Wirtschaft

Problemfeld Energiewende Die Windkraft steht unter Druck

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Mehr als 1000 Bürgerinitiativen gegen den Windkraftausbau gibt es bundesweit.

(Foto: picture alliance/dpa)

Statt Atomenergie und Kohle sollen in Deutschland erneuerbare Energien ausgebaut werden. So lautet zumindest das politische Ziel. Doch die Windbranche steckt zurzeit in einer schweren Krise, nicht zuletzt wegen des Widerstands von Bürgern.

Eigentlich ist es eine Idylle. Ein helles, freundliches Haus in einem kleinen Dorf, ein großer Garten mit freiem Blick auf die Felder. Wenn da nicht die Windräder wären. "Von den Dingern gehen viele gesundheitliche Gefahren aus - abgesehen davon, dass sie die Landschaft verschandeln", schimpft Stefan Hellert. "Die machen uns den Frieden und die Ruhe kaputt. Und die Gesundheit", sagt seine Frau Katrin Stoll-Hellert. "Die" - das ist die Windbranche mit einem aus Sicht der Gegner hoch subventionierten und rentablen Geschäft. Das ist die Politik, die den Ausbau der Windkraft vorantreibe, koste es was es wolle. Stefan Hellert ist Sprecher einer Bürgerinitiative in Carzig, einem Ortsteil der Gemeinde Fichtenhof im Brandenburger Landkreis Märkisch-Oderland. Mehr als 1.000 solcher Initiativen gibt es bundesweit.

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Stefan Hellert beklagt die gesundheitlichen Gefahren von Windrädern.

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Als die Hellerts vor drei Jahren nach Carzig zogen, standen in der Nähe einige kleinere Windräder, 166 Meter hoch, die nächsten sind 800 Meter entfernt von ihrem Haus. Doch inzwischen sind einige bereits ersetzt worden - gegen Anlagen mit einer Höhe von 229 Metern. Und es seien bereits Baugenehmigungen beantragt für neue Anlagen, 250 Meter hoch, sagt der 45-Jährige. "Unsere Grundstücke werden von Windrädern entwertet, das ist eine schleichende Enteignung. Landeigentümer bekommen horrende Pachten. Uns entschädigt kein Mensch", sagt Katrin Stoll-Hellert. Sie fordert einen sofortigen Ausbaustopp. "Es kommt selten vor, dass es hier eine stille Nacht gibt", kommentiert die 54-Jährige: "Bei bestimmten Wetterlagen scheppert hier alles."

Brandenburg hat die meisten Windräder

Knapp 85 Kilometer entfernt von Carzig steht Rainer Ebeling auf einem Feld vor Windrädern. Der 58-Jährige ist Sprecher der Bürgerinitiative in Crussow, einem Ortsteil von Angermünde in der Uckermark. "Angermünde ist schon mit Windkraftanlagen umzingelt, auf einer Fläche von 160 Hektar im Umkreis von fünf Kilometern. Und nun sollen noch mal 200 Hektar draufgepackt werden." Angermünde sei ein staatlich anerkannter Erholungsort: "Wir liegen an einem Nationalpark und dem Biosphärenreservat. Und dazwischen werden die Windräder hingeknallt."

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In ganz Deutschland stehen rund 30.000 Windenergieanlagen.

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Nach Zahlen der Marktberatungsfirma Deutsche Windguard stehen in Brandenburg nach Niedersachsen die meisten Windräder in Deutschland. Insgesamt gibt es derzeit rund 30.000 Windenergieanlagen, in Brandenburg sind es rund 3.800. Viel zu viele, finden die Bürgerinitiativen. "Windkraftanlagen sind ökologisch, ökonomisch und sozial unsinnig", sagt Stefan Hellert. Die Windkraft sei volatil und nicht grundlastfähig. Der Ausbau aber sei politisch gewollt. "Deswegen wird gebaut."

Windkraftlobby sieht Ausbauziele in Gefahr

Es ist eine Grundsatzkritik. Die große Koalition aus CDU, CSU und SPD hat zwar eigens eine Arbeitsgruppe zur Akzeptanz der Energiewende eingerichtet - bisher jedoch ohne Ergebnis. Das umstrittenste Thema: Wie weit weg sollen Windräder von Häusern stehen? In den Ländern gelten bisher unterschiedliche Vorgaben. In Brandenburg gilt eine Empfehlung von 1000 Metern zur Wohnbebauung. In Bayern dagegen gibt es die sogenannte 10-H-Regelung - demnach muss der Abstand eines Windrades von Wohnsiedlungen mindestens zehn Mal so weit sein wie die Anlage hoch ist. Bei einer Höhe der Anlage von 200 Metern zum Beispiel wären das 2 Kilometer. Die Folge: In Bayern gibt es deutlich weniger Windräder. Unionspolitiker fordern nun bundesweit einheitliche Standards. Die Windbranche aber befürchtet, dass dann viele Flächen für die Windenergie wegfallen würden.

Das politische Ziel lautet: weg von fossilen Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas, hin zu erneuerbaren Energien aus Wind, Sonne und Biomasse. Bis Ende 2022 soll das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet werden, bis 2038 soll Deutschland raus der klimaschädlichen Kohleverstromung. Doch der teure Großumbau ist ins Stocken geraten. Vor Ort gibt es viele Proteste und Klagen. Die Strompreise sind hoch. Der Ausbau der Stromnetze verzögert sich. Der Ausbau der Windkraft an Land kam im ersten Halbjahr fast zum Erliegen. Bei der Windkraftlobby herrscht Alarmstimmung. Es gebe zu wenig genehmigte Flächen, Genehmigungsverfahren dauerten oft Jahre, klagt der Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE), Hermann Albers. Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien seien in Gefahr.

Krisentreffen bei Minister Altmaier geplant

Die Vorwürfe der Windkraftgegner weist der Verband zurück. Ein BWE-Sprecher sagt: "Allen Unkenrufen um die Systemstabilität und die fehlenden Netze oder die fehlende Grundlastfähigkeit der Erneuerbaren zum Trotz haben wir nicht jede Woche Blackouts, sondern eines der sichersten Stromnetze der Welt." Auch die Kritik, Windanlagen seien gesundheitsgefährdend, weist die Branche zurück. Für jede Windanlage würden Schallmessungen "gewissenhaft" durchgeführt und seien Grundlage für die Genehmigung einer Anlage. Der von Windenergieanlagen erzeugte Infraschall - Gegner warnen vor Gesundheitsgefahren - liege in der Umgebung deutlich unter den Wahrnehmungsgrenzen des Menschen: "Nach heutigem Stand der Wissenschaft sind schädliche Wirkungen nicht zu erwarten."

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat nun ein Krisentreffen zur Windkraft angekündigt. Er will sich voraussichtlich im September mit Vertretern der Branche, von Ländern und Bürgerinitiativen zusammensetzen. Was dabei herauskommt, ist offen. Die Bürgerinitiativen jedenfalls dürften weiterkämpfen gegen neue Windräder. Und Rainer Ebeling wird weiter seinen "Kopfschmerzkalender" füllen, den er seit Jahren führt: "Die Kopfschmerzen haben zugenommen. Wenn das so weitergeht mit den Windrädern, überlegen wir hier wegzuziehen."

Quelle: n-tv.de, Andreas Hoenig, dpa

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