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Anlegerschützer im Interview "Rocket Internet kastriert seine Anleger"

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Knapp sechs Jahre nach dem Börsengang will sich Rocket Internet schon wieder vom Aktienmarkt verabschieden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Rocket Internet will den Startup-Inkubator von der Börse nehmen. Unter den Aktionären ist die Empörung über das Rückkaufangebot groß. Im Interview mit ntv spricht Anlegerschützer Marc Tüngler von "legalem Betrug". Schließlich werde den Aktionären die Möglichkeit genommen, ihre Aktien schnell zu verkaufen.

ntv: Rocket Internet will von der Börse. Viele Anleger realisieren erst jetzt, welche Verluste sie über die Jahre gemacht haben. Die Empörung über das Rückkaufangebot ist groß. Ist das Problem aber nicht vielmehr, dass die Aktie nicht läuft, obwohl Internet-Aktien eigentlich boomen?

Marc Tüngler: In der Tat traut man den Samwer Brüdern und auch Rocket Internet nichts richtig zu. Aber: Jetzt werden die Aktionäre durch dieses eigenartige Übernahmeangebot und den Plan, von der Börse zu gehen, auch noch abgeschnitten. Das ist letztendlich legaler Betrug, das muss man sagen.

Legaler Betrug? Nicht eher ein Angebot? Man kann es schließlich ablehnen und weiter an Rocket Internet beteiligt bleiben.

Betrug ist sicher zu hart, da haben Sie recht. Aber man darf eines nicht vergessen: Wer an einer börsennotierten Gesellschaft beteiligt ist, hat die Möglichkeit, die Aktien schnell über die Börse zu verkaufen. Aber wenn jetzt das Delisting kommt, gibt es sie nicht mehr. Es wird also keinen Markt mehr geben und schon gar keinen fairen oder freien Handel mehr. Und damit werden die Aktionäre letztendlich kastriert. Sie sind dann abhängig davon, dass irgendjemand ihnen irgendwo eine Aktie abkauft, zu einem Preis, der gar nicht irgendwie an einem Markt generiert wird.

Was sollte man als Anleger aus Ihrer Sicht tun. Klagen?

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Klagen? Ich betonte ja, legal ist es schon. Vor vier oder fünf Jahren ist das Delisting in Deutschland geregelt worden. Wir als Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz haben uns da massiv dagegengestellt. Es ist eben nicht der wahre Wert der Aktie und des Unternehmens relevant für das Übernahmeangebot, das jetzt den Rocket-Aktionären offeriert wurde, sondern der Börsenkurs der letzten sechs Monate im Durchschnitt. Jetzt sehen wir, dass der Kurs bei Rocket sehr schlecht gelaufen ist. Genau das macht das Delisting überhaupt so attraktiv für den Großaktionär und für die Gesellschaft. Die Aktionäre werden ausgebremst, weil die Alternative, die sie haben - in einem nicht börsennotierten Unternehmen zu bleiben - sehr unattraktiv ist. Heute muss man sagen, der innere Wert ist deutlich über 30 Euro. Da fehlen also mindestens 12 Euro. Aktionäre sollten also eher drin bleiben, eigentlich.

Wenn Sie sagen, der innere Wert ist 30 Euro: Warum spiegelt sich das an der Börse nicht wider?

Ja, das ist interessant. Es gibt kein Vertrauen, dass die Geschichte weitergeht. Aber wenn man sich die Bilanz von Rocket Internet anschaut, sieht man, dass allein 2,5 Milliarden Euro an liquiden Mitteln vorhanden sind. Und darauf kommt noch die Chance aus den Beteiligungen. Das Angebot bewegt sich im Rahmen der Marktkapitalisierung um zwei Milliarden. Da gibt es schon eine Diskrepanz.

Ist nicht auch ein ganz anderes Problem, dass Rocket nicht zur Börse passt? Da wird ja Transparenz verlangt, also Offenheit in allen Belangen. Und so ein Startup-Finanzierer, der ist eben nicht immer offen.

Vollkommen richtig. Das haben wir auch immer bemängelt auf den Hauptversammlungen. Das muss aber jeder Aktionär selbst für sich entscheiden, ob er denn bei einem so systematisch intransparenten Unternehmen beteiligt sein möchte. Die Aktionäre haben sich entschieden und gesagt: 'Ja, ich möchte die Chance mitnehmen'. Genau das ist jetzt das Problem. Diese Chance wird ihnen jetzt genommen. Sie mussten vorher mit Intransparenz schon umgehen, sehr bewusst. Jetzt werden sie auch noch ausgebremst.

Mit Marc Tüngler sprach Raimund Brichta

Quelle: ntv.de