Wirtschaft

Philanthropie der Superreichen "Elon Musk ist nicht gerade ein Empath"

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Tesla-Gründer Elon Musk hat für den Aufbau seiner Firmen viel staatliches Geld angenommen.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Die allermeisten Menschen spenden, weil sie etwas Gutes tun wollen. Bei den Superreichen scheint das nur teilweise zu stimmen. Speziell in den USA würden wohltätige Stiftungen vor allem aus steuerlichen Gründen und zur Imagepflege gegründet, erzählt Sandra Navidi im "Klima-Labor". Die ntv-Finanzexpertin ist sich sicher, dass Menschen wie Microsoft-Gründer Bill Gates oder Amazon-Gründer Jeff Bezos selbst entscheiden wollen, was mit ihren Milliarden passiert und für welche Zwecke und Themen sie eingesetzt werden, denn in den Vereinigten Staaten herrsche nach wie vor die Wahrnehmung, "wer viel Geld gemacht hat, ist schlauer, erfolgreicher und weiß es im Zweifel besser".

ntv.de: In Deinem Buch "Future Proof Mindset" erklärst Du, was man von erfolgreichen und wohlhabenden Menschen lernen kann. Viele sind Philanthropen. Kann man es sich als Superreicher leisten, kein Philanthrop zu sein?

Sandra Navidi: Nein. Das hat vor allem in den Vereinigten Staaten große steuerliche Vorteile. Viele haben eine Foundation, über die sie Kosten absetzen und die Wohltätigkeit steuerlich geltend machen können. Natürlich ist es auch sehr gut zur Imagepflege. Es gehört zum guten Ton, wenn man ein Warren Buffett, Bill Gates oder Hollywoodstar ist, dass man etwas zurückgibt. Das können sie dann bequem über eigene Stiftungen machen.

Geht es Menschen wie Microsoft-Gründer Bill Gates und Amazon-Gründer Jeff Bezos, der im November auch bei der Klimakonferenz in Glasgow war, nur um Steuern? Oder liegt ihnen auch das Wohl der Erde am Herzen?

Natürlich kann man nicht alle über einen Kamm scheren. Es ist ein komplexes Thema, es hängt sehr von der Person ab. Aber sie haben ein natürliches Eigeninteresse, denn das Geschäft floriert nur in einer Welt, die funktioniert. Wenn alles vor die Hunde geht, wird es schwierig. Wenn sie wirklich Gutes tun wollten, könnte man auch argumentieren, sie könnten mehr Steuern zahlen, anstatt Geld abzuschöpfen und selbst zu entscheiden, wo und wie in Gesundheitspolitik investiert wird.

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Sandra Navidi ist Gründerin und CEO von Beyond Global und seit 2009 Finanzexpertin bei ntv. Vergangenes Jahr hat die Juristin ihr zweites Buch "Das Future-Proof Mindset: Die vier essenziellen Regeln für Ihren Erfolg im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz" veröffentlicht.

Denken Milliardäre, sie wissen besser als der Staat, wie man Geld investiert, und sagen deswegen: "Ich zahle lieber keine Steuern und investiere dafür ganz viel in die Bereiche, die mir wichtig sind"?

Milliardäre haben definitiv ein großes Ego. Deswegen würde ich davon ausgehen, dass sie meinen, sie wissen es besser als die Politik. In Amerika ist in den letzten Jahrzehnten auch dieser Celebrity-Kult geprägt worden. Geld bringt Prominenz, Macht und Ansehen. Ein bisschen herrscht in der Bevölkerung die Wahrnehmung, wer viel Geld gemacht hat, ist schlauer, erfolgreicher und weiß es im Zweifel besser.

Diese Diskussion, dass Superreiche mehr Steuern zahlen könnten, gibt es in Amerika gar nicht so sehr?

Eher weniger, es herrscht eine andere Gerechtigkeitswahrnehmung als in Europa. Die Republikaner sagen auch: Okay, wenn die Umwelt vor die Hunde geht, wenn Arten aussterben oder wenn es Naturkatastrophen gibt, dann ist das Natur-Darwinismus, also der Stärkere überlebt, das ist gerecht. Oder es ist Religion, dann hat Gott es so gewollt.

Aber am Ende ist es doch trotzdem gut, wenn Jeff Bezos oder Bill Gates etwas von ihrem Reichtum abgeben, oder? Tesla-Chef Elon Musk macht fast gar nichts in diese Richtung, sondern streitet sich öffentlich, ob er genügend Steuern zahlt.

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Elon Musk ist nicht gerade ein Empath. Er hat ja auch die UNO herausgefordert, eine Rechnung anzustellen, wo die sein Geld nun anlegen würde. Er ist ein Libertärer mit der politischen Überzeugung, dass der Stärkere gewinnt und immer recht hat. Jemand, der selbst schon riesige Hilfspakete der Regierung entgegengenommen hat, ohne die er heute gar nicht mehr da wäre. Und jetzt will er nichts davon abgeben. Das wundert kaum.

Ansonsten tut fast jeder Mensch aus Eigennutz Gutes, das habe ich in meinem ersten Buch "Super Hubs" diskutiert. Auch Menschen, die spenden und nicht an die Öffentlichkeit gehen, fühlen sich besser.

Wie tief stecken denn Superreiche in diesen Themen drin? Beschäftigen die sich damit oder geben sie nur Geld?

