Wettlauf um sofortigen KI-StromTech-Konzerne reißen sich um Gasturbinen, Brennstoffzellen und Erneuerbare
Interview: Christian Herrmann
KI boomt, der Strombedarf explodiert. Tech-Konzerne bauen in den USA Rechenzentren, die so viel Energie benötigen wie eine mittelgroße Stadt. Betroffene Gemeinden schütten sie mit Geld zu. Außerdem bezahlen sie Transformatoren, Stromtrassen und Kraftwerke. Doch auf Gasturbinen warten die Konzerne inzwischen Jahre. Neue Atomkraftwerke sind noch später fertig. Trotz aller Vorbehalte von Donald Trump melden deshalb auch Windradhersteller ein boomendes US-Geschäft. Sie allein können den Strombedarf der Rechenzentren aber nicht decken. Das gilt auch für Solarparks mit Batteriespeichern, wie Portfoliomanager Patrick Vogel im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" erklärt: "Das Problem ist, dass die Betreiber der Rechenzentren in den Verträgen zusagen, dass die Rechenzentren 99,999 Prozent der Zeit verfügbar sind."
ntv.de: Rechenzentren sind ein Frustthema. In den USA steigen deshalb die Strompreise. Haben die USA inzwischen eine Lösung dafür gefunden?
Patrick Vogel: Wir kennen das aus Deutschland: Investitionen ins Netz oder in die Energieinfrastruktur werden auf die Allgemeinheit umgelegt. Dadurch steigen die Stromkosten für normale Kunden. Das mögen die Menschen nicht. Deshalb sind die USA dagegen vorgegangen.
Inwiefern?
Wer ein Rechenzentrum baut, muss sich an den Kosten für die Kommune beteiligen. Das bedeutet, dass etwa Meta-Chef Mark Zuckerberg nicht nur Bauland kauft, sondern die gesamte Infrastruktur. Er bezahlt Transformatoren, die neue Stromtrasse und die Erzeugungskapazitäten - ob das nun Gasturbinen, ein Solarpark oder Windräder sind. Es fließt außerdem Geld in soziale Projekte.
Die großen Tech-Konzerne versuchen, sich die Liebe zu Rechenzentren zu erkaufen?
So kennt man es auch aus Afrika: Wenn das Ausland investiert, wird zusätzlich ein Brunnen oder eine Schule gebaut.
Und das funktioniert?
Wenn die örtliche Schule Geld erhält oder die Lehrer ihren Jahresbonus versechsfachen, wird das auf jeden Fall positiv aufgenommen. Das läuft in Deutschland anders. In der Nähe von Frankfurt haben zwei Gemeinden gerade erst den Bau von Rechenzentren abgelehnt.
Wegen des Strompreises?
Sie möchten kein Rechenzentrum im eigenen Vorgarten. Aber man muss es sich leisten können, in Zukunft auf diese Gewerbesteuern zu verzichten.
Vielleicht sorgen Berichte über Rechenzentren mit eigenen Gasturbinen für Bauchschmerzen. Amazon, Google und Microsoft hatten sich ambitionierte Vorgaben für die Reduktion ihrer CO2-Emissionen gemacht. Diese Ziele haben alle über Bord geworfen. Das Geschäft von Gasturbinenherstellern wie Siemens Energy boomt.
Die Amerikaner sind tendenziell eher pragmatisch. Die gleichen zusätzliche CO2-Emissionen durch Gasturbinen lieber aus, indem sie anderswo einen Solar- oder Windpark bauen. Und ehrlicherweise muss man sagen: Selbst wenn ich Solarstrom nutze, benötige ich eine steuerbare Energiequelle. Man muss auch sehen, dass die US-Konzerne riesige Rechenzentren im Gigawatt-Bereich bauen. Das entspricht dem Energieverbrauch einer mittelgroßen Stadt.
Oder der Leistung eines großen Atomkraftwerks.
Diesen Strom muss man erst einmal erzeugen. Das wäre ein verdammt großer Solarpark, der zusätzlich viele Batteriespeicher benötigen würde - oder eben kleine Gasturbinen. Nun haben die USA bekanntermaßen große Gasvorkommen. Das machen sich die Unternehmen zunutze, wie Elon Musk in Memphis.
Der hat sein riesiges Rechenzentrum Colossus mit dutzenden Gasturbinen ausgestattet - ohne Genehmigung.
Bei Colossus muss man zwei Standorte unterscheiden. Die umstrittenen Gasturbinen des ersten Rechenzentrums standen in Memphis selbst. Beim zweiten Standort wird auch im benachbarten Southaven in Mississippi Strom erzeugt. Dort sind andere Behörden zuständig.
Setzen die Betreiber auch Kohlekraftwerke für die Stromerzeugung ein? Das würde US-Präsident Donald Trump sicherlich gefallen.
Der will mehr Kohle verbrennen, aber die Konzerne verzichten in der Regel darauf, denn die ist zu teuer. Letztlich geht es darum, möglichst schnell Energie zu bekommen. Deshalb setzt niemand ausschließlich auf neue Atomkraftwerke. Das würde viele gerne machen, aber dann haben sie frühestens 2035 Strom. So lange will niemand warten. Die Rechenzentren entstehen jetzt. Also nimmt man Gasturbinen oder auch Brennstoffzellen.
Die sind quasi das Gegenteil von Elektrolyseuren: Ein Elektrolyseur erzeugt aus Strom und Wasser Wasserstoff. Eine Brennstoffzelle wandelt Erdgas in Strom um.
