Wirtschaft

Ein unerwarteter Solarboom Großbritannien wird zum Sonnenkönig

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Briten werden zu Sonnenkindern: Solar boomt auf der Insel.

(Foto: REUTERS)

Deutschland ist bei der Erzeugung von Solarstrom europaweit führend. Doch nun erwächst ein ernst zu nehmender Konkurrent: das kühle, wolkenreiche und regnerische Großbritannien. Was erst einmal komisch klingt, hat aber System.

Auf dem Acker gegenüber regt sich nichts. So weit das Auge blicken kann, strecken sich 80.000 Sonnenkollektoren still und starr dem Himmel entgegen. Ihre silberfarbenen Oberflächen zeigen leicht nach Süden. Ausgerechnet das kühle, wolkenreiche und regnerische Großbritannien avanciert in Windeseile zu einer der begehrtesten Anlaufstellen für Solarenergie-Investoren aus ganz Europa: Der Energiewende-Vorreiter Deutschland ist längst voll mit Anlagen, der Ausbau geht immer langsamer voran. Seit im sonnenverwöhnten Spanien die Solarbeihilfen abrupt gestrichen wurden, liegt auch dort ein dunkler Schatten über der Branche. Wegen des hartnäckig schleppenden Konjunkturverlaufs in Italien haben sich auch da die Investitionen in Sonnenenergie merklich abgekühlt.

Im zuverlässig von Tiefdruckgebieten heimgesuchten Großbritannien dagegen hat die Branche von einem Zusammenspiel günstiger Faktoren profitiert. Zum einen wird der Sektor seit 2011 stetig durch Subventionen gestützt. Zum anderen befürworten die Briten auf breiter Front, die Energie der Sonnenstrahlung in Strom und Wärme umzumünzen. Dazu kommen das Entgegenkommen der Planungsbehörden und kreative Finanzierungswege.

Allianz mischt mit

Noch 2010 dümpelten die britischen Solarkapazitäten bei unter 100 Megawatt vor sich hin. Das reichte kaum aus, um die Wohnhäuser eines bescheidenen Städtchens zu versorgen. Mittlerweile haben es die Anlagen jedoch auf 3,2 bis 4 Gigawatt geschafft. Und damit ist Großbritannien auf dem besten Weg, den amtierenden Sonnenkönig Deutschland als fleißigsten Installateur von Solarkollektoren in Europa noch in diesem Jahr vom Thron zu stoßen, prognostizieren die Marktforscher von Solarbuzz. Demnach dürften die Briten bald sechs Prozent zu den weltweiten neuen Solaranlagen beitragen.

Die ehemaligen Landebahnen gehören zum Solarpark von Great Glemham. Das Dorf in der Grafschaft Suffolk liegt ein wenig abseits und nur wenige Kilometer von der englischen Ostküste entfernt. Seit Juni ist die Freiflächenanlage im Besitz des Fonds für erneuerbare Energien der Finanzinvestoren von Allianz Global Investors, einer Sparte des Münchener Allianz-Konzerns. Sie hatten sich im vergangenen Jahr bei Solarprojekten in Italien und bei der Windenergieerzeugung in Deutschland engagiert. Verkauft wurde das Vorhaben in Great Glemham von der Baywa Renewable Energy, einer 100-prozentigen Beteiligung des Münchener Agrarriesen Baywa, die die Konzernaktivitäten im Bereich Erneuerbare Energien bündelt.

"Der Solarmarkt in Großbritannien ist einer der attraktivsten Energiemärkte in Europa", meint Armin Sandhövel, Vorstand im Investitionsgeschäft für Infrastrukturbeteiligungen bei Allianz Global Investors. "Im Jahr 2014 erleben wir eine hohe Nachfrage und starke Konkurrenz, weil das momentane regulatorische Umfeld die Branche stützt."

