Wirtschaft

Ifo-Institut revidiert seine Zahlen Griechen-Pleite im Euro ist besser als Grexit

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Das Ifo-Institut trommelt für einen Euro-Austritt Athens. Doch inzwischen widersprechen ihm seine eigenen Zahlen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Monatelang verbreitete das Ifo-Institut: Ein Euro-Austritt Athens ist besser als die Pleite im Euro. Dumm nur: inzwischen zeigen die Zahlen das Gegenteil. Berichtet hat das keiner. Es widerspicht dem Wunsch vieler Deutscher: Schmeißt die Griechen endlich raus.

Ende, Finito, Call it a day. Macht Schluss und schmeißt die Griechen endlich raus aus dem Euro. Ein Ende mit Schrecken, Feierabend, Ruhe im Karton. Nicht nur der stellvertretende Spiegel-Chefredakteur Nikolaus Blome sieht darin die Lösung im nervigen Schuldenstreit mit Griechenland. Mehr als die Hälfte der Deutschen ist laut ZDF-Politbarometer inzwischen für einen "Grexit", den Austritt Griechenlands aus dem Euro.

Die Zahlen, die das Münchner Ifo-Institut im Januar verbreitete, kamen deshalb gut an: Falls Griechenland den Euroraum verlässt, muss Deutschland mit maximal 76 Milliarden Euro Verlust rechnen. Bleibt es bei einer Pleite in der Eurozone, beträgt der Höchstschaden 77 Milliarden Euro. Obwohl die Zahlen haarscharf beieinander lagen, griffen viele Medien sie prompt auf. Im Schuldenstreit fallen solche Meldungen in Deutschland auf fruchtbaren Boden. Focus Online machte daraus: "Grexit kostet Deutschland weniger als Griechenlands Verbleib im Euro". Der Rausschmiss ist günstiger als weiteres Rumgeeier, lautete die Botschaft. Mehr als 1000 Likes sammelte der Bericht auf Facebook ein.

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Maximalverluste Griechenland lt. Ifo-Institut (16.04.2015)

Abgesehen davon, dass durch einen Grexit die Probleme nicht verschwinden: Inzwischen haben sich die Zahlen geändert. Die neusten Berechnungen des Ifo-Instituts belegen mittlerweile genau das Gegenteil von dem, was es noch vor rund vier Monaten gesagt hat. Der Rausschmiss Griechenlands ist nun eine halbe Milliarde Euro teurer als ein Bankrott im Euro-Raum (s. Tabelle des Ifo-Instituts). Berichtet hat das bisher aber weder Focus Online noch sonst jemand. Auch das Ifo-Institut hat bisher nicht darauf hingewiesen, dass es neuerdings besser wäre, die Griechen im Euro zu halten. Die Zahlen passen nicht in das Weltbild der Mehrheit der Deutschen.

Trommeln für den Grexit

Zur Verteidigung der Münchner Konjunkturforscher sei gesagt, dass sie die Zahlen zumindest anfänglich auch nicht mit dem Dreh verbreiteten, ein Rausschmiss Athens sei für Deutschland besser. Sie wiesen sogar darauf hin, dass die Verluste bei einem Verbleib in der Eurozone in etwa genauso hoch seien wie bei einem Rausschmiss, und nur anders verbucht würden. Doch sie ließen schon im Januar keinen Zweifel daran, was sie für die bessere Lösung hielten.

Es sei besser, die Spirale zu durchbrechen, sagte Ifo-Chef Hans-Werner Sinn: Bei einem Verbleib Griechenlands in der Eurozone sei sogar zu vermuten, dass Athen trotz Schuldenschnitts immer wieder neue Kredite gegeben und erlassen werden müssten. Das Land würde zum "Fass ohne Boden".

Auch im Februar trommelte Sinn weiter kräftig für den Rausschmiss. Griechenland sei durch den Euro zu teuer geworden und müsse nun billiger werden. "Das geht nur durch den Austritt aus dem Euro und die Abwertung der Drachme." Im gleichen Monat legte das Ifo-Institut aktualisierte Zahlen vor. Sie bestätigten weiterhin den gewünschten Trend: Athens Austritt würde Deutschland nur 84 Milliarden Euro kosten, eine Pleite im Euro dagegen 86 Milliarden Euro. Wieder stellte das Ifo-Institut in seiner Mitteilung die Zahlen explizit gegenüber.

Den Grexit nicht herbeischreiben

Anfang März war der Abstand schon deutlich abgeschmolzen: Der Rausschmiss war nun nur noch rund eine halbe Milliarde Euro günstiger als der Verbleib im Euroraum. Trotzdem wurde in der Pressemitteilung des Instituts wieder explizit darauf hingewiesen, dass die Kosten bei einem Rausschmiss geringer wären. Im April hat sich der Trend nun endgültig gedreht: Erstmals ist Athens Verbleib im Euroraum günstiger als der Rausschmiss. Diese Zahlen hat das Ifo-Institut zwar auch veröffentlicht. Doch diesmal stellte es die Kosten nicht wie bisher gegenüber und verwies auch nicht auf die Trendwende. Man findet sie nur, wenn man den Anhang zur Pressemitteilung öffnet, in dem die Zahlen versteckt sind.

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn erklärte auf Anfrage von n-tv.de dazu, es habe in diesem Jahr überhaupt keine Pressemitteilung gegeben, die die Kosten für Grexit/Nicht-Grexit zum Hauptthema gemacht hätte. Die Mitteilungen hätten immer andere Schwerpunkte zu Griechenland gehabt. Die Vergleichszahlen hätten sich zur Vollständigkeit im Anhang befunden. "Das Kosten-Argument spielt keine Rolle für uns. Wir waren und sind für den Austritt, damit Griechenland abwerten kann und wettbewerbsfähiger wird".

Grund für die Trendwende im April ist das Euro-Zahlungsverrechnungssystem Target. Denn die Griechen überweisen immer mehr Geld ins Ausland. Die EZB leiht der griechischen Zentralbank dafür immer mehr Geld. Das Ifo-Institut geht davon aus, dass diese Summen bei einem Euro-Austritt verloren wären. Das macht den Grexit teurer als den Verbleib im Euro. Diese Sicht ist aber umstritten: Ifo-Chef Hans-Werner Sinn streitet sich seit Jahren mit anderen Ökonomen herum, ob die Zahlen überhaupt als Verluste eingerechnet werden dürfen. Nun macht ihm ausgerechnet sein Steckenpferd die Rechnung kaputt, mit der er für Athens Euro-Austritt trommelt.

Das zeigt, wie unsinnig eine reine Kostenanalyse des Schuldenstreits ist. Womöglich ändern sich die Zahlen im nächsten Monat wieder und das Ifo-Institut hat doch Recht damit, dass ein Rausschmiss Athens günstiger wäre. Das blendet aber völlig aus, dass keiner wirklich weiß, was bei einem Grexit passiert. Das heißt nicht, dass man ihn nicht wagen sollte. Denn auch bei einer Pleite Athens im Euroraum sind die Folgen unkalkulierbar: Werden auch andere Staaten einen Schuldenerlass in der Währungsunion verlangen und den Euro zur Weichwährung machen? Die Ungewissheit spricht jedoch klar für eines: den Euro-Austritt Griechenlands nicht herbeizuschreiben.

Quelle: ntv.de

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