Wirtschaft

Angst vor Chaos und Öko-Kritik Hunderte E-Scooter fluten zuerst Berlin

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Die sogenannten E-Scooter waren erst am 15. Juni offiziell auf öffentlichen Straßen zugelassen worden.

(Foto: picture alliance/dpa)

In Berlin stehen die ersten elektrischen Roller zum Ausleihen bereit. Schon bald werden etliche E-Scooter über den Radweg düsen. Sie entlasten den Straßenverkehr und senken den Schadstoffausstoß, sagen Befürworter. Doch die Skepsis ist groß und das Chaos mit den Leihrädern noch nicht verdaut.

Als im März vergangenen Jahres plötzlich Tausende E-Scooter San Francisco überschwemmen, war das aufregend, innovativ und sorgte für ein großes öffentliches Interesse. Doch schon nach wenigen Tagen legte sich die Euphorie und es häuften sich Unfälle und Beschwerden über die herumliegenden Leih-Roller mit Elektroantrieb. Jetzt kommen die E-Scooter auch nach Deutschland. Schon in wenigen Tagen werden sie das Straßenbild verändern, sobald alle Verleih-Betreiber die notwendige Zulassung des Kraftfahrtbundesamtes haben.

Ein ähnliches Chaos wie in der kalifornischen Küstenstadt erwartet Julian Blessin im Gespräch mit n-tv.de aber nicht. "Die Stadt ist mit 800.000 Einwohnern viel kleiner als Berlin", sagt der Mitgründer des Berliner Startups Tier Mobility, das über eine App Elektrotretroller verleiht. Die Infrastruktur in San Francisco sei eine ganz andere, schließlich gebe es dort keine Fahrradwege - und auf genau denen sollen die neuen Verkehrsteilnehmer in Deutschland fahren.

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Wenige Tage nach der offiziellen Erlaubnis sind inzwischen schon einige Fahrer in Berlin unterwegs. Die ersten Firmen haben in der Innenstadt ihren Verleih gestartet. Insgesamt acht Anbieter wollen schon bald ihre E-Roller in der ganzen Stadt aufstellen. Unter ihnen sind auch die beiden US-Marktriesen Bird und Lime. Doch Blessin zeigt sich optimistisch: "Der Wettbewerb schreckt uns nicht ab", sagt er.

Die Berliner Verwaltung rechnet mit mehreren Tausend E-Tretrollern, die schon bald in der Hauptstadt unterwegs sein könnten. Die Angebote unterscheiden sich nur minimal. Fast alle Anbieter verlangen von ihren Kunden eine Anmeldegebühr in Höhe von einem Euro. Jede gefahrene Minute wird im Anschluss mit 15 Cent verbucht.

Investoren erhöhen Kapitalspritzen

Der Geldregen für Mobilitäts-Startups macht Blessin Mut. In den vergangenen Jahren haben junge Unternehmen in dieser Branche 27,5 Milliarden Dollar Risikokapital eingesammelt. Das sei doppelt so viel wie 2015, teilt die Unternehmensberatung Oliver Wyman mit. Im Rennen um die Mobilität der Zukunft würden die Kapitalspritzen immer größer. "Vor allem Gründer in den USA und China profitieren vom aktuellen Finanzierungsboom." Gestützt werden diese Zahlen auch von einem Bericht der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group, der das globale Marktpotenzial für E-Scooter im Jahr 2025 auf 40 bis 50 Milliarden US-Dollar schätzt. Davon entfallen 12 bis 15 Milliarden Dollar auf Europa, heißt es.

Das kommt Tier Mobility zugute. Auch wenn das Startup erst im Oktober 2018 in Wien an den Start gegangen ist, haben Blessin und seine Mitgründer laut dem Portal Gründerszene bereits 32,4 Millionen Euro an Investorenkapital erhalten und beschäftigen inzwischen mehr als 200 Mitarbeiter in 20 Ländern. Sogar Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg ist erst kürzlich mit einer Minderheitsbeteiligung eingestiegen. Über die Höhe ist Stillschweigen vereinbart worden.

Blessin will den E-Scooter für kurze Distanzen als Alternative zum Auto etablieren und den öffentlichen Nahverkehr ergänzen. In Wien hat die Stadt eine Höchstgrenze von 1500 Exemplaren für E-Roller beschlossen. Nachdem chinesische Bikesharing-Anbieter die Stadt mit ihren Leihrädern verstopft haben, ist die Skepsis groß. "Um ein Mobilitätskonzept anbieten zu können, muss eine bestimmte Verfügbarkeit der Fahrzeuge gewährleistet sein", gibt Blessin allerdings zu bedenken.

"Nachhaltigkeit steckt bei uns in der DNA"

Der Kunde müsse sich darauf verlassen können, dass er an der nächsten Bushaltestelle die letzten Meter ins Büro auf einem E-Scooter zurücklegen kann. Um Vandalismus vorzubeugen, werden die Roller des Startups jeden Abend gegen 22 Uhr eingesammelt und wieder aufgeladen. "Wir tun alles dafür, damit es keine Schreckensbilder wie bei den Sharing-Bikes geben wird." Anfangs wolle das Unternehmen mit mehreren Hundert E-Scootern an den Start gehen.

Verfechter der neuen Verkehrsteilnehmer feiern die Scooter als ökologischen Beitrag zur Verkehrswende. Doch Kritiker haben daran großen Zweifel und monieren die kurze Halbwertszeit der Roller, die alles andere als nachhaltig sind. Im Verleih-Betrieb soll ein E-Scooter Schätzungen zufolge nämlich nicht länger als drei Monate durchhalten. Danach ist er schrottreif. "Die ersten Modelle der Scooter waren nicht für den Verleih konzipiert", gibt Blessin zu. Das habe sich jetzt geändert.

Die Fahrzeuge der neuesten Generation sollen aber auch nur rund ein Jahr überleben. Im Gegensatz zu Mitbewerbern repariere Tier Mobility allerdings seine Scooter, und ausrangierte Ersatzteile würden zu 90 Prozent recycelt. Das erhöhe die Nachhaltigkeit. Blessins Mitgründer Lawrence Leuschner hat die vergangenen 13 Jahre den Lebenszyklus von Elektronik mit seinem Unternehmen Rebuy verlängert. "Nachhaltigkeit steckt bei uns in der DNA. Wir haben überhaupt kein Interesse, Scooter nach wenigen Monaten wegzuschmeißen." Die E-Roller werden den Verkehrs-Kollaps in großen Städten allerdings nur dann verhindern können, wenn sie Autos ersetzen. Sollte die Mehrheit lediglich aus Spaß zum elektrischen Roller greifen, könnte möglicherweise sogar neuer Verkehr entstehen.

Quelle: n-tv.de