Doch die Deutschen sind beileibe nicht allein auf weiter Flur. Mehrere andere große institutionelle Anleger erwärmen sich ebenfalls für Solarenergieinvestitionen, nicht zuletzt, um damit die blutleeren Renditen bei Staatsanleihen wett zu machen. Aviva Investors haben die Bestückung von Hausdächern mit Sonnenkollektoren für sich entdeckt. Die australische Bank Macquarie Group lässt wissen, bei der Finanzierung solarer Gebäudetechnik inzwischen in beträchtlichem Ausmaß mitzumischen. Insgesamt wurden in Großbritannien zwischen 2010 und 2013 rund 6,4 Milliarden Pfund Sterling oder umgerechnet 8 Milliarden Euro in den Ausbau der Sonnenenergie gesteckt, wie aus offiziellen Daten hervorgeht.

Fonds und Solar-Anleihen

"Der britische Solarsektor bildet vermutlich die vorderste Front bei der Kapitalinnovation im weltweiten Bereich für erneuerbare Energien", glaubt Ben Warren, Leiter für Umweltfinanzierungen bei Ernst & Young. "Das ist eines der sehr wenigen Felder, in denen institutionelle Investoren nach Direktinvestitionen Ausschau halten."

Mehrere Entwickler haben sich dabei auf die Ausgabe von "Solar-Anleihen" verlegt, um die Errichtung von Anlagen zu finanzieren. Privatpersonen können sich mit Hilfe von Firmen wie Abundance Generation engagieren. Das Unternehmen nutzt ein Crowdfunding-Modell, um Investoren für kleinere Projekte, wie etwa die Ausstattung von Schulhausdächern mit Sonnenkollektoren, zu interessieren.

Überall in Großbritannien sind zudem börsennotierte Fonds aus dem Boden geschossen, um die Anleger am Sonnenenergie-Boom teilhaben zu lassen. Zu ihnen gehören Foursight Solar, Bluefield Solar Income Fund, Next Energy Solar Fund und die Investmentgesellschaft The Renewables Infrastructure Group, die in den vergangenen zwei Jahren allesamt an der Londoner Börse notiert wurden. Der Fonds Bluefield hat bei seinem Börsengang 130 Millionen Pfund Sterling oder rund 163 Millionen Euro eingesammelt und seither zusätzliche Gelder für Zukäufe beschafft.

Und auch die Ingenieure, die die Solarparks anlegen, stürmen die Insel. Als Baywa die Anlage in Great Glemham hoch zog, brachten die Münchener deutsche Spezialisten mit, die zusammen mit britischen Firmen die Paneele installierten.

Beihilfepolitik ein Schlüssel zum Erfolg

Dass für die Solarenergie immer eitel Sonnenschein geherrscht hätte, lässt sich allerdings nicht behaupten. Mit der Finanzkrise im Jahr 2008 zogen für die Branche dicke Wolken auf. Der globale Energieverbrauch ging zurück. Gleichzeitig wurden Finanzierungen von Investitionen in erneuerbare Energien immer rarer. Viele Regierungen fuhren ihre Beihilfen zurück oder kappten sie ganz. Märkte wie der in Deutschland hatten sich einer Kollektoren-Flut zu erwehren. Spanien kürzte die Subventionen dramatisch und erschütterte damit das Vertrauen der Investoren in den Bereich. Eine Lawine chinesischer Anlagebauer überrollte den europäischen Markt. Sie unterboten die Preise und lösten einen langwierigen Streit mit ihren westlichen Konkurrenten aus.

Das Geschäft mit der Sonnenenergie ist eine knifflige Angelegenheit. Wie attraktiv es ist, hängt von der Beihilfepolitik der jeweiligen Regierung ab. Und die Branchenakteure sind durchaus nicht frei von der Angst, die auf Sparsamkeit bedachte britische Regierung könnte auf die Bremse treten. Ausgedehnte Felder voller Solarkollektoren sind außerdem den Einheimischen oft ein Dorn im Auge und werden voller Zorn als Schandfleck verunglimpft.

