Marktberichte

Öl-Preise brechen ein Virus-geschwächte US-Börsen auf Talfahrt

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Offenbar erwarteten Investoren eine Deflation, eine Spirale fallender Preise und rückläufiger Investitionen.

(Foto: imago images/UPI Photo)

Die Furcht vor den wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Pandemie hat die Wall Street trotz eines billionenschweren US-Konjunkturprogramms fest im Griff. Auch der Ölpreis kannte auf dem Weg nach unten kaum ein Halten, da es im Preiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland keine Annäherung gibt.

Der Crash an der Wall Street hat den Dow-Jones-Index phasenweise unter die Marke von 19.000 Punkten gedrückt, den tiefsten Stand seit November 2016. Gleichzeitig brach der Preis des US-Öls ein - in der Spitze um über 20 Prozent. Der Aktienhandel war zwischenzeitlich für 15 Minuten unterbrochen, nachdem der S&P-500-Index 7 Prozent eingebüßt hatte. Die Börsenregeln sehen für diesen Fall eine Pause, die zu einer Beruhigung des Geschehens beitragen soll.

Trotz einer Schlussrally, die die Verluste noch deutlich verringerte, wurde die Zwischenerholung vom Vortag damit zur Makulatur. Im Handel ging die Sorge um, dass ein von der US-Regierung geplantes Maßnahmenpaket nicht ausreichen wird, um die kaum absehbaren Folgen der Coronavirus-Pandemie in den Griff zu bekommen.

Der Dow-Jones-Index bewegte sich in einer Spanne von 18.917 Punkten im Tief und 20.489 Punkten im Tageshoch. Am Ende lag er bei 19.898 Zählern und damit 6,3 Prozent tiefer als am Vortag. Der S&P-500 gab um 5,2 Prozent nach und der Nasdaq-Composite um 4,7 Prozent. Den 129 (Dienstag: 1.775) Kursgewinnern an der NYSE standen 2.907 (1.243) -verlierer gegenüber. Unverändert schlossen nach ersten Angaben 8 (28) Aktien.

US-Präsident Donald Trump soll zur Ankurbelung der Konjunktur auch auf "Helikoptergeld" in Form von Direktzahlungen setzen. Wie aus einem Memo des Finanzministeriums hervorgeht, in das das Wall Street Journal Einsicht hatte, plant die Regierung zwei Runden von Direktzahlungen an die Amerikaner in Höhe von insgesamt 500 Milliarden Dollar, um die wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus-Ausbruchs abzuschwächen.

Die Direktzahlungen sollen am 6. April und 18. Mai als Teil des bis zu 1 Billion US-Dollar schweren Konjunkturpakets der Regierung erfolgen. Trump hatte bereits am Dienstag ein "großes, mutiges Paket" angekündigt, aber noch keine konkreten Zahlen genannt.

Trotz des gewaltig erscheinenden Volumens hegen viele Marktteilnehmer Zweifel, ob dies reichen wird. "Die alles überragenden fundamentalen Fragen, wann die Virus-Pandemie abklingen wird und wie kleinere Unternehmen und ihre Beschäftigten das überstehen, bleiben unbeantwortet. Erst wenn eine Lösung näher rückt, werden die Märkte einen Boden finden" kommentiert Anlageexperte James Meyer von Tower Bridge Advisors die Stimmungslage.

In den vergangenen Wochen hatte die US-Notenbank schon vergeblich versucht, über zwei drastischen Notzinssenkungen die Lage an den Finanzmärkten zu beruhigen. Die Maßnahmen hatten die Anleger aber eher noch mehr verunsichert.

Ökonom Michael Feroli von JP Morgan wartete mit der Aussage auf, sein Haus rechne im ersten Quartal mit einer annualisierten BIP-Schrumpfung um 4 Prozent und im zweiten Quartal von 14 Prozent. Bei der Arbeitslosenrate stellte er einen Anstieg von derzeit 3,5 auf 6,5 Prozent in Aussicht. Immerhin hält er im zweiten Halbjahr eine starke Erholung für möglich und rechnet für 2020 mit einer BIP-Kontraktion von 1,5 Prozent.

Trotz der Verluste an den Aktienmärkten wurden auch Anleihen verkauft, die in Krisenzeiten eigentlich als sicherer Hafen gelten. Bereits am Dienstag hatten die Renditen den größten Eintagessatz nach oben gemacht seit 1987. Auslöser war die Erwartung, dass das staatliche Maßnahmenpaket eine stark steigende Mittelaufnahme zur Finanzierung nach sich ziehen dürfte. Beobachter sprachen daneben auch von Notverkäufen in allen Anlageklassen, also auch bei Anleihen. Die Rendite zehnjähriger US-Anleihen machte erneut einen kräftigen Satz nach oben um 12 Basispunkte auf 1,20 Prozent.

