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Und der gesunde Menschenverstand? Die großen Irrtümer der Autoindustrie

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Auspuffrohre: Reine E-Autos brauchen sie nicht.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

"Das Auto ist jetzt vollkommen. Es bedarf keiner Verbesserung mehr." Das sagt Carl Benz vor rund 100 Jahren. Er lag falsch, wie man heute weiß. Aber die Geschichte der Automobilindustrie ist voller solcher Irrtümer – vor allem die jüngere.

"Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt." Diese Volksweisheit, frei nach Wilhelm Busch, drängt sich auf, wenn man sich anschaut, was seit Erfindung des Automobils vor 130 Jahren alles über das Auto, die Hersteller und die Branche gesagt und geschrieben wird. Teilweise ist das Ganze komisch. Teilweise ist es aber auch ob der Ignoranz und Engstirnigkeit der Meinungsmacher er- und abschreckend. So ließ Kaiser Wilhelm II. Ende des 19. Jahrhundert noch verlauten: "Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung."

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für n-tv.de und teleboerse.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

Vor ähnlichen Fehleinschätzungen waren selbst die Erfinder und  Produzenten des Automobils nicht gefeit. So Gottlieb Daimler um 1895: "Es werden höchstens 5000 Fahrzeuge gebaut werden. Denn es gibt nicht mehr Chauffeure, um sie zu steuern." Und Carl Benz schließlich glaubte um 1921: "Das Auto ist jetzt vollkommen. Es bedarf keiner Verbesserung mehr."

Irren ist menschlich! So vertreten beispielsweise Verkehrsminister Dobrindt, die deutschen Hersteller und ihr Lobbyverband VDA vehement die Meinung, autonomes Fahren erhöhe die Verkehrssicherheit. Es diene zudem der Bequemlichkeit und dem Komfort des Fahrers und sei schlicht die automobile Zukunft. Natürlich müsse man es unbedingt fördern.

Richtig peinlich wird es aber erst, wenn Soziologen und sogenannte Trendforscher das Ende der Individualmobilität einläuten und eindrucksvoll nachweisen, dass die Jugend kein eigenes Auto mehr besitzen, sondern nur noch in sozialen Netzen chatten oder Pokémons jagen wolle - natürlich zu Fuß! Dass die Spezies Autofahrer also aussterbe und mit ihr demnach auch die Branche, die es herstellt.

Wo bleibt der gesunde Menschenverstand?

O santa simplicitas! Alles Unsinn, das muss genügen. Ein Mensch, der vom 17. Lebensjahr an en route über 50 Jahre lang Auto gefahren ist und die Automobilisierung Deutschlands mit allen Hochs und Tiefs professionell und hautnah miterlebt hat, muss alldem heftig widersprechen. Zumal dann, wenn dieser Mensch Ökonom ist und sich seit Berufsbeginn mit der Theorie des Konsumentenverhaltens und später unentwegt mit den Bedürfnissen von Autokäufern beschäftigt hat. Die Erfahrungen aus beiden Welten münden gnadenlos in der Aussage: Das stimmt doch alles nicht! Und führen zur Frage: Wo bleibt der gesunde Menschenverstand? Dazu nachfolgend in fünf Thesen die großen Irrtümer rund ums Auto und die Branche:

1. Dieselgate ist das Aus für den Dieselmotor und den Volkswagenkonzern

Falsch. Europa ist und bleibt Dieselmarkt. Weil die Kunden von der Charakteristik dieser Antriebsart überzeugt sind. Weil er im Verbrauch sparsamer und umweltfreundlicher ist als der Benzinmotor - wenn er denn richtig und gesetzestreu konstruiert und zugelassen wird.

Falsch ist auch, dass die deutschen Premiumhersteller ihn nur deshalb vermarkten, weil sie nur dank der niedrigen CO2-Emissionen des Selbstzünders die europäischen Abgasnormen für ihre Power-Parade von großen Premiumautomobilen erfüllen können. Die Wahrheit ist vielmehr: Dem Kunden ist es (fast) völlig egal, wie der Hersteller die Euro-Abgas-Gesetzesnormen erfüllt - Hauptsache, er erfüllt sie ohne Tricks und ohne Wertminderung seines Autos. Nicht ohne Grund verzeichnete der Dieselmotor in Deutschland und Europa in den letzten Jahrzehnten einen Siegeszug ohnegleichen. Er kommt inzwischen auf rund 50 Prozent Anteil an den Neuzulassungen. Selbst fast ein Jahr nach Dieselgate war von Kaufzurückhaltung beim Dieselauto nichts zu spüren, weder bei den Dieselzulassungen in Deutschland allgemein noch bei VW im Speziellen, wo Dieselgate seinen Ausgang nahm.

