Wirtschaft

Marktbeben als gutes Zeichen Techwerte sind Vorboten einer Normalisierung

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Wer jetzt die Zeichen richtig lesen kann, ist im Vorteil.

(Foto: picture alliance/dpa/New York Stock Exchange via AP)

Die Börsenwoche war turbulent. Die Drosselung der Geldflut, Inflation und Energiekrise machen den Börsianern schwer zu schaffen. Doch wenn Netflix nach allen Übertreibungen, die wir an der Börse gesehen haben, weniger wächst, kann das nur Gutes verheißen.

Die Aktienmärkte brechen seit Jahresanfang ein, um bis zu zehn Prozent, und das ist auch ein gutes Zeichen. Ja, es macht auch Hoffnung. Wenn Sie jetzt fragen, ob sich gerade eine unerkannte Mutante in meinem Nebenhirn eingenistet hat: Lassen Sie mich den Gedanken kurz ausführen.

Seit einigen Wochen geht es an den Börsen turbulenter zu, vor allem Tech-Werte brechen ein, die alle so wunderbar und wahnsinnig gelaufen waren. Apple, eben noch drei Billionen wert, plötzlich "nur" noch 2,6 Billionen. Netflix, Microsoft, Amazon, Meta, Alphabet, der ganze Nasdaq 100 – runter. Der Dax ebenfalls, der S&P 500 auch. Es gibt zwar immer wieder kleine Erholungen, auch diese Woche, aber das Geld wird umgeschichtet, raus aus Aktien, rein in höher verzinste Anleihen.

Die Begründungen kommen im Stakkato: Die Ukraine-Krise, klar, die hohe Inflation und damit einhergehend "Zinsängste". Diesen Ängsten wurde am Mittwoch zumindest ein Pfad und Korridor gewiesen: Die US-Notenbank Fed will ab März die Zinsen anheben. Die Worte von Fed-Chef Jerome Powell waren klar und deutlich. Er ließ sogar offen, die Zinssätze auf den nächsten Sitzungen, die etwa alle sechs Wochen stattfinden, anzuheben. Was die Fed seit 2006 nicht mehr getan hat. Die Fed-Exit-Navigation 2022 wird sicherlich nicht einfach, genauso wenig wie das Navigieren durch eine Omikron-Wand.

All diese Korrekturen sind aber, die Ukraine-Krise einmal ausgenommen, Zeichen einer Normalisierung. Ja, man könnte sagen, dass die Märkte ein Leben vorwegnehmen und durchspielen, auf das wir seit zwei Jahre hoffen. Zudem war immer klar, dass wir einmal die Welt des grenzenlos billigen Geldes verlassen müssen. Anders gesagt: Wenn Netflix weniger wächst und im Marathon geglotzt wird, sind wir vielleicht wieder mehr draußen oder im Kino. Und wenn Notenbanken nicht jeden Monat Milliarden an Staatsanleihen in ihre Bilanzen schleusen, könnte auch das nicht so übel sein.

Übertreibungen und riesige Wetten

Die Börsen hatten sich seit dem Crash im März 2020 nicht nur erholt, manche Kurse waren geklettert, andere regelrecht explodiert. Das geschah unter einigen Prämissen: Erstens, dass die Welt recht bald mit dem Virus zurechtkomme und die Weltwirtschaft wieder wachsen würde - was 2021 auch so eingetreten ist. Zweitens, dass Corona unser Leben dauerhaft verändert: mehr Homeoffice, mehr Online-Handel, überhaupt ein Leben in der digitalen Parallelwelt, wovon vor allem Technologieunternehmen wie Facebook, Netflix und Alphabet, Online-Händler wie Amazon oder Zalando, aber auch Zoom, Slack oder TeamViewer profitieren.

Und drittens dachte man, dass die zinslose und geldsprudelnde Zeit erst Mal so weiter gehen würde, zumal frühere Versuche der Normalisierung in Prä-Pandemie-Zeiten meist wegen einer neuen Jahrhundertkrise unterbrochen werden mussten. So war es auch im Frühjahr 2020, da legten die Notenbanken den Hebel weltweit um. Seitdem wurde viel mit dem Quasi-umsonst-Geld geplant, gerechnet und gewettet. Es gab Übertreibungen, riesige Wetten. Auf dieser Prämisse sind übrigens auch viele Investitions- und Transformationspakete in Europa und den USA gebaut.

Die Annahmen zwei und drei werden nun getestet und hinterfragt: Wenn Omikron wirklich die Phase von der Pandemie zur Endemie einleitet, wenn es die Variante ist, bei der wir irgendwann das Virus laufen lassen – was einige Länder ja bereits versuchen –, dann könnte die Pandemie tatsächlich enden. Das würde die inzwischen sakrale Architektur der Corona-Welt aus einem siechenden Leben im Ausnahmezustand zu Hause und simultan in einer schönen neuen Digitalwelt ins Wanken bringen.

Wachstumsaktien sind Hoffnungswerte

Sie würde nicht einstürzen, aber es knirscht etwas im Gebälk. Das ist traurig für Aktionäre von Peloton, die ihre Aktie vielleicht sogar auf dem luxuriösen Heimtrainer sitzend und schwitzend über Trade Republic geordert haben. Aber für uns alle, so als normale Menschen, wäre es eine gute Nachricht. Es ist auch schade für Netflix, wenn nicht mehr ganz so viele neue Leute Abos abschließen (sie kündigen ja nicht in Scharen, das Wachstum nimmt nur ab; es könnte sogar eine gute Gelegenheit sein, Netflix-Aktien zu kaufen). Für uns alle aber könnte es auch heißen: Biergarten und Restaurant, wie früher und forever.

