Wirtschaft

Kriegt Müller bei VW die Kurve? "Dieselgate ist ein Glücksfall. Danke, VW!"

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Wer sind die Schattenmänner bei VW, die für den Betrug verantwortlich sind?

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Abgasaffäre setzt Volkswagen schwer zu. Doch noch habe der Konzern die Chance auf einen echten Kulturwandel, sagt Auto-Experte Dudenhöffer n-tv.de. Aber weder VW noch die deutschen Behörden werden die Schuldigen finden - sondern das FBI.

n-tv.de: Vor einem Jahr ist die Abgasaffäre bei VW aufgeflogen. Wie konnte es zu einem Betrug dieses Ausmaßes kommen?

Ferdinand Dudenhöffer: VW hatte eine sehr autoritäre Unternehmenshierarchie, schlechte Kostenbedingungen durch die zu starke Ausrichtung auf Niedersachsen und hohen Renditedruck. In so einem Umfeld neigen Organisationen zum "Überhitzen" und da ist die Hürde, Gesetze zu brechen zu gering. Vor zehn Jahren gab es den Volkert-Skandal, davor den Lopez-Skandal. Es scheint eine Serie zu geben. Der damalige Betriebsratschef Klaus Volkert war in eine Affäre von Lustreisen und von VW-bezahlten Freudinnen verwickelt. Damals schwor der Konzern, so etwas würde nie wieder vorkommen. Das Problem ist die Gesellschafterstruktur von VW. Dort liegt der Sprengstoff. Paritätische Mitbestimmung und Landesbeteiligung zementieren Strukturen um den Kirchturm. In unserer globalen Welt geht das schief. Die Kosteneffizienz geht verloren. Dann braucht es nur den Druck von oben- etwa durch das autoritäre Regime unter Winterkorn und Piëch - um Mitarbeiter einer brisanten Situation auszusetzen. Mitarbeiter geraten in ausweglose Situationen und müssen technisch Unmögliches möglich machen. Dann passiert so was.

Wie geschwächt ist VW durch die Abgasaffäre? Könnte der Konzern durch die drohenden Strafen den Anschluss in der Entwicklung verlieren?

Der Abgasskandal wird für Volkswagen zweistellige Milliardenbelastungen mit sich bringen. Egal ob nun 20 oder 50 Milliarden Euro: VW verliert Geld und damit Investitionsmöglichkeiten. Aber der Konzern hat auch gewonnen, nämlich eine neue Kultur, mit der er in die Zukunft aufbrechen kann. Die alte hätte es VW nicht erlaubt, solche Zukunftspläne zu schmieden, wie es der Konzern jetzt tut. Ich bin optimistisch.

Volkswagen will 2025 ein Viertel seines Umsatzes mit Elektrofahrzeugen machen. Ist das wirklich realistisch?

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Ferdinand Dudenhöffer ist Direktor des CAR-Instituts an der Universität Duisburg-Essen sowie Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Volkswagen kann sich das leisten. Erstens bekommt der Konzern heute Geld geschenkt, also zu Null- oder negativen Zinsen. Zweitens hat VW Reserven. Die Schulden sind relativ niedrig. Der Konzern hat sich eine stabile Eigenkapitalbasis über die Jahre aufgebaut. Außerdem hat er starke Marken wie Porsche, Skoda und Audi. Das sind Stützen, die nicht über Nacht wegbrechen.

Kritische Stimmen sagen, VW-Chef Müller hat immer noch zu viele aus der alten Piech-Garde auf ihren Posten belassen. Was macht Sie so sicher, dass die autokratische Ära zu Ende ist?

Wenn das stimmt, wäre das äußerst gefährlich für Volkswagen. Ich sehe aber vielmehr, dass Gremien und Strukturen neu aufgebaut werden. Dass von außen neue Manager kommen - wie Markenchef Herbert Diess, der von BMW abgeworben wurde. Diese Leute bringen eine andere Kultur mit.

Matthias Müller ist also nicht allein in Wolfsburg?

Ich glaube, dass viele im Herzen bei Müller sind. Müllers größtes Problem ist Betriebsratschef Osterloh. Er war auch Winterkorns größte Sorge.

Hängt das plötzlich so ambitionierte Elektro-Ziel von VW mit Dieselgate zusammen?

Man kann Dieselgate als Glücksfall sehen. Ohne den Abgasbetrug würde der Konzern immer noch auf dem alten Kurs weiterfahren. Unter Winterkorn hat VW Elektromobilität in einer Powerpoint-Präsentation mit einer 85-Gramm-Schokolade dargestellt - dem Energieinhalt einer 70 Kilogramm schweren Batterie. Lächerlicher hätte man Elektromobilität nicht machen können. Es war das Sinnbild für die Abneigung gegen dieses Thema. Heute ist das anders. Auch die Autobranche insgesamt profitiert vom Abgasskandal. Das Ende von Diesel mit seinen unkalkulierbaren Nebenwirkungen ist eingeleitet. Der VW-Skandal erlaubt uns, unsere Zukunft neu zu gestalten.

Niedersachsen und die Gewerkschaften haben immer noch einen großen Einfluss bei VW. Haben diese verkrusteten Machtstrukturen Zukunft?

Das ist für mich die größte Baustelle. VW-Chef Müller kann nur versuchen, mit den Eigentumsverhältnissen so gut es geht zu leben. Notwendig wäre die Einsicht von Niedersachen, aus VW lieber ein Unternehmen wie Conti zu machen, das unendlich viel beweglicher und wertvoller für das Land ist. Dafür müsste sich der Ministerpräsident zurücknehmen. Bislang sitzt er in VW-Gremien und beurteilt Dinge, von denen er keine Ahnung hat. Politik ist ein anderes Geschäft als weltweit die richtigen Entscheidungen in der Autoindustrie zu treffen. Landesbeteiligung und paritätische Mitbestimmungen haben den Betriebsratsvorsitzenden Osterloh zum mächtigsten Mann im größten deutschen Konzern gekrönt. Das birgt deutlich zu hohe Risiken, wie auch die früheren Affären um Volkerts und Lopez zeigen.

Werden wir jemals erfahren, wer Schuld an der Abgasaffäre hat?

In Deutschland sieht es zwar so aus, als gäbe man sich Mühe, die Dinge aufzuklären. Doch weder das Kraftfahrtbundesamt noch die Strafverfolgungsbehörden kommen wirklich voran. Entweder sind sie naiv oder wollen naiv sein. Ohne die Amerikaner wird die Wahrheit nicht ans Licht kommen. Ich denke, das FBI wird Schuldige finden. Ich schließe nicht aus, dass auch frühere Vorstandsvorsitzende belastet werden könnten. 

Mit Ferdinand Dudenhöffer sprach Diana Dittmer

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Quelle: ntv.de