Ganz im Gegenteil: Der Volkswagen-Konzern partizipierte trotz Dieselgate munter am globalen Marktwachstum (außer USA), auch beim Diesel, und sah sich plötzlich beim Absatz als weltweite Nr. 1 der Automobilproduzenten vor Toyota und GM. Totgesagte leben bekanntlich länger.

2. Die Märkte wollen E-Autos

Richtig. Die Märkte, sprich die Kunden, würden liebend gerne umweltfreundliche E-Autos kaufen - als Hybrid, als Plug-In Hybrid oder sogar als Vollelektroauto. Wenn, ja wenn da nicht noch ein paar Kauf-Stolperschwellen gegenüber den Alternativen mit Verbrennungsmotor wären. Nutzenäquivalenz eines E-Autos zum Verbrenner, beispielsweise einem "sauberen" VW-Diesel, wäre dann gegeben, wenn der E-Kunde sein Gefährt bei gleichen Anschaffungskosten in fünf Minuten an jeder Tankstelle ohne Wartezeiten betanken könnte, damit über eine Reichweite von 1000 Kilometer verfügte und eine ständigen Verfügbarkeit seines Autos sichergestellt wäre.

Von diesen Anforderungen sind E-Autos Lichtjahre entfernt. Die Stolperschwellen bei den heutigen sind: nicht wettbewerbsfähige Anschaffungskosten und damit ein geringer individueller Nutzen; unzureichende und unsichere Reichweite; zumeist nicht vorhandene private und unzureichend öffentliche Ladestellen; lange Ladezeiten; nicht vorhandener Gebrauchtwagenmarkt sowie hohe Batterieersatzkosten. Kein Wunder also, dass trotz Auslobung von bis zu 4000 Euro Kaufprämie die Nachfrage nach Elektroautos in Deutschland bislang so gut wie gar nicht stattfand.

3. Europa braucht eine eigene Batteriezellen-Fertigung

Die Bundesregierung will Deutschland zum weltweiten Leitanbieter für Elektromobilität machen. Schlüsseltechnologie ist dabei die Batteriezelle. So hat Tesla-Chef Elon Musk im Vorgriff auf künftige Batteriebedarfe - ob in automobiler oder stationärer Anwendung - in der Wüste von Nevada seine "Gigafactory" eröffnet, mit der sich die globalen Kapazitäten zum Bau von Elektrobatterien auf einen Schlag verdoppeln werden. Das weckt natürlich in der deutschen Industriegesellschaft und Batterieforschung Begehrlichkeiten: Aufbau einer eigenen Batteriezellenfertigung in Deutschland.

Das wäre aber absolut falsch! Zum einen gilt der volkswirtschaftliche Grundsatz, dass Güter dann hergestellt werden sollten, wenn sie gebraucht werden und nicht auf Lager und nicht im Vorgriff auf zukünftige Bedarfe. Es sei denn, sie seien für die nationale Sicherheit strategisch notwendig. Dazu gehören Batteriezellen mit Sicherheit nicht. Solange der deutsche Markt erkennbar keine Elektroautos von welchem Hersteller auch immer will, solange brauchen wir auch keine eigene Batteriefertigung. Für was denn auch?

Die, die Autohersteller brauchen, kaufen sie bei asiatischen Herstellern oder bei Tesla zu. An Mangel an Batteriezellen ist in Deutschland noch keine Produktion eines E-Autos gescheitert, an Mangel an Käufern aber schon. BMW kann ein Lied davon singen!

Und spätestens seit David Ricardo, dem großen Vordenker der Vorzüge des Freihandels zwischen Volkswirtschaften, weiß man, dass eine Volkswirtschaft nicht alles selber produzieren muss, wenn das andere besser und billiger können. Grundsätzlich sollte gelten: Wenn der Bau von Batteriezellen ein Geschäft ist oder sein wird, dann ist auch der Standort Deutschland dafür geeignet - ohne staatliche Subventionen, rein privatwirtschaftlich.

Auch der Verweis auf hohe staatliche Subventionen in anderen Ländern für die Batterieforschung und den Bau von Fabriken zur Zellfertigung und dass die deutsche Industrie ins Hintertreffen gelangt oder an Wettbewerbsfähigkeit verliert, ist wenig durchdacht und überzeugend: Wo sind denn die leistungsfähigeren Batterien, die im Ausland bei all dieser Subventionitis auf Kosten der Steuerzahler herausgekommen sind? Das Geld wurde offensichtlich zum Fenster rausgeworfen. Im Übrigen wurden und werden in Deutschland auch keine Concordes, Faxgeräte oder Smartphones hergestellt. Geschadet hat das der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie bislang nicht - im Gegenteil. Merke: Auch wenn die Hosengürtel im Ausland produziert werden, müssen bei deutschen Männern noch lange nicht die Hosen rutschen!

Der zweite Teil dieser Kolumne erscheint am 26. September

Quelle: n-tv.de

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