Panorama

Skandal der Weltgemeinschaft Für die Hungerkrise ist selbst Musk zu arm

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43 Cent kostet eine lebensrettende Mahlzeit pro Tag.

(Foto: REUTERS)

Mehr als 800 Millionen Menschen sind chronisch unterernährt. Um ihnen zu helfen, nervt der Chef des Welternährungsprogramms einen Superreichen. Tesla-Chef Musk gibt nach, aber verlangt eine Rechnung, die nicht aufgehen kann. Beim Hunger ist selbst der reichste Mensch nur eine Nothilfe.

Ausnahmsweise fällt Elon Musk auf Twitter nicht mit kindischen Pöbeleien auf, sondern mit einem noblen Angebot: "Wenn das Welternährungsprogramm ganz genau erklären kann, wie sechs Milliarden Dollar den Welthunger lösen, verkaufe ich sofort Tesla-Aktien. Aber es muss transparent passieren, damit die Öffentlichkeit sehen kann, wofür das Geld gedacht ist."

Der Chef des Welternährungsprogramms reagiert begeistert. Wochenlang hat er die Superreichen auf Twitter genervt, zu helfen. Dass Musk reagiert habe, sei ein "game changer", erzählt David Beasly wenig später bei CNN. Das verändere alles.

Und er liefert: Am vergangenen Montag veröffentlicht das Welternährungsprogramm seine Erklärung. Und dann schränkt Beasly auf Twitter doch ein, dass der Welthunger nicht mit sechs Milliarden Dollar gelöst werden könne. "ABER", schreibt er in Großbuchstaben, das Geld könne katastrophale Hungersnöte verhindern.

42 Millionen Menschen könnten morgen tot sein

Sechs Milliarden Dollar von Elon Musk wären keine nachhaltige Lösung, sondern eine Art Soforthilfe, sagt auch der Generalsekretär der Welthungerhilfe, Mathias Mogge. "Manchmal braucht es vielleicht eine einfache Message oder diese Provokation den Megareichen gegenüber", erklärt der studierte Agraringenieur im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Damit bekannt werde, dass 42 Millionen Menschen unmittelbar vom Hungertod bedroht seien. "Und mit 'unmittelbar' meine ich, dass sie morgen schon tot sein könnten."

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Mathias Mogge wurde am 1. September 2018 zum Generalsekretär der Welthungerhilfe berufen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Um die weltweite Hungerkrise zu lösen, reichen sechs Milliarden Dollar nicht einmal im Ansatz aus. An das Problem könne man kein Preisschild kleben, erklärt Mogge. Man brauche Geld, das sei klar. "Es braucht aber auch politische Reformen und Initiativen. Wenn wir uns die Haupttreiber von Hunger anschauen, sind das Konflikte, der Klimawandel und die Auswirkungen von Covid-19."

Chronisch unterfinanziert

Weltweit gelten offiziellen Angaben zufolge etwa 811 Millionen Menschen als chronisch unterernährt. Mit dem Geld von Elon Musk könnten Hunger-Initiativen den 42 Millionen Menschen, denen der unmittelbare Hungertod droht, ein Jahr lang jeden Tag eine Mahlzeit im Wert von 43 Cent finanzieren. Das würde kurzfristig viele Menschenleben retten, aber keinen militärischen Konflikt beenden oder gar den Klimawandel stoppen.

In Mali zum Beispiel wird gut ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts in der Landwirtschaft erwirtschaftet. Aber extreme Dürreperioden gefährden die wertvolle Ernte immer häufiger. Und sorgen für Streit ums wenige Wasser. Konflikte, die nicht immer friedlich bleiben. Extremistische Gruppen nutzen die Notlage der Menschen aus und rekrutieren neue Kämpfer, versprechen ihnen Lohn und Essen.

Die Zahl der militärischen Konflikte habe sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt, sagt Welthungerhilfe-Generalsekretär Mogge. Es wäre an der Politik, der internationalen Gemeinschaft, diplomatisch einzugreifen und auf Frieden zu drängen. Aber viele Staaten scheinen abgelenkt und mit anderen Dingen beschäftigt, dem Klimawandel oder der Corona-Pandemie.

