-Banken kamen auf 38 Milliarden. Im vergangenen Jahr schafften die Europäer noch 26 Milliarden Dollar, die US-Häuser dagegen 43 Milliarden. Ähnlich ist der Trend im Beratungsgeschäft. "Ich gehe davon aus, dass die europäischen Banken weiter Marktanteile an die Amerikaner verlieren", sagt Tricumen-Analyst Darko Kapoor.

Die Deutsche Bank warnt regelmäßig vor diesem Szenario. Europa brauche eine globale Bank, damit Unternehmen diesseits des Atlantiks bei Kapitalmarktgeschäften nicht zu abhängig von US-Banken seien, lautet das Mantra. Die Rolle des europäischen "Champion" schreiben sich die Frankfurter gerne selbst zu. Das Stresstest-Zeugnis am 29. Juli wird zeigen, ob sie sich ihre Ambitionen auch leisten können.

Quelle: ntv.de, Kathrin Jones, rts