Wirtschaft

Musk sucht dringend Mitarbeiter So bremst VW eine Abwanderung zu Tesla

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Noch ist die Tesla Gigafactory östlich von Berlin Baugelände. Aber schon im Juli sollen hier maximal 500.000 Fahrzeuge pro Jahr vom Band rollen. Das Maximum soll so schnell wie möglich erreicht werden.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Für Tesla in Brandenburg zu arbeiten, ist offenbar nicht ganz so attraktiv, wie Elon Musk sich das erhofft hatte. Hunderte Stellen, vor allem für hochqualifizierte Mitarbeiter, sind immer noch offen. Der Grund könnte ein Wettbewerber sein, der viel daran setzt, sein Personal zu halten.

Die Gigafactory in Brandenburg erfolgreich an den Start zu kriegen, entwickelt sich für Elon Musk immer mehr zum Hindernislauf. Inzwischen drängt die Zeit. Schon ab Juli sollen in der neuen Fabrik bis zu 500.000 Teslas vom Band rollen. Ob der Automarkt diese Autos überhaupt braucht, ist die eine Frage, die Musk dieser Tage umtreiben dürfte. Ein anderes Problem ist, dass offenbar immer noch Hunderte Mitarbeiter fehlen, die die Produktion schon in wenigen Monaten anschieben sollen. Die Stellenausschreibungen auf dem Firmenportal zeigen: Es gibt immer noch 350 unbesetzte Stellen.

Insgesamt sollen in Grünheide 7000 Mitarbeiter beschäftigt werden. Schon im Dezember zeigte sich, wie zäh die Personalsuche läuft. "Computerbild" berichtete von lediglich 2000 Positionen, die bis dahin besetzt waren. Offenbar finden Arbeitssuchende Tesla-Jobs nicht so cool, wie sie der US-Konzern in seiner Werbung im vergangenen Jahr angepriesen hatte. Dass die Stellenangebote zu einem Zeitpunkt kamen, als in der Autoindustrie ein großer Schrumpfprozess eingesetzt hatte, konnte daran offenbar nichts wesentliches ändern.

Im Rahmen des Transformationsprozesses hin zur E-Mobilität sind die traditionellen Autobauer und ihre Zulieferer gezwungen gewesen, sich umzuorientieren. Hohe Investitionen und Autos, die weniger Bauteile brauchen, führten zu massiven Einsparungen, Kurzarbeit und letztlich auch vielen Entlassungen. Theoretisch hätte Tesla von dieser Streichorgie profitieren und Mitarbeiter aus den deutschen Auto-Hochburgen Bayern und Baden-Württemberg im Westen der Republik einsammeln können. Offensichtlich ist das aber nur bedingt der Fall. Auch die anfängliche Vermutung oder gar Sorge, Mitarbeiter aus dem 60 Kilometer entfernten Polen könnten Jobsuchenden hierzulande alle Stellen wegschnappen, hat sich bislang nicht bestätigt.

"Lex Tesla": VW will Mitarbeiter an den Konzern binden

Dass Tesla seine Jobs wie sauer Bier anbietet, könnte an der Corona-Krise liegen. Laut "Handelsblatt" ergab das Managerbarometer von Odgers Berndtson im Herbst, dass 44 Prozent der deutschsprachigen Führungskräfte einen Wechsel in ein anderes Unternehmen in den nächsten Monaten für unwahrscheinlich halten. Entsprechende Rückmeldungen kamen auch aus der Autoindustrie. Sicherheit wird in Zeiten der Pandemie offensichtlich groß geschrieben.

Dass es bei den Einstellungen hakt, könnte aber auch noch einen anderen Grund haben: Denn laut "Handelsblatt" hat die Konkurrenz auf die Ankündigung einer Tesla-Fabrik sehr schnell reagiert. Volkswagen, der Autobauer hierzulande, der am konsequentesten auf E-Mobilität setzt und für Tesla sicherlich geeignetes Personal hätte, soll demnach sehr schnell eine klare Ansage getroffen haben: Mitarbeiter, die während einer Freistellung zur Konkurrenz wechselten, könnten nicht mehr einfach so zurückkehren wie früher. Konzernintern wird angeblich von einer "Lex Tesla" gesprochen.