Tech-Aktien fallen, wenn Marktzinsen steigen, weil künftige Gewinne "weniger wert" sind. Wachstumsaktien sind eben immer Hoffnungswerte, Hoffnung auf hohe Gewinne in der Zukunft, die abgezinst werden. Nun fahren Investoren diese Wetten etwas zurück, sie investieren konservativer, in Anleihen und Substanzwerte.

Am besten kann man diese Umschichtung an den Kursen des Ark Innovations Fonds von Cathie Wood ablesen im Vergleich zur Aktie von Berkshire Hathaway – also Growth versus Value. Cathie Wood galt über Monate als Phänomen, ihre aggressiven Wetten auf Tesla, Zoom oder Coinbase machten sie zum Star. Seit dem Höhenflug hat ihr Fonds über die Hälfte verloren, seit Jahresbeginn um rund 25 Prozent. Berkshire Hathaway mit dem uralt gewordenen Orakel Warren Buffett galt als abgehängt und überholt wie eine nicht mehr ganz frische Cherry-Coke. Seit Jahresbeginn hält Berkshire Hathaways sich wacker, auf Sicht von sechs Monaten ist die Aktie gestiegen.

Wie geht es weiter?

Nun, die bisher heftige Geschichte von Corona ist gepflastert mit Prophezeiungen, dass die Pandemie bald vorbei ist. Bis März, bis Oktober, noch ein paar Monate, Sie kennen die Endlosschleife und sind vermutlich genauso genervt. Aber die Märkte testen dieses Szenario, was auch dafürspricht, dass es "Zinsängste" seit Wochen gibt. Aber das Wort führt in die Irre. Warum vor Zinsen Angst haben? Vor dem Manöver hat man Sorgen, weil nicht immer klar ist, wo welches Spektakel die vergangenen Jahre etwas zu wild war.

Natürlich muss die Fed, vielleicht auch bald die EZB, in erster Linie die viel zu hohe Inflation bekämpfen. Und die bereitet tatsächlich Sorgen. Notenbanken haben diese Inflationsraten nicht kommen sehen, Mohamed El-Erian, einst Pimco-Chef und nun Allianz Senior Advisor, hat dieser Tage festgestellt, dass dieser blinde Fleck als "eine der schlechtesten Inflationsprognosen der Zentralbank in die Geschichte eingehen wird".

Riskante Zinswende

Sicherlich wäre vielen Politikern, Ökonomen und Zentralbankern wohler, wenn die Fed noch einige Zeit auf dem Gaspedal stehen bleiben könnte. Das Wendemanöver geschieht in einer Welt, die immer noch fragil ist. Aber Zinswende und Stopp der Anleihekäufe sind auch Vorboten einer Phase, in der der Ausnahmezustand endet, und damit auch jener Zustand im Geldsystem, der uns alle seit Jahren etwas mulmig werden lässt. Es gibt zwar Leute, die wünschen, dass die Billionen der Notenbanken problem- und zinslos weiter so sprudeln könnten. Aber sie klingen dabei immer wie eine Mischung aus Alchemist und Hütchenspieler.

Die Wende der Fed ist riskant, auch jenseits der Aktienmärkte. Der IWF hat diese Woche diese Vorfreude ein wenig getrübt und die Wachstumsprognosen für 2022 gesenkt. Ein Krieg in Europa, steigende Energiepreise, Omikron überwältigt China, eine neue Mutante, all das kann die Erholung dämpfen oder gar beenden. Downside-Faktoren für 2022 gibt es leider zahlreiche.

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Die Fed glaubt, dass die US-Wirtschaft robust genug ist für eine Normalisierung. Und die macht sich mehr Sorgen um die Inflation, die so hoch ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Angespannte Lieferketten, lange Lieferzeiten und Autos, auf die man monatelang warten muss, sind allerdings auch ein Zeichen für einen intakten Konsum. Schlimmer wäre es, es würde keiner mehr Autos kaufen. Die Arbeitsmärkte, auch wenn manche Daten widersprüchliche Signale senden, haben sich erholt, viele Branchen suchen händeringend Angestellte, sowohl in den USA, als auch in Europa. Bewegungsdaten von Google und anderen Dienstleistern liefern zudem Hinweise, dass der Rückgang von Aktivitäten halb so hoch ist wie noch vor einem Jahr, als viele Länder am Ende der zweiten oder dritten Welle standen und die Bevölkerungen kaum geimpft waren.

Die Korrektur an den Kapitalmärkten war überfällig, sie hat einige Übertreibungen vor allem bei Tech-Werten und Corona-Gewinnern beendet. Das zeigt sich am Ende des Spac-Booms, ebenso am Kurs des Bitcoin, der einmal mehr beweist, dass er nicht ein fancy Aufbewahrungsort für Vermögen in einer besseren Kunstwelt ist, sondern ein irres Spekulationsobjekt. Selbst wenn die US-Notenbank viermal rasch hintereinander Zinsschritte macht, bleiben die Zinsen noch niedrig im historischen Vergleich. In Europa bleiben sie ohnehin sehr niedrig, auf absehbare Zeit.

Und Apple, Netflix und Amazon, nun, sie bleiben Aktien, die man weiter im Depot haben sollte, auch wenn wir bald das Leben fast wie früher genießen sollten.

Der Artikel erschien zuerst bei Capital.de.

Horst von Buttlar ist Chefredakteur von Capital.

Quelle: ntv.de

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