Rohöl WTI
Rohöl WTI 24,59

Der US-Ölpreis kannte derweil auf dem Weg nach unten kaum noch ein Halten. Der Preis der Sorte WTI lag zuletzt rund 16,5 Prozent niedriger bei 22,49 Dollar. Brent-Öl hielt sich mit einem Minus von gut 9 Prozent etwas besser. Gegenüber den jüngsten Hochs im Januar sind das Rückgänge um über 60 Prozent. Zuletzt war Öl vor 18 Jahren so billig zu haben. Auf die WTI-Preise drückten zusätzlich US-Lager- und Produktionsdaten. Erstere zeigten den achten Wochenanstieg in Folge. Zugleich erreichte die US-Ölförderung in der Vorwoche den erst im Vormonat aufgestellten Rekordwert von 13,1 Millionen Barrel pro Tag.

Analysten sprachen von der düstersten Nachfragesituation, die man seit langem gesehen habe. Wegen der Coronavirus-Pandemie gebe es einen simultanen Einbruch der Nachfrage nach Kerosin für den Flugverkehr, nach Benzin, nach Treibstoff für Schiffe, nach Öl für die Chemieindustrie und zur Energiegewinnung. Hinzu kommt laut Analystin Louise Dickson von Rystad Energy, dass weder Saudi-Arabien noch Russland in ihrem Streit davon abrücken dürften, die Ölförderung zu erhöhen. "Was wir sehen ist das Äquivalent einer Atombombe für den Ölmarkt", so Dickson drastisch. Edward Moya von Oanda kommentierte: "Das Öl kämpft gegen ein dreiköpfiges Monster aus globaler Rezession, Überangebotschwemme und Nachfrageeinbruch".

Goldpreis
Goldpreis 1.616,41

Der Goldpreis gab wieder nach. Die Feinunze verbilligte sich um 44 Dollar auf 1.489. Hier war unter anderem weiter von Notverkäufen als Belastungsfaktor zu hören. Auch der weiter steigende Dollar und insbesondere die anziehenden Anleiherenditen drückten auf den Preis, weil das zinslose Gold damit an Attraktivität verliert.

Der Dollar legte weiter kräftig zu und profitierte von seinem Ruf als sicherer Hafen und den sprunghaft gestiegenen US-Renditen. Der Dollar-Index machte weitere 1,5 Prozent gut. Der Euro glitt weiter ab auf zuletzt 1,0887, verglichen mit über 1,13 vor Wochenfrist. Derweil war das Pfund Sterling in Dollar so billig wie zuletzt vor 35 Jahren.

Beobachter sehen weiter Aufwertungspotenzial im Greenback. Sollte die Nachfrage für den US-Dollar als vermeintlich sicherer Hafen andauern, dann könne der Euro in Richtung der Marke von 1,05 Dollar fallen, so Derek Halpenny, Head of Research for Global Markets bei MUFG.

Schwächster Sektor war die Autobranche. Die drei großen US-Hersteller schließen Kreisen zufolge ihre US-Produktionsstätten zeitweise. Der S&P-500 Auto-Index brach um rund 17 Prozent ein, gefolgt vom Energiesektor mit etwa 14 Prozent.

Tesla Motors (USD)
Tesla Motors (USD) 459,12

Unter den Einzelwerten verloren Tesla 16 Prozent. Auf Anordnung der zuständigen Polizeibehörden, die eine weitere Ausbreitung des Coronavirus verhindern wollen, muss der Hersteller von Elektroautos sein Werk im kalifornischen Freemont doch schließen. Eigentlich hatte Tesla-Chef Elon Musk die Produktion aufrechterhalten wollen.

Die Boeing-Aktie gehörte erneut zu den größten Verlierern im Dow, sie stürzte um fast 18 Prozent ab. Der Flugzeugbauer hatte sich am Dienstag für ein 60 Milliarden Dollar schweres Rettungsprogramm für die Flugzeugbranche ausgesprochen.

Chevron verloren im Sog des Ölpreisdebakels über 22 Prozent an Wert. Conoco Philips hielten sich mit einem Minus von 13,6 Prozent etwas besser. Hier stützte die Ankündigung geringerer Investitionen und eines behutsamen Aktienrückkaufs.

Die Aktien des an der Nasdaq notierten Mainzer Biotechnologie-Unternehmens Biontech setzten ihr Kursfeuerwerk fort und schossen nach dem 66-prozentigen Plus am Vortag um weitere 38 Prozent nach oben. Das Unternehmen soll mit einem potenziellen Impfstoffprogramm gegen das Coronavirus bereits weit sein und Ende April damit in die klinische Phase gehen.

Quelle: ntv.de, jki/DJ