Offenbar befürchteten die Wolfsburger, dass freigestelltes Personal dem Ruf nach Brandenburg folgen und zu Tesla abwandern könnte. Viele Beschäftigte leben sowieso in Berlin und pendeln von dort nach Wolfsburg. Ob sie nun in den Westen pendeln oder nach Grünheide in den Osten, macht für Arbeitnehmer letztlich keinen großen Unterschied.

Darüber hinaus gibt es weitere Gründe, die einen Wechsel von Volkswagen zu Tesla unattraktiv machen. Zum Beispiel die Bezahlung, die bei Volkswagen deutlich üppiger ausfällt. Bei VW verdienen bereits erfahrene Fachkräfte in der höchsten Tarifgruppe 95.000 bis 105.000 Euro Grundgehalt im Jahr. Im oberen Managementkreis kann man schon mal eine halbe Million Euro kassieren, Boni und Sonderleistungen eingerechnet. Ein Ingenieur bei Tesla verdient dagegen laut dem Arbeitgeberbewertungsportal Kununu im Schnitt 72.000 Euro, Manager liegen bei 102.000 Euro. Dazu gibt es kein Weihnachtsgeld und keine anderen, in Deutschland üblichen Sonderleistungen. Musk ist kein Fan von Gewerkschaften und Tarifbindung. Die IG Metall versucht bislang vergeblich, die neue Tesla-Fabrik in einen Tarifvertrag zu bekommen.

Tesla Motors (USD)
Tesla Motors (USD) 739,78

Tesla-Angestellte bekommen zwar Aktienpakete. Angesichts satter Kurssteigerungen sind sie damit bislang auch gut gefahren. Aber es gibt keine Gewähr, dass die Rally sich so auch fortsetzt. Eine gesunde Portion Skepsis ist angebracht.

Großzügiges Sabbatical-Angebot

Die Unternehmenskultur der beiden Konzerne ist von Grund auf unterschiedlich, wie auch noch ein anderes Beispiel zeigt. Volkswagen versucht alles, um Mitarbeiter langfristig zu binden. Dafür gibt es nicht nur eine höhere Bezahlung, sondern auch Qualifizierungsmaßnahmen und Jobgarantien. Betriebsbedingte Kündigungen sind bis 2029 nicht vorgesehen. Tesla ist dagegen für eine hohe Fluktuation unter seinen Mitarbeitern bekannt. Das Tempo im Unternehmen ist hoch, auch darunter leidet die Zufriedenheit der Angestellten offenbar: Arbeiten Mitarbeiter bei Volkswagen im Schnitt 4,6 Jahre, sind es bei Tesla laut dem Karrierenetzwerk LinkedIn nur 2,3 Jahre.

Und es gibt noch ein Pfund, mit dem Volkswagen wuchert und versucht, seine Mitarbeiter an sich zu binden: So gibt es seit diesem Jahr ein großzügiges Sabbatical-Angebot. Sofern der Vorgesetzte zustimmt, bekommen die Angestellten drei bis sechs freie Monate bei monatlich 75 Prozent des Tariflohns. Es ist ein Pilotprojekt, das für zwei Jahre gilt. Das Besondere daran: Der Konzern geht in Vorleistung. Die Beschäftigten können die Auszeit nehmen, ohne vorher Zeit auf einem Konto angespart zu haben - so wie es sonst bei solchen Angeboten üblich ist. Bei ihrer Rückkehr bekommen sie für die volle Arbeitszeit so lange weiterhin 75 Prozent des Bruttoentgeltes, bis ihr "Darlehen" vollständig zurückgezahlt ist. Auch diese "Schuld" trägt dazu bei, der Abwanderung von Mitarbeitern entgegenzuwirken.

Quelle: ntv.de

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