Wirtschaft
Der Tod von Unister-Chef Thomas Wagner wirft weiter viele Fragen auf.
Der Tod von Unister-Chef Thomas Wagner wirft weiter viele Fragen auf.(Foto: picture alliance / dpa)
Montag, 15. August 2016

Falschgeld und Geheim-Kredit: Unister-Chef Wagner ging volles Risiko

Von Hannes Vogel

Der mysteriöse Tod des Unister-Chefs gleicht einem Hollywood-Krimi. Erst jetzt wird das ganze Ausmaß bekannt: Hinter den Kulissen tobte ein heftiger Machtkampf. Und um sein Lebenswerk zu retten, war Thomas Wagner womöglich bereit, Gesetze zu brechen.

Einen Monat nach dem Flugzeugabsturz von Unister-Chef Thomas Wagner in Slowenien geht das Rätselraten um seinen Tod weiter. Bestätigt ist bisher nur Folgendes: Mitte Juli flog Wagner im Privatjet mit 1,5 Millionen Euro in bar nach Venedig, um frisches Geld für seine pleitebedrohte Internetfirma zu besorgen, die Reiseportale wie Fluege.de und Ab-in-den-Urlaub.de betreibt.

Bei Banken bekam Unister zu dem Zeitpunkt längst keinen Kredit mehr. Also ließ sich Wagner auf das zwielichtige Angebot eines Mannes namens Levi Vass ein, der sich als israelischer Diamantenhändler ausgegeben hatte. Laut "Focus" wurde Wagner dabei Opfer eines sogenannten Rip Deals: Um einen zweistelligen Millionenkredit zu erhalten, zahlte Wagner in einem Luxushotel am Flughafen Venedig 1,5 Millionen Euro an, quasi als Sicherheit. Dafür sollte er im Gegenzug 25 Prozent des Kredits bar in Schweizer Franken ausgezahlt bekommen.

Das Geld erhielt Wagner auch. Noch in Venedig stellte er aber fest, dass ihm bis auf 10.000 Franken Falschgeld untergejubelt worden war. Wagner erstattete Anzeige bei der italienischen Polizei. Auf dem Rückflug nach Deutschland stürzte seine Maschine dann in Slowenien ab. Der Pilot, Wagner, Unister-Mitgesellschafter Oliver Schilling und Heinz B., der den dubiosen Deal vermittelt hatte, starben.

"Im Internet ist er nicht zu finden"

Stück für Stück entpuppt sich seit dem Absturz der Hintergrund eines unglaublichen Wirtschaftskrimis, der sich wie ein Hollywood-Thriller liest. Inzwischen untersuchen die Staatsanwaltschaften in Leipzig und Dresden den Fall. Die Ermittler haben Wagners Lebensgefährtin vernommen. Mit ihr soll der Unister-Chef während der Transaktion telefonisch und per SMS in Kontakt gestanden haben. Was bisher über den mysteriösen Todesfall an die Öffentlichkeit gedrungen ist, vermittelt von Wagner das Bild eines Getriebenen. Eines Mannes, der offenbar bereit war, für die Rettung seines Lebenswerks womöglich auch die Grenzen der Legalität zu überschreiten.

Video

Nicht nur reiste Wagner wohl im Privatjet nach Italien, um zu vermeiden, die Millionensumme im Gepäck auf Befragen wie vorgeschrieben beim Zoll anzeigen zu müssen. Lange vor seiner verhängnisvollen Reise soll er gewusst haben, worauf er sich einließ. Eine Unister-Delegation soll sich laut "Handelsblatt" schon Ende Juni im Auftrag von Wagner im Hotel Luisenhof in Hannover mit dem Finanzvermittler Heinz B. und anderen Beratern getroffen haben, um das Geschäft mit dem israelischen Diamantenhändler zu sondieren. Die Männer hätten sich aber so merkwürdig verhalten, dass die Unister-Leute das Treffen schon nach 25 Minuten abbrachen, schreibt das "Handelsblatt". Sie sollen die Vermittler für unseriös gehalten und Wagner von dem Deal abgeraten haben.

Doch der Unister-Gründer schien offenbar verzweifelt. Sein Lebenswerk war vom Untergang bedroht. Seine Firma brauchte dringend Geld. Google und das Finanzamt saßen Unister wegen offener Rechnungen im Nacken. Krankenkassen pfändeten bereits Konten. Und ein Millionenkredit der Versicherung Hanse-Merkur lief aus.

