Wirtschaft

Wegen Ölpreis und Euroschwäche Leistungsbilanz steuert auf Rekord zu

Wachstum2.jpg

(Foto: picture alliance / dpa)

Seit Jahren steht Deutschland wegen seines Exportüberschusses in der Kritik. Das Ungleichgewicht fördere die Überschuldung anderer Länder und gefährde die Stabilität der Weltwirtschaft. Dieses Jahr dürfte sich das Problem noch einmal verschärfen.

Deutschland steuert ungeachtet internationaler Kritik auf einen Exportüberschuss in Rekordhöhe zu. In diesem Jahr wird die Leistungsbilanz nach Berechungen des Münchner Ifo-Instituts ein Plus von einer viertel Billion Euro ausweisen und damit so hoch sein wie nie zuvor. Erstmals seit Jahren wird aber nicht Deutschland den weltweit höchsten Überschuss ausweisen, sondern China. Die Kritik an der deutschen Exportstärke reißt trotzdem nicht ab.

"Deutschland wird 2015 seinen Leistungsbilanz-Überschuss weiter steigern - und zwar auf den Rekordwert von 250 Milliarden Euro", sagte Ifo-Experte Steffen Henzel. 2014 waren es nur 216 Milliarden Euro. "Gestützt wird diese Entwicklung vom schwachen Euro, der die Warenexporte befördert."

Der gesunkene Eurokurs macht deutsche Produkte in anderen Währungsräumen billiger, von den USA über die Schweiz bis nach Großbritannien. Auch deshalb stiegen etwa die Ausfuhren in die USA im ersten Halbjahr um fast ein Viertel, wodurch die Vereinigten Staaten erstmals Frankreich als wichtigsten deutschen Handelspartner ablösten. In die Leistungsbilanz fließen neben dem Warenaustausch auch noch alle anderen Transfers mit dem Ausland ein - von Dienstleistungen bis zur Entwicklungshilfe.

China fährt höchsten Überschuss ein

Trotz des Rekordwertes hat Deutschland erstmals seit Jahren nicht mehr den weltweit höchsten Exportüberschuss. Nach Ifo-Berechnungen weist China in diesem Jahr ein noch größeres Plus aus. Die Volksrepublik kommt demnach auf 330 Milliarden Dollar, Deutschland umgerechnet auf 280 Milliarden Dollar.

"China als größter Energieverbraucher der Welt profitiert besonders stark von sinkenden Preisen für Rohöl und andere Rohstoffe", erläuterte Ifo-Experte Henzel. "Dadurch übertrafen die Ausfuhren die Einfuhren im Wert diesmal so deutlich." Der weltgrößte Ölexporteur Saudi-Arabien hingegen, der 2014 mit rund 100 Milliarden Dollar noch den drittgrößten Überschuss weltweit aufwies, dürfte wegen der stark gefallenen Preise für den Rohstoff diesmal auf eine etwa ausgeglichene Bilanz kommen.

Deutschland wird in diesem Jahr nach Ifo-Kalkulationen einen Überschuss von 8,4 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung erzielen. 2014 waren es 7,5 Prozent. "Die EU hält maximal sechs Prozent für langfristig tragfähig", führte Henzel aus. Die EU-Kommission rügt die Bundesregierung daher regelmäßig und empfiehlt ihr, mehr zu investieren und so die Nachfrage im Inland zu stärken.

Beweis für deutsche Wettbewerbsfähigkeit

Das US-Finanzministerium prangert die deutschen Überschüsse sogar als Risiko für die weltweite Finanzstabilität an. Es argumentiert, dass Länder mit hohen Überschüssen dazu beitragen, dass andere Staaten sich hoch verschulden, um ihre Importe zu finanzieren.

Das Wirtschaftsministerium weist die Kritik zurück. "Aus Sicht der Bundesregierung spiegelt der deutsche Leistungsbilanzüberschuss die hohe Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wider", erklärte es. Die Bundesregierung wolle zudem die heimischen Investitionen stärken, sowohl im öffentlichen wie auch im privaten Bereich. "Diese Schritte können auch einen Beitrag zur nachhaltigen Reduzierung des Leistungsbilanzüberschusses leisten", betonte das Ministerium.

Quelle: ntv.de, mbo/rts