Ja. Das ist umweltfreundlicher als das Verbrennen von Gas, aber auch teurer. Die Stromversorgung ist immer eine Abwägungsfrage. Die meisten Unternehmen haben letztlich ein Portfolio unterschiedlicher Energiequellen.
Elon Musk hat angekündigt, dass er mit SpaceX Turbinenschaufeln produzieren möchte. Die sind anscheinend der Flaschenhals bei der Herstellung von Gasturbinen. Es soll große Lieferschwierigkeiten geben. Musk möchte den Herstellern helfen.
Es gibt weltweit aktuell nur vier Unternehmen, die solche Schaufeln herstellen. Elon Musk wäre der fünfte Hersteller. Aber das ist wahnsinnig komplex. Diese Schaufeln sind extremen Temperaturen ausgesetzt. Das ist feinste Ingenieurs- und Materialkunst.
Wirkt sich dieser Flaschenhals bereits auf den Bau von Rechenzentren aus? Atomenergie ist offenbar keine Lösung. Auf neue Gasturbinen müssen die Betreiber immer länger warten. Wie sieht es mit Solarenergie und Batteriespeichern aus? Die gibt es im Überfluss.
Es sei denn, man bekommt seine Hände an ein laufendes Atomkraftwerk, aber die haben auch nicht viele freie Kapazitäten. Große Gasturbinen von Siemens Energy, GE Verona oder Mitsubishi Heavy Industries haben derzeit auch teils mehrjährige Lieferzeiten. Wenn es schnell gehen muss, landet man zwangsläufig bei den Erneuerbaren. Windradhersteller wie Vestas melden aus den USA immer wieder große Bestellungen, sagen aber nicht, wer die Kunden sind.
US-Präsident Trump findet Windräder hässlich. Außerdem hält er sie für eine Gefahr für die nationale Sicherheit.
Die Projektgesellschaften und die Betreiber der Rechenzentren wissen ganz genau, welche Energiequelle sich rechnet und welche nicht und welchen Strom sie wie schnell bekommen können. Also kaufen sie Windräder.
Wie sieht es mit Solarenergie aus?
Es kommt darauf an, wo das Rechenzentrum steht. In Arizona oder Texas gibt es viel Sonne. Dort entstehen große Solarparks. Das Problem ist, dass die Betreiber der Rechenzentren den Cloudanbietern in den Verträgen zusagen, dass die Rechenzentren 99,999 Prozent der Zeit verfügbar sind. Das wird nur mit Solarenergie und Batteriespeichern schwierig. Man muss kalkulieren, wie man mehrere schattige Tage übersteht. Deshalb landet man letztlich wieder bei einem Strommix. Das ist umgekehrt übrigens genauso. Gas- und Atomkraftwerke müssen regelmäßig gewartet werden. Das kennen wir aus Frankreich. De facto wollen sich die Rechenzentrumsbetreiber mit diesen Fragen aber gar nicht beschäftigen. Das sind keine Versorgungsunternehmen. Am liebsten wollen sie einfach ans öffentliche Stromnetz.
Wo sie eventuell die Strompreise erhöhen … ist das auch in Deutschland ein Thema? Die für Lidl und Kaufland bekannte Schwarz Gruppe möchte ein großes Rechenzentrum bei Rostock bauen.
Nein. Wir sehen wie beim Bau von Windrädern das "Nicht in meinem Vorgarten"-Phänomen. Ansonsten sorgt man sich eher um den Wasserverbrauch und die Luftqualität. Rechenzentren haben viele Schornsteine auf dem Dach. Das schreckt ab.
Schornsteine?
Für Dieselgeneratoren. Wenn im Vertrag steht, dass das Rechenzentrum 99,999 Prozent der Zeit verfügbar ist, muss ich für einen Stromausfall vorsorgen. Das sollte man aber nicht überbewerten. Wann gab es abgesehen von den Anschlägen in Berlin den letzten großen Stromausfall? Das deutsche Stromnetz muss für die erneuerbaren Energien zukunftsfähig gemacht werden, aber verglichen mit dem US-Netz ist es wirklich der Goldstandard. Die deutschen Projekte sind auch deutlich kleiner als die amerikanischen. Die gehen gern ans Netz, wo früher ein Kohlekraftwerk stand, denn dort ist die Infrastruktur bereits vorhanden.
Und werden mit erneuerbaren Energien betrieben?
Das ist der Vorteil, wenn man an der Küste baut. Als der große taiwanesische Chiphersteller TSMC nach Dresden gegangen ist, hat er auch gesagt: Wir kommen nur, wenn der Flughafen aufbleibt, damit unsere Mitarbeiter unkompliziert an- und abreisen können, und wenn ihr uns erneuerbare Energien zur Verfügung stellt. Das ist bei diesen Unternehmen gesetzt. Die wollen eine saubere und verlässliche Stromversorgung. Das bieten wir. Die größte Herausforderung für Deutschland ist, Technologie und Fortschritt zuzulassen. Entwicklungen wie Windenergie, Solarenergie oder auch künstliche Intelligenz kann man nicht zurückdrehen. Wir sollten eher überlegen, wie wir am meisten davon profitieren können.
Mit Patrick Vogel sprach Christian Herrmann. Das Gespräch wurde am 15. September auf dem TBF Investor Day in Bad Homburg aufgezeichnet und zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören.