Das kommt darauf an. Warren Buffett zum Beispiel lebt für einen Multimilliardär relativ sparsam und hat frühzeitig diese Stiftung "Giving Pledge" ins Leben gerufen. Die hat ein sehr einfaches Konzept: Milliardäre müssen mindestens die Hälfte ihres Vermögens der Nachwelt hinterlassen. Vor allem bei großen Vermögen muss man das aber auslagern, niemand kann sich um die Einzelheiten kümmern. Gerade alternative Investments solcher Art erfordern viel Recherche und bedürfen genauer Nachprüfung. Matthew Bishop, der ehemalige Chefredakteur des "Economist" in den Vereinigten Staaten und spätere Chef der Rockefeller Foundation, hat den Begriff des "Philanthro-Capitalism" geprägt: Wohltätigkeit als Business-Modell, bei dem man sichergehen muss, dass das Geld nicht im Sand versackt, sondern gewisse Leistungskriterien erfüllt werden.

Philanthropischer Kapitalismus?

Ja, Philanthropie gekoppelt an kapitalistische Parameter. Eine Kombination von beidem, um sicherzustellen, dass das Geld effizient ankommt. Leute wie Bill Gates haben bei ihren Stiftungen wirklich Systeme dafür ins Leben gerufen und zum Beispiel sehr wirksam Krankheiten in Afrika bekämpft. Aber inwieweit möchte man einem Menschen diese Frage überlassen, welche Krankheiten wo und wie bekämpft werden?

Gibt es denn Superreiche, die das besser machen als andere? Oder schlechter?

George Soros hat mal gesagt, dass Warren Buffett ihm nicht imponiert, weil der sich überhaupt nicht persönlich kümmert, sondern das Geld abgibt und von anderen verwalten lässt. Soros kniet sich - zumindest seiner Meinung nach - mehr hinein, kümmert sich, sucht aus, spricht mit Leuten und begibt sich in diese Materie. Jeff Bezos will den Weltraum mit Milliarden von Menschen bevölkern, weil er glaubt, dass die Erde keine Zukunft hat und vor die Hunde geht. Deswegen pumpt er viel Geld in sein Raumfahrtunternehmen Blue Origin. Da könnte man auch überlegen, das Geld in unseren Planeten zu investieren, um die Umwelt zu schützen. Das ist ein ganz weites Spektrum von Überzeugungen.

Gibt es denn in den USA eine Diskussion darüber, ob Menschen mit viel Geld das Recht haben sollten, solche Dinge zu entscheiden?

Manchmal, gerade beim linken Flügel der Demokraten, aber grundsätzlich eher weniger. Der Gesellschaftsvertrag in den Vereinigten Staaten ist auch in vielerlei Hinsicht sehr brüchig. Wohltätigkeit ist deshalb eine Art Sog, der andere mitzieht, weil so viele Menschen etwas davon wollen. Ob das jetzt Lehrer sind oder Lehrergewerkschaften, Krankenhäuser oder Büchereien - jeder will eine Spende bekommen. Aber das wird mit zunehmender Zeit sicherlich ein größeres Thema.

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Ist es das nicht schon heute? Speziell Personen wie Jeff Bezos oder auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg müssen sich immer häufiger rechtfertigen, was sie da eigentlich machen.

Das stimmt, aber die haben natürlich so eine große PR- und Marketing-Macht. Vieles ist dabei auch subjektiv und Darstellungssache. Und wenn einmal ein Narrativ herrscht, ist es schwer, dagegen anzukommen.

Wie schaut denn die US-Regierung darauf? Guckt die sich das überhaupt an? Gibt es ein Spannungsfeld?

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Es findet in ganz subtilen Formen Lobbying statt. Nicht unbedingt durch Lobbyisten, die mit Aktenkoffern voller Geld auf den Capitol Hill gehen, sondern zum Beispiel durch Personen-Austausch. Ich habe Matthew Bishop schon erwähnt, der beim "Economist" als Journalist gearbeitet hat und dann zur Rockefeller Foundation gegangen ist. Eigentlich müsste die Politik die Steuern erhöhen und die Gewinne verteilen, aber das passiert überhaupt nicht.

Müssen sie das zulassen, weil die Politik in den USA so kaputt ist, dass eigentlich überhaupt nichts mehr beschlossen wird? Vielleicht ist die Regierung froh, dass sich andere um diese Probleme kümmert, während sie streitet?

Das ist ein Punkt, aber nicht der ausschlaggebende. Die gerichtliche Entscheidung Citizens United hat dafür gesorgt, dass Unternehmen wie Menschen behandelt werden, wenn es um Parteispenden geht. Das führt dazu, dass in Amerika Geld die Politik auswählt. Ich habe in "Super Hubs" ein Kapitel, das heißt: Die USA haben die beste Demokratie, die man mit Geld kaufen kann. Das sagt eigentlich alles.

Mit Sandra Navidi sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch ist zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet worden.

Klima-Labor von ntv

Was hilft gegen den Klimawandel? Klima-Labor ist der ntv-Podcast, in dem Clara Pfeffer und Christian Herrmann Ideen und Behauptungen prüfen, die toll klingen, es aber selten sind. Klimaneutrale Unternehmen? Gelogen. Klimakiller Kuh? Irreführend. Aufforsten? Verschärft Probleme. CO2-Preise für Verbraucher? Unausweichlich. Windräder? Werden systematisch verhindert.

Das Klima-Labor - jeden Donnerstag eine halbe Stunde, die informiert und aufräumt. Bei ntv und überall, wo es Podcasts gibt: Audio Now, Apple Podcasts, Amazon Music, Google Podcasts, Spotify, RSS-Feed

Quelle: ntv.de

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