Um dem Widerstand vor Ort entgegen zu wirken, hatten die für die Entwicklung des Solarparks in Great Glemham Zuständigen zwischen den Paneelen ein rund 3,6 Hektar großes Reservat für Feldlerchen, Hasen und Wildblumen ausgespart. Und weil die Grundstückseigentümer darauf beharrten, wird auch dem Weidevieh nach wie vor der ungehinderte Zugang zur Anlage gewährt. Wenn kalter Regen niederprasselt oder die Sonne unbarmherzig auf die Felder brennt, drängeln sich Schafe Schutz suchend unter den Solarmodulen zusammen. "Wir haben versucht, uns bei diesem neuen Energiemarkt zu engagieren und haben nach Wegen gesucht, die damit zu vereinbaren wären, wie wir hier Landwirtschaft betreiben", sagt Argus Gathorne-Hardy, dessen Familie seit vier Generationen in Great Glemham die Felder bestellt.

Und dann wäre da noch das Problem mit den Seemöwen. In rund 40 Kilometern Entfernung, von Great Glemham durch Sumpfgebiete und Wälder getrennt, steht nahe an der Küste eine Kunststofffabrik. Das Dach des Lagerhauses ist mit Solarpaneelen bedeckt. Doch die Hinterlassenschaften der Seemöwen haben sich als derart zerstörerisch erwiesen, dass jeden Monat eine ganzer Putztrupp anrücken muss, um die Module abzuwaschen. Die Mannschaft hat sich jetzt darauf verlegt, eine spezielle Schutzschicht auf den Kollektoren aufzutragen, damit der gefährliche Unrat besser abgleiten kann. Außerdem werden in regelmäßigen Abständen Wanderfalken angemietet, die den Möwen Beine machen.

Das Werk, in dem Shampoo- und Limonadeflaschen hergestellt werden, gehört dem isländischen Kunststoffproduzenten Promens. Die 7000 Kollektoren erzeugten 1,65 Megawatt Strom, teilt das Unternehmen mit. Im Jahr spare man mit ihrer Hilfe knapp 81.400 Euro bei der Stromrechnung ein.

Störfeuer und atmosphärische Bedingungen

Doch der Himmel über der britischen Solarindustrie verdüstert sich. Im April hatte das britische Energieministerium angekündigt, die Beihilfen für größere Solarparks könnten früher als geplant abgeschafft werden. Und jüngst legten die Beamten noch einmal nach und schlugen für die kommenden Jahre ein knapperes Budget für erneuerbare Energien vor.

Man versuche damit nicht, den Solaranlagenbau an sich zu verhindern, betont die Regierung. Vielmehr sollten die Installateure dazu angehalten werden, wie im Fall von Promens die Sonnenkollektoren auf die Dächer zu verfrachten. "Wir drehen nicht den Hahn ab, aber wir bestimmen jetzt genauer, wo wir Großanlagen sehen wollen. Und wir sagen klipp und klar, dass es unser größter Ehrgeiz ist, dass vor Ort produziert wird", führt Greg Barker, Minister für Energie und Klimawandel, aus.

Landwirt Gathorne-Hardy indessen legt Wert auf die Feststellung, dass Großbritannien mitnichten zu nasskalt und grau ist, um die Sonnenenergie in vollstem Glanz erstrahlen zu lassen. In Suffolk, so betont er, sei es viel länger hell als weiter im Süden. Außerdem seien die atmosphärischen Bedingungen hier äußerst gut dafür geeignet, die Sonnenstrahlen durchzulassen. Bei der Region könnte es sich durchaus um das sonnigste Plätzchen in ganz Großbritannien handeln, schwärmt der Bauer.

Und zieht seinen größten Trumpf aus der Tasche: Im Jahr 1995 sei in Glemham sogar weniger Regen heruntergekommen als in Jordanien.

Quelle: n-tv.de, bad/DJ

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