Also ließ sich Wagner auf den dubiosen Deal ein. Zweifel hätten ihm kommen können: Die Polizei warnt seit langem vor Rip Deals. Die Betrugsmasche, bei denen Reiche Verkaufsprovisionen für ihre Luxusvillen und Yachten oder Anzahlungen für Millionenkredite von angeblichen Scheichs und vermeintlichen italienischen Geschäftsleuten nie wieder sehen, ist seit Jahren bekannt.

Unfallursache weiter unklar

Einer der Berater aus dem Hannoveraner Hotel beschrieb Wagners "Kreditgeber" laut "Handelsblatt" als Levi Vass, einen Israeli, der seit 30 Jahren im weltweiten Diamantengeschäft tätig und daneben an verschiedenen Spielbanken beteiligt sei. "Im Internet ist er nicht zu finden, was angesichts der Diskretion seiner Geschäfte nicht verwundert", heißt es in der Mail an Wagner.

Ob Wagners Absturz wirklich ein Unfall war, ist unklar. Zwar sind bisher keine Hinweise auf eine Manipulation von Wagners Flugzeug bekannt. Das Höhenruder der Maschine wird aber noch immer gesucht. Auf dem Flug war das Wetter schlecht. Laut "Sächsischer Zeitung" änderte der Pilot kurz nach dem Start den Kurs. Er habe Vereisungen vermeiden wollen, die durch starke Wolkenbildung gedroht haben könnten.

Unabhängig von der Ursache dürfte dem vermeintlichen israelischen Diamantenhändler Wagners Absturz mehr als gelegen gekommen sein. Nicht nur Wagner, sondern auch die meisten Zeugen des Geschäfts sind tot, inklusive dem Vermittler Heinz B. Zeit für die Manipulation der Maschine hätte es gegeben: Wagner blieb laut "Handelsblatt" eine Nacht länger in Venedig als geplant, weil erst ein Dolmetscher für seine Anzeige gefunden werden musste.

Wusste Wagners Gegner Bescheid?

Vor der drohenden Pleite tobte bei Unister ein heftiger Machtkampf zwischen Wagner und dem Co-Gründer Daniel Kirchhof. Gemeinsam hatten beide das Unternehmen einst aufgebaut, sich dann aber zerstritten. Kirchhof behauptete unter anderem, Wagner würde Mitarbeiter und Gesellschafter von Unister mit geheimdienstlichen Methoden illegal überwachen lassen. Wagners Widersacher Kirchhof soll frühzeitig Wind von dessen Venedig-Geschäft gehabt, es aber nicht gestoppt haben.

Schon drei Tage vor Wagners Abflug hielt Reinhard Rade, ein Kirchhof-Vertrauter, laut "Handelsblatt" in einer Strafanzeige Details zu dem dubiosen Deal fest. Von dem Venedig-Trip will Rade zufällig von einem Freund erfahren haben, dem das gleiche Geschäft im Hannoveraner Luisenhof angeblich kurz vor der Unister-Delegation angeboten worden sein soll. "Ich wollte dies den Behörden melden, damit Wagner am Flughafen in Venedig mit dem Bargeld abgefangen wird", beteuert Rade gegenüber dem "Handelsblatt". Doch seine Anzeige schickte Rade nie ab - laut eigenen Angaben wegen eines akuten Krankenhausaufenthalts. Dafür zeigte Kirchhof seinen Widersacher Wagner gleich nach dessen Absturz wegen Geldwäsche an.

Die Anzahlung für den Venedig-Deal soll bei Unister abgezweigt und womöglich illegal aus der Kasse genommen worden sein. Das Geld soll laut "Handelsblatt" vom Konto der kaum bekannten Unister-Tochter Holidayreporter GmbH stammen. Über eine lange Kette von Darlehensverträgen zwischen verschiedenen Töchtern der Unister-Gruppe sei es zuvor auf das Konto verschoben worden. Solche Transfers sind grundsätzlich kein Problem. Doch wenn damit im Pleitefall der Zugriff von Gläubigern verhindert werden soll, können sie strafbar sein. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin soll Wagner das Geld laut "Focus" in Leipzig abgehoben haben. Ausgezahlt worden sein soll es laut "Handelsblatt" als Privatkredit an Wagner. Sogar sein eigenes Gehalt als Geschäftsführer habe der Unister-Gründer verpfändet, um die Abhebung zu sichern.

Quelle: n-tv.de