"Man muss klar sagen, dass der Bedarf, der vom Welternährungsprogramm genannt wird, regelmäßig von den Geberregierungen dieser Welt nicht bedient wird", kritisiert Mogge im Podcast die aktuelle Situation. Das WFP sei eigentlich "chronisch unterfinanziert". Aus mangelndem Interesse? "Ich glaube nicht, dass es ihnen egal ist", erklärt der Funktionär weiter. Aber das Thema stehe "vielleicht nicht immer ganz oben auf der Prioritätenliste. Da gehört es aber hin."

Skandal der Weltgemeinschaft

Eine Entwicklung, die sich auch im aktuellen Welthunger-Index der Welthungerhilfe widerspiegelt, der mit diesem Satz beginnt: "Die Welt ist bei der Hungerbekämpfung vom Kurs abgekommen und entfernt sich immer weiter vom verbindlichen Ziel, den Hunger bis 2030 zu besiegen. (...) 47 Länder werden bis 2030 noch nicht einmal ein niedriges Hungerniveau erreichen, 28 davon liegen in Afrika südlich der Sahara."

Betroffen sind auch rund 194 Millionen Kinder unter fünf Jahren. Die Vereinten Nationen schätzen, dass jedes Jahr etwa 5,2 Millionen von ihnen an den Folgen von Unterernährung sterben. Statistisch gesehen, stirbt alle 13 Sekunden ein Kind.

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Warum wäre ein Waffenstillstand für Wladimir Putin vermutlich nur eine Pause? Warum fürchtet die NATO die Suwalki-Lücke? Wieso hat Russland wieder iPhones? Mit welchen kleinen Verhaltensänderungen kann man 15 Prozent Energie sparen? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Alle Folgen finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. "Wieder was gelernt" ist auch bei Amazon Music und Google Podcasts verfügbar. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden.

Traurig, aber nicht überraschend. Die Weltklimakonferenz in Glasgow hat sehr deutlich bewiesen, dass viele Staaten bei globalen Problemen vor allem an sich selbst denken. Genau wie beim Syrien-Konflikt, der mittlerweile schon länger als zehn Jahre andauert, und bei dem trotzdem keine Lösung in Sicht ist. Oder der Afghanistan-Krieg, der mit den Taliban an der Macht begonnen und knapp 20 Jahre später mit den Taliban an der Macht geendet hat.

Frustrierend, sagt Mathias Mogge. Und eigentlich ein Skandal. "Die Weltgemeinschaft ist auf den Mond geflogen, fliegt mittlerweile sogar Privatpersonen ins All. Aber den Hunger abzuschaffen, das gelingt uns nicht."

Provokant den Wandel anstoßen

Dabei scheint es gar nicht so kompliziert, einen nachhaltigen Unterschied zu machen. Es würde zum Beispiel ein Land nach vorn bringen, wenn Frauen einen besseren Zugang zu Bildung bekommen würden, sagt der Generalsekretär der Welthungerhilfe. Wenn alle von ihnen schreiben, lesen und rechnen lernen würden, könnten mehr Frauen arbeiten gehen, die Wirtschaft ankurbeln und ihre Staaten aus der Armut hieven. Aber das funktioniert nur, wenn die Politik mitspielt.

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Dafür sind Provokationen gar keine schlechte Idee. Oder Nadelstiche, wie Mathias Mogge sagt. "Manche Regierungen ärgern sich darüber, dass sie auf der Liste stehen und dass sie sich im Welthunger-Index-Ranking nicht verbessert haben. Das gehört dazu, dass wir die Regierungen immer wieder darauf hinweisen."

Oder Superreiche wie Elon Musk - der die Krise allein aber auch nicht lösen kann. Jährlich würde es je nach Studie ungefähr zwischen 39 und 50 Milliarden Dollar kosten, um den Hunger wie geplant bis 2030 zu besiegen. Selbst für den reichsten Menschen der Welt zu viel. Aber nicht für Nationalstaaten. Vergangenes Jahr haben alle gemeinsam 1981 Milliarden Dollar für ihr Militär ausgegeben - 2,6 Prozent mehr als noch 2019. Allein die USA pumpen jährlich fast 800 Milliarden Dollar in Flugzeugträger, Kampfjets, Drohnen und Atomraketen. Um dann für viel Geld Konflikte zu lösen, die unter anderem durch Hunger ausgelöst wurden. Ein Teufelskreis. Alle wissen, was die bessere Investition wäre.

Quelle: ntv.de

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