Wirtschaft
Stolze Handelsnation: Was passiert Ende März 2019 mit Großbritannien?
Stolze Handelsnation: Was passiert Ende März 2019 mit Großbritannien?(Foto: REUTERS)
Samstag, 27. Oktober 2018

Risiko "Disruptiver 'No Deal'": Fitch rechnet mit "verbittertem" Brexit

Das sieht nicht gut aus: In New York, Frankfurt und London geben Finanzexperten die Hoffnung auf einen reibungslosen EU-Austritt Großbritanniens auf. Europa muss sich im kommenden Frühjahr schlimmstenfalls auf chaotische Verhältnisse einstellen.

Die Analysten der Ratingagentur Fitch gehen nicht mehr von einem reibungslosen EU-Austritt Großbritanniens aus. Hintergrund seien die zunehmenden politischen Spannungen im Land, erklärte die Agentur. Damit sei die Wahrscheinlichkeit eines "verbitterten und disruptiven 'No Deal'-Brexit" gestiegen. Dieser könne zu einer weiteren Herabstufung führen. Die Ratingagentur Fitch, die unter anderem mit Büros in New York, Frankfurt und London vertreten ist, bewertet Großbritannien derzeit noch mit der Bonitätsnote "AA", allerdings versehen mit einem negativen Ausblick.

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Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) bekräftigte zuletzt ihre Bewertung des Landes mit "AA", spricht aber ebenfalls von einer bevorstehenden Herabstufung. Großbritannien drohe infolge des Brexits unter anderem auch den Zugang zum Gemeinsamen Markt der EU zu verlieren, hieß es. Für eine Handelsnation in Insellage dürften sich daraus erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten ergeben, schätzen Experten.

Die Verhandlungen auf politischer Ebene sind ins Stocken geraten. Gut vier Monate vor dem Ende März 2019 anstehenden Austrittstermins ist noch nicht absehbar, wie genau die Loslösung Großbritanniens aus dem Verbund der EU-Staaten erfolgen soll. Die offenen Fragen betreffen nicht nur heikle Themen wie die Grenze zwischen Nordirland und Irland, sondern auch ganz praktische Angelegenheiten bei der Ein- und Ausfuhr von Waren, dem rechtlichen Status von Arbeitnehmern und unzählige andere diplomatische, politische und verwaltungsrechtliche Aspekte.

Rolls Royce belastet Airbus

Für Unternehmer, Planer und Logistiker auf beiden Seiten des Ärmelkanals ergeben sich aus dem politischen Debakel horrende Unsicherheitsfaktoren. Wirtschaft und Gesellschaft sind eng miteinander verflochten. Die Lieferketten ganzer Konzerne hängen von einem reibungslosen Austausch von Waren- und Finanzströmen ab. Ein Beispiel dafür lieferte zuletzt der Flugzeugbauer Airbus: Schwierigkeiten bei dem britischen Triebwerkshersteller Rolls-Royce mit dem Antrieb für den neuen Airbus-Großraumjet A330neo bringen in Toulouse die Produktionspläne durcheinander.

Die Auslieferung der Triebwerke vom Typ Trent 7000 liege weit hinter den für 2018 geplanten 30 Exemplaren zurück, heißt es in einem Brief von Rolls-Royce an seine Mitarbeiter, der vor dem Wochenende bekannt wurde. An der Börse kam die Mitteilung schlecht an. Die Rolls-Royce-Aktie verlor an der Londoner Börse auf einen Schlag mehr als 10 Prozent an Wert. Für die Airbus-Aktie ging es in Paris um mehr als 5 Prozent abwärts.

Düstere Vorzeichen an der Börse

In den nervösen Reaktionen erkennen Fachleute einen ersten Vorgeschmack auf drohende Verwerfungen, sollte es bis zum Frühjahr nicht doch noch zu einer gütlichen Einigung zwischen Brüssel und London kommen. Ähnlich wie Airbus könnte es auch einigen Autobauern und zahlreichen anderen europäischen Unternehmen ergehen.

Ohne ein geregeltes Miteinander - oder zumindest eine verlängerte Übergangsphase zum EU-Austritt - sehen auch britische Währungshüter Schwierigkeiten auf Großbritannien zukommen. In einer Aufsehen erregenden Warnung, empfahl die Bank of England den britischen Geldhäusern zuletzt, ihre Reserven an Bargeld mit Blick auf den bevorstehenden Brexit aufzustocken.

Für den Fall eines ungeregelten EU-Austritts kursieren in Großbritannien bereits alarmierend klingende Überlegungen. Um die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern wie etwa Medikamente oder Lebensmittel sicherzustellen, erwägt die britische Regierung einem Zeitungsbericht zufolge die Anmietung von Schiffsraum in größerem Umfang.

Durch das Chartern von Fähren und Frachtern solle ein mögliches Chaos durch neue Zollkontrollen im Ärmelkanal verhindert werden, berichtete die "Financial Times". Im Fall eines "No Deal" könnte sich die Route zwischen Dover und Calais schnell zum Nadelöhr entwickeln, bestätigte Kabinettschef David Lidington entsprechende Pläne. Aufgrund der erwarteten Kontrollen auf französischer Seite seien dann voraussichtlich für ein halbes Jahr wohl nur noch 12 bis 25 Prozent der normalen Kapazität verfügbar.

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Quelle: n-tv.de