Wirtschaft

Frankfurt vs. Berlin Deutsche Städte kämpfen um die "Brefugees"

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Schnellstarter: Als andere den Ausgang des Referendums noch gar nicht fassen konnten, war die Frankfurter Werbekampagne bereits angelaufen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eine Berliner Senatorin verschickt E-Mails, Frankfurt wirbt mit einer generalstabsmäßig vorbereiteten Kampagne: Alle wollen die hochqualifizierten Banker anlocken, die London verlassen könnten - manchen macht das Angst.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier fühlte sich noch genötigt, sein Werben für den Standort Frankfurt zu verteidigen. Er wolle keinesfalls als "Leichenfledderer" dastehen, sagte er, bevor er sich vergangene Woche dafür einsetzte, die Europäische Bankenaufsicht (EBA) von London in Hessens Finanzmetropole zu holen. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten deutschen Politiker noch damit beschäftigt, zu betonen, welcher Verlust das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU für beide Seiten bedeute. Die EBA wird London im Zuge des Brexit verlassen müssen. Bouffier warb in Brüssel dafür, die Behörde in Frankfurt anzusiedeln.

Andere hatten die Trauerphase allerdings viel schneller abgeschlossen und waren im Wettlauf um die britische EU-Konkursmasse bereits vorgeprescht. Während sich Hessens Landesvater noch wandt, um nicht als Profiteur der Katastrophe zu erscheinen, hatten einige Mitarbeiter internationaler Unternehmen in London längst eine Mail der Berliner Senatorin für Wirtschaft, Cornelia Yzer, im Postfach. Betreff: Die Vorzüge des Standorts Berlin.

Der genaue Inhalt und die Adressaten der E-Mails sind laut Yzers Behörde vertraulich. Ihr Sprecher Benno Müchler verrät nur so viel: Es seien gezielt "multinationale Unternehmen" angesprochen worden, bei denen anzunehmen sei, dass sie nach dem Brexit einen Sitz innerhalb der EU haben möchte. Inhaltlich hätten die Schreiben vor allem Berlins Vorteile als Hauptstadt der größten europäischen Volkswirtschaft und die Internationalität der Stadt hevorgehoben und dass Berlin bereits wichtigster europäischer Standort für junge, innovative Start-ups sei.

Das Image zählt

In den kommenden Wochen sollen mehr als hundert weitere Briefe nach Großbritannien geschickt werden. Im Werben um die britischen Unternehmen, die künftig ein Standbein auf dem Kontinent brauchen, sei ein intensiver "Wettbewerb" entbrannt, so Müchler gegenüber n-tv.de. Berlin sei für hochqualifizierte Mitarbeiter etwa in Londons Start-ups und Banken hochattraktiv, müsse seine Vorteile aber eben auch aktiv bewerben.

Doch auch Yzer war keineswegs die erste, die sich bei den Briten meldete. "15 Minuten nach der Verkündung des Ergebnisses waren unsere Social-Media-Kampagne und unsere Website online, die sich speziell an Mitarbeiter der britischen Finanzindustrie richten", sagt Hubertus Väth. Er ist Geschäftsführer von "Frankfurt Main Finance" einer Initiative von Wirtschaft und Politik zur Förderung des Finanzstandortes Frankfurt. Gemeinsam mit der örtlichen Wirtschaftsförderung und der Standortmarketinggesellschaft FRM hatte sich die Initiative seit Monaten auf diesen Moment vorbereitet, von dem andere glaubten, er würde niemals eintreffen. Zum Frankfurter Werbeprogramm gehört zudem eine neue Hotline, eine Roadshow - Informationsveranstaltungen in London – soll folgen.

Studien zufolge könnten allein in der Finanzindustrie mehrere Zehntausend Jobs aus London in die EU verlegt werden. Mit ihrer Werbeoffensive wollen die Frankfurter sich davon möglichst viele sichern. Zwar ist Frankfurt nicht nur als Sitz der Europäischen Zentralbank und zahlreicher Finanzdienstleister eine gewissermaßen natürliche Alternative zu London, doch der Wettbewerb ist hart. "Wir werden mit London, Paris oder Berlin verglichen", sagt Väth. Er preist Frankfurt gegenüber der anspruchsvollen Zielgruppe darum nicht nur als boomenden Wirtschaftsstandort an. "Das Image spielt eine große Rolle." Vor allem über soziale Medien gelte es, das Vorurteil zu widerlegen, dass in Frankfurt "nichts los" sei. Zumindest bei diesem Standortfaktor habe Berlin mit seinem "Arm, aber sexy"-Image es leichter.

Grüne Soße soll weichen

Allerdings freuen sich nicht alle uneingeschränkt auf die möglichen neuen Investoren und Mitbürger aus Großbritannien. Vor allem in Frankfurt herrscht große Sorge, dass eine fünfstellige Zahl gut verdienender Banker plus Familien die Mieten weiter in die Höhe treiben werden. "Man kann schon heute kaum noch von bezahlbarem Wohnraum in der Stadt sprechen", sagt Rolf Janßen, der Geschäftsführer des Mieterschutzvereins Frankfurt. Die Stadt hat nach München die zweithöchsten Mieten in Deutschland. "Allerdings liegen die Einkommen in Frankfurt deutlich niedriger", so Janßen.

Mieterschützer Janßen ist keinesfalls dagegen, dass Frankfurt und seine Wirtschaft weiter wachsen. "Wir leben ja nicht im Mittelalter, als man noch eine Zugbrücke vor der Stadt hochziehen konnte." Doch die "Brefugees" aus der Finanzindustrie verschärften die Lage auf dem Wohnungsmarkt mehr als andere Zuzügler, warnt Janßen. Denn sie verdienten nicht nur weit überdurchschnittlich. Für Auslandseinsätze erhielten Bankangestellte häufig auch noch hohe Mietzuschüsse. "Da kann auch eine Mittelstandsfamilie dann nicht mehr mithalten."

Hubertus Väth von Frankfurt Main Finance kennt diese Sorgen, hält die Probleme aber für lösbar. Viele der Neuankommenden würden wahrscheinlich ohnehin ins Umland ziehen. Zudem habe die lokale Politik genügend Mittel zur Verfügung, die Lage auf dem Wohnungsmarkt zu entspannen. In Frankfurt werde derzeit bereits so viel gebaut wie in kaum einer anderen Stadt, Platz genug für weitere Wohnungen sei da. So würden derzeit noch in unmittelbarer Nähe zu Stadt auf Feldern in Oberrad die Kräuter für Frankfurts berühmte Grüne Soße angebaut. "Wenn dort gebaut würde und die Grüne Soße von etwas weiter weg käme, würde das kaum jemand stören", schlägt Väth vor.

Quelle